Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 1. seinen Ohren nicht hört und sein Herz nicht die Einsicht hat, umzukehren, auf daß es geheilt werde," ist inbeziig auf die politische Erkenntnis der Juden leider noch immer wahr. Ans dem Gebiete der allgemeinen staatlichen und internationalen Politik haben viele Juden, wie das die große Zahl hervorragender jüdischer Journalisten beweist, ein richtiges Urteil; sobald es sich aber um die Beurteilung ihrer eigenen politischen Interessen handelt, ist der Verstand und die Einsicht geschwunden, sehen die Augen die offen liegenden Tatsachen nicht und sind die Ohren für das auf allen Seiten erschallende Geschrei des Judenhasses taub. Erfahrung heißt es, macht klug! Leider lehrt auch die Erfahrung, daß selbst die Erfahrung die Juden nicht klug macht. In wert höherem Maße noch als von den sogenannten deutschen Juden, gilt dies von den Juden, welche sich den Tschechen trotz aller schimpflichen Abweisungen und unsanften Abschüttelnngen an die Rockschöße hängen. Für beide wäre es am besten, die Sprache beider Bolksstämme sich zu eigen zu machen, sonst aber sich auf sich selbst zurückzuziehen, in die nationalen Streitigkeiten und Kämpfe sich nicht zu mischen und mit vereinter Kraft für die Erhaltung des Judentums und die Wahrung seiner alten kostbaren Schätze: die erhabene väterliche Religion, die heilige Sprache und jüdische Wissenschaft tätig zu sein und angelegentlichst Sorge zu tragen. Mögen alle jene, welche einen inneren Drang zur Entfaltung einer öffentlichen Wirksamkeit in sich verspüren, dessen Befriedigung auf dem angegebenen Gebiete suchen. Für persönliche Ambitionen gibt es ja weder im deutschen noch im tschechischen Lager noch .Raum. Das beweist am besten der böhmische Landtag, der schon seit Jahren ganz jndenrein ist. Allerdings hat das einen tschechisch-klerikalen Reichsratsabgeordneten nicht gehindert, zu behaupten, daß an der Obstruktion im böhmischen Landtage die Inden schuld seien. O, Genius der Wahrheit und Menschlichkeit, verhülle dein Haupt, sobald Klerikale und Christlichsoziale über Juden sprechen und schreiben. Siehe Interpellation Straucher! Prag. Isch-Jelmdi. Budget der Wiener Knttnsgemeiude. In der Sonntag, den 27. Dezember 1908, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung des Kultnsvorstandes wurden die in wiederholten Beratungen der Kommissionen und des Venreterkollegiums ausgestellten Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der Wiener Kultusgemeiude für das Jahr 1909 dem Plenum zur Genehmigung vorgelegt. Die detaillierte, ziffernmäßige Zusammenstellung der Bedürfnisse der Gemeinde, sowie deren Deckung durch die voraussichtlichen Einnahmen ist in einem stattlichen, 157 Druckseiten umfassenden Bande gegeben und schon ein flüchtiger Blick ans dieses mit mehr als 3 Millionen Kronen bezifferte Budget genügt zur Vermittlung der Erkenntnis, daß mit dem natürlichen Wachsen der Kopfzahl der Wiener jüdischen Bevölkerung in den letzten Jahren auch die Entwicklung der einzelnen Institutionen der Kultusgemeinde vorwärts geschritten ist und daß die Verivaltung, wenn sie trotz der immer steigenden Bedürfnisse das Gleichgewicht im Gememdehaushalte zu erhalten wußte, eine anerkennenswerte Probe ihrer Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit gegeben hat. Das Referat über das Budget erstattete, gleichwie im Vorjahre, Herr Kultusvorsteher Max F r a u k. der in seiner präzisen und klaren Art nicht nur ein übersichtliches Bild der Einnahmen und Ausgaben bot, sondern auch mannigfache Anregungen gab, die sicherlich vollste Beachtung seitens des Kultnsvorstandes finden werden. Abgesehen von den Ausführungen des Referenten bewegte sich die Debatte in recht engen Grenzen und hätte sich nicht Herr Dr. Markus Spitzer zum Worte gemeldet, dann wäre vielleicht das Budget ganz sang- und klanglos genehmigt worden. Ueberhanpt scheint bei der Mehrzahl der Vorstandsmitglieder die Neigung zu bestehen, beim Budget gleichwie beim Rechnungsabschluß möglichst wenig zu sprechen und die öffentliche Sitzung zu einer bloßen Abstimmungsformel herabzndrücken. Das kann keineswegs gebilligt werden. Es ist allerdings begreiflich, daß die Herren Vorstandsmitglieder nach den vorangegangenen wiederholten. Beratungen des Budgets im Vertreterkollegium sich nicht mehr viel Neues zu sagen haben, aber sie sind ja nicht nur einander, sondern auch den Gemeindemitgliedern Aufklärung schuldig, und da wäre es wohl angezeigt, daß jeder Einzelne über jene von ihm gegebenen Anregungen, die im Budget rechnungsmäßigen Ausdruck finden, oder auch über solche, die ans beliebigen Gründen nicht berücksichtigr werden konnten, in der öffentlichen Sitzung berichtete. Dadurch würde auch außerhalb der Wahlzeit das Interesse der Gemeindemitglieder an der Gemeindeverwaltung erweckt, und vielleicht würde es auch dann dahin kommen, daß in einer öffentlichen Plenarsitzung, in der das Budget von 3 Millionen zur Vorlage gelangt, die Oeffentlichkeit nicht bloß durch fünf Personen, einschließlich der Vertreter der Presse, repräsentiert wird. Zum Schluffe noch eine bndgettechnische Anregung. Um die gesamte finanzielle Gebarung, der Gemeinde in ihrer wirklichen Höhe zu zeigen, würde es sich empfehlen, auch die Stiftungen in das Budget einznbeziehen, wodurch besonders auf dem Gebiete der Wohltätigkeit zum Ausdruck käme, was durch die Gemeinde faktisch geleistet wird. Im Nachstehenden der ausführliche Bericht: Aus dem zu Beginn der Sitzung verlesenen Spendenverzeichnisse und Einlaufe sei besonders hervorgehoben: eine Spende des Bankhauses S. M. v. Roth s ch i ld in der Höhe von K 5000 für den „Allgem. österr.-israel. Bund" und ein Schreiben der Frau Ernestine v. T h o r s ch, in welchem dieselbe den Empfang des Original-Stiftbriefes über die von ihr im Vorjahre zur Erweiterung des Versorgnngs- und Siechenhauses gemachte Stiftung im Betrage von K 608.000 bestätigend, dem Kultnsvorstande für die Aktivierung der Stiftung Dank und Anerkennung zollt. Der Präsident teilt mit, daß er von dem vor einiger Zeit erkrankten mit) nunmehr in Rekonvaleszenz befindlichen I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n ersucht wurde, sein Ausbleiben von der heutigen Sitzung zu entschuldigen und seiner Erwartung Ausdruck zu geben, daß es ihm möglich sein werde, bereits der nächsten Sitzung beiznwohnen. Bei dieser Gelegenheit bemerkt der Präsident, daß der Vorstand seit 20 Jahren nicht einen so starken Krankenstand wie jetzt gehabt hatte. Hierauf wird in die Beratung des Budgets eingegangen. Voranschlag pro 1909. A. Bethänser, Kultus und rituelle Angelegenheiten. Einnahmen. K 221.337- — Ausgaben. „ 551.130' — Zuschuß. . . . 329.793 - B. Unterrichtsangelegenheiten. Einnahmen. K 63.276 28 Ausgaben. „ 373.859 28 Zuschuß. „ 310.583 - — C. Friedhofs- und Beerdignngsangelegenheiten. Einnahmen. K 740.605 - — Ausgaben. „ 416.967-12 Ueberschuß. „ 323.637 88 D. Israelitisches Spital. Einnahmen. K 193.552 - 62 Ausgaben.\ .. „ 407.959- — Zuschuß. „ 214.406 38 E. Jsraelitsche Versorgungsanstalt. Einnahmen.K 95.678-44 Ausgaben. „ 203.653* — Zuschuß. „ 107.974 56 F. Armen- und Wohltätigkeitsangelegenheiten. Einnahmen. K 26.128*17 Ausgaben. „ 305.618- — Zuschuß.. „ 279.489 83 G-. Finanzielles und administrative Angelegenheiten. Einnahmen.K 1,612.397*82 Ausgaben . 755.854 09 Ueberschuß. „ 1,340.459 * —