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Die Wahrheit · 1908-12-25 · Heft 50 (25.12.1908) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 50 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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eeite 10. Die Wahrheit Nr. 50 dur.cb Kantor Laub und einen gemischten Chor vorgetragenen Festpsalmen hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Nürnberger die in Form und Inhalt der Feier eursprechende Festpredigr. Hamburg. Am 1. Jänner 1909 begehr der hier sehr beliebte Oberkanror I. Dreiblarr sein 2bjähriges Ämtsjubiläum. Der Jubilar ist seit Eröffnung den neuen Chorsynagoge im Anne und erfreut sich größter Wertschätzung. Es hat sich ein Festkomitee gebilder, welches sich zur Aufgabe gestellt hat, dem Jubilar au diesem Tage verschiedene Ehrungen entgegenzubringen. Feuilleton. Eine geöildele Iran. Bon Ballette Fried. (Fortsetzung). „Dies besorge ich selber," sagte einfach Nösl. „Sie, eine Jüdin?" — — „Darf dies eine Jüdin nicht tmt?“ „Ich glaube bloß, daß Sie dies als Jüdin einer Andersgläubigen nickt werden tun wollen, es ist dock immerhin eine gefährlicke Sache." „Ich tue dies nicht als Jüdin, sondern als Mensch, nicht der Christin gegenüber, sondern einem. Mitmenschen. — Aber eine andere Frage! Das Kind kann nicht hierbleiben. Was geschieht mit dem?" „Ich werde noch heute mit dem Bürgermeister darüber sprechen." „Nock heute! Das Kind darf keine Stunde in dieser verpesteten Lust bleiben, sonst wird es selber krank! Bitte, Hockwürden, nehmen Sie es einstweilen zu sich!" Der Geistliche wurde verlegen. „Gerne, liebe Frau, würde ich dies tun. doch meine alte Schwester, die mir den Haushalt führt, ist so eigen, hat namentlich so gräßliche Angst vor der Ansteckung. Ich selber muß ein ganz separates Zimmer bewohnen, wohin sie niemals kommt, weil mich meine Pflicht tagtäglich an das Lager von Cholerakranken führt. Wenn ich ihr dies Kind direkt ans einem infizierten Hanse brächte, ich glaube, sie stürbe ans Angst." Dann nehme ich es zu mir!" „Auch das ist nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Ich selber bin in dieser Beziehung ganz vorurteilsfrei, nickt so aber das Volk mid die etwaigen Verwandten des Mädchens. Man würde mir es verdenken, das Kind in ein jüdisches Haus gegeben zu haben, es würde dies dem üblichen Gebrauche zuwidergehandelt scheinen." „Hochwürden," sagte daraus Rösl, ihre Entrüstung kaum zurückhaltend, „ich habe es der sterbenden Mutter da' drinnen versprochen, mich des Kindes änzunehmen, und diese Pflicht beginnt für mich mit dem Augenblick ihres Todes. Aus diesem Grunde setze ich mich über das Verletzende Ihrer Ablehnung hinweg und mache Ihnen folgenden Vorschlag: Für heute Nacht gestatten Sie der armen Waise, den Aufenthalt in meinem, dem Judenhause. Morgen übergebe ich es einer edelherzigen christlichen Dame, welche es sorgfältig erziehen und ziz einer guten Christin und einem tüchtigen Frauenzimmer heranbilden wird. Sollte sich dieselbe, was ich jedoch bezweifle, weigern, dies Liebeswerk auszuüben, so bleibi ja dem Bürgermeister noch immer Zeit, seine Bestimmungen zu treffen. Heute jedoch braucht das Kind nach all seiner körperlichen und moralischen Aufregung vor allem der Ruhe und Pflege, was es am besten bei mir zuhause haben kann." „Sie sind ein wackeres Weib, Frau Meisterin," sagte gerührt der Geistliche, „tun Sie, wie Sie sagten!" Drittes Kapitel/ Die beiden armen Witwen, welche in dem kleinen Hänschen nahe dem Flusse ihr elendes, sorgen- und knmmerbeladenes Leben gesriestet hatten, dessen einziger Sonnenschein das Liesel gewesen, diese beiden, welche so einträchtig nebeneinander gewohnt und gar oft den letzten Bissen Brot mit einander geteilt hatten, Krumm Jittel und die Taglöhnerswitwe Schilling, diese beiden wurden fast gleichzeitig von der furchtbaren Seuche dahingerafft und an demselben Nachmittag ohne Sang und Klang, unter strömenden Regen ihrer letzten Behausung zugeführt. Jedoch jede von ihnen nach, einer anderen Richtung; die eine zu dem katholischen, die andere zu dem jüdischen Friedhose. Es war schon ziemlich dunkel geworden, als Nösl, die zitternde Waise an der Hand führend, ihrer Wohnung zuschritt. Die eigenen schweren Sorgen hatte sie schier vergessen vor Sorge j um das fremde Waisenkind, in dessen Lage sie sich so'gut ver- > setzen konnte. Zn Hause angelangt, bereitete sie vor allem einen Kaffee znm Nachtmahle für die ganze Familie, von dem sie die erste Tasse dem hungernden und durchfrorenen Kinde reichte. Gierig schlürfte Liesel die so lang entbehrte Labung, und ihre blassen Wangen röteten sich sofort nach dieser wohltuenden Erfrischung. Dann brachte Rösl die verwundert dreinschauenden Knaben zu Bette, und als diese eingeschlafen waren, bereitete sie dem während der Mutter Krankheit arg verwahrlosten Mädchen ein warmes Bad, wusch und kämmte es, dann bereitete sie ihm ein gutes Lager, wo es mit der nur Kindern eigenen Sorglosigkeit entschlummerte. Den darauffolgenden Vormittag mußte Rösl ihrer häuslichen Arbeit widmen und das Mittagsmahl besorgen, an bem anch das fremde Mädchen teilnahm, welches den ganzen Vormittag üben beim Meister gesessen, und ihm bei der Arbeit zngeschant hatte, während der gute, einfache Mann sich mit ihm' unterhielt Mit den Knaben zu spielen, lehnte Liesel ab, es war ihr nicht so fröhlich zu Mute, um spielen zu können. Nachmittags nahm Rösl das Kind au die Hand und führte es zu der Dame, von der sie mit dem geistlichen Herrn gesprochen hatte. In ihrem Eifer hatte sie ein Versprechen gegeben und jetzt klopfte ihr Herz vor innerer Unruhe, ob sie nicht mehr versprochen, als ihr zu halten möglich , war: An dem ihr wohlbekannten Hanse angelangt, ließ sie vorläufig Liesel bei einer bekannten im Erdgeschosse wohnenden Frau und begab sich allein in den ersten Stock, woselbst sie an. eine Türe-anklopfte, an der ein Porzellanschild mit der Aufschrift: Kunigunde Barta, Lehrerin, angebracht war. Ans das laute „Herein" öffnete sie die Türe und stand einer so ziemlich gleichaltrigen Dame gegenüber, welche, ein.Buch in der Hand haltend, erwartungsvoll auf die Türe blickte, durch welche Rösl eingetreten war. „Ei, Rösl," rief die Dame freudig-ans, als sie ihren Besuch erkannt hatte, „daß Du Dich auch einmal wieder blicken läßt. Wie lange mußte ich Deinen Besuch entbehren!" „Du weißt, liebe Gundel, daß ich jetzt wenig Zeit zu Besuchen, habe." „Ich weiß, ich weiß. .Deine Samariterarbeit nimmt Dich ganz in Anspruch. Aber ist es auch recht, die einsame Freundin so arg zu vernachlässigen? Und was sagt mein alter Freund, Meister Elias dazu, daß Du ihm die Kinder und gewiß auch das Hauswesen im Stiche läßt,-. um Dir ewiges Heil als freiwillige Krankenpflegerin zu suchen?" „Dn bist bitter, Gundel! Wer Dich nicht kennte, der würde Dich für recht hart und unbarmherzig halten. Ich weiß, es ist nur Freundschaft für mich und liebevolle Fürsorge für die Meinen, was Dich derart sprechen läßt; ich weiß dies wohl, deswegen vergebe ich Dir es auch, daß Du mir meine Tat übel anslegest, welche eigentltch eine heilige Pflicht ist." „Nur Dn, Du allein, hast diese Pflicht, warum nicht anch andere?" „Alle haben diese Pflicht, aber nur wenige den Mut, der zu dieser Pflichterfüllung notwendig ist, und noch weniger einen solchen geringen Grad von Lebenssreudigkeit wie ich." „Du sündigst, Rösl, mit diesen Worten mehr, als Dn mit Deinem aufopfernden Wohltun gut machen kannst. Wer solch einen braven Mann hat, wie es Meister Elias ist, wer solch liebe, gute Kinder hat, wie Du sie besitzest, den darf sein Leben nicht verdrießen, der darf es nicht mutwillig in die Schanze schlagen! — Unterbrich mich nicht," rief Gundel fast strenge, als Rösl einen Einwand versuchte. „Ich habe die Gelegenheit herbeigesehnt, Dir alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, und werde nicht aufhören, bis ich Dich überzeugt. (Fortsetzung folgt.)

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