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Die Wahrheit · 1908-12-25 · Heft 50 (25.12.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 50 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 50. der erhabensten Dichtung genannt zu werden.. . Er . hätte die für sein von ihm glühend geliebtes Volk daraus rLsnltierenden namenlosen Leiden, gewiß: als zu-tenern Preis für'solchen Ruhm betrachtet. Eine Unterlassung^ aber wäre es^ unerwähnt, zu lassen, daß die Messiasidee trotz ihres für uns Juden-wahrhaft, tragischen Schicksals am meisten, dazu beitrug, unsere nationale, undkonsessiouelle Eigenart durch .Jahrtausende - gegen alle - Anfechtungen bewahren zu Helsen. :y . y . . - - Doch kehren wir zu Fichte zurück.. Ich. beabsichtige nämlich nachznweisen, daß dieser: Philosoph denn doch gute Gründe haben mochte, fein Volk, das Volk der Dichter und Deuker, nicht zu unterschätzen. Indem ich zu meiner eigenen Darstelluugsweise den Kopf schüttle und sie eigentümlich finde, werde ich nun gewahr, daß sie sich glücklicherweise mit den drei Momenten der Hegelschen Begriffsdialektik deckt, nämlich Position, Negation und endliche Auflösung beider. Die Parallele zwischen Jesaias und Fichte war ausgestellt, dann wurde gezeigt, daß sie sich widerspruchslos nicht durchführen lasse und zum Schlüsse möge die Negation selbst eingeschränkt, die Negation der Negation ihre Stelle finden. (Schluß folgt.) Indenelend in Galisieu. (Schluß.) Die Landwirtschaft kennt — es liegt das in ihrem Wesen — keine Konkurrenz, ein jeder bearbeitet und bewirtschaftet nach Möglichkeit mit seiner Familie sein abgegrenztes Stück Land, welches ihm von niemandem bestritten werden kann, preist den lieben Herrgott und erwartet die Früchte seiner Arbeit. Ein Höker, der den anderen ein Huhn oder ein Dutzend Eier kaufen sieht, eilt gleich zum verkaufenden Bauern und bietet mehr, woraus für den Produzenten ein ganz unerwarteter Gewinn zuungunsten der Käufer erwächst. Wenn wir nun unser Augenmerk jenen Berufen znwendeu, zu welchen akademische Bildung notwendig ist, können wir nicht umhin, zu konstatieren, daß im Verhältnisse zur Gesamtziffer der Einwohner die Zahl der betreffenden Personen fast dreimal größer ist, als es dem prozentuellen Verhältnisse der Juden zur Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Man kann sich leicht vorftellen, was für eine Konkurrenz unter den Juden, welche diese Berufe ansüben, herrschen muß, welche um so mehr die Existenzbedingungen der angeführten Personen erschwert, als sie durchschnittlich eine zahlreichere Familie zu ernähren haben, als ihre christlichen Kollegen, daß ihre Frauen größere Anforderungen ans Leben stellen, und daß hingegen fast alle Sinekttren sich in sicheren christlichen Händen befinden. Die traurigste Rubrik bilden diejenigen Juden, welche von Almosen leben oder in Wohltätigkeitsanstalten untergebracht werden, sowie auch die beschäftigungslosen Inden, die sogenannten „Lustmenschen". Auf 1000 Bettler kommen in Ostgalizien über 300 Juden, entsprechend der. Bevölkerung sollten es nur 100 sein. Auf 1000 Beruflose kommen über 450 Inden, wiederum gar 45"/^ statt 10 o/o- Diese Tabellen sind erschreckend, denn sie umfassen beinahe 50.000 Inden, die nicht wissen, ob sie imstande sein werden, sich den Bissen Brot zu verdienen, ob sie sich ein Lager für die Nacht werden erbetteln können. Es ist schrecklich, sich zu vergegenwärtigen, daß es in Galizien über 25.000 Juden (Luftmenschen) gibt, welche zuweilen sogar gut gekleidet aus den Straßen herumhunger» und bei welchen man kaum erfahren kann, woher sie ihr Dasein fristen, da sie selbst keine blasse Idee davon haben. — Hand in Hand mit der Bauernemigration, mit der Anwendung der Wnchergesetze und ihrer Ausdehnung auch auf den Vermittler, der sein Giro gibt, parallel mit der Tätigkeit der von Landesmitteln unterstützten Ackerbanvereine" (sogenannte kölka rolnicze), in demselben Maße als Personalkredite für den kleinen jüdischen Gewerbetreibenden geringer werden, in demselben Verhältnisse wachsen die Reihen der eben geschilderten Personen. . Diese- Scharen bilden desto größere Gefahren für die jüdische Gesellschaft, als sie, eingedenk ihres früheren,- besseren, höheren „Standard of;life“ sich schwer in ärmlichere Verhältnisse fügen, und immer am Rande des Abgrundes zürn Verbrechen schweben. yy Und von dieser abschüssigeu'Bahn ist die Rückkehr schwer. Wenn solch einer äogar arbeiten möchte, ist - er dazu nicht geeignet, weil er keine Fachausbildung genossen har; weil , seine Glaubensgenossen .-Hierlands über keine entsprechende Organisation für Arbeitsvermittlung .verfügen; äußer Landes - bereitet ihm wieder die fremde Sprache Schwierigkeiten. In sonderbarem Kontraste mit diesem beklageitswerten ökonomischen Zustande der Inden stehen die Ziffern, welche die Höhe der von den galizischen Inden entrichteten.Stenern angeben. Einzig und allein die Stadt Krakan weist eine im Vergleich mit den Juden größere Zahl Christen auf. die eine Steuer über 100 Kronen jährlich entrichten. In anderen galizischen Städten übersteigt die Zahl der jüdischen Steuerzahler, die mehr als 100 Kronen pro Jahr entrichten, diejenige der Christen um ein zwei- und dreifaches und in Städten wie Grodek, Kolomea um ein vielfaches. Nur in den zwei untersten Kategorien des Ausmaßes der Einkommensteuer übersteigt die Zahl der Christen die der Inden, aber nur in den absoülten Ziffern, nicht aber in den prozentuellen Tabellen, welche das Verhältnis der Gesamtheit der Christen zur Gesamtheit der Inden berücksichtigen. Es ist absolut unmöglich und ganz ausgeschlossen, daß die Stenertabellen der Inden den Anforderungen der Gerechtigkeit entsprechen sollten. Die Schuld daran tragen meistenteils die Inden selbst, indem sie über ihre Konkurrenten unzählige Denunziationen erstatten, denen die entsprechenden Behörden nur allzu williges Gehör leihen. Wenn irgendein ein Jude in der betreffenden Kommission sitzt, so wird er sich entweder gar nicht des Geschädigten annehmen, oder er besitzt viel zu wellig Intelligenz oder Einfluß, um seine Ansicht durchzusetzen. In der geschilderten Weise bleiben die armen galizischen Inden Sklaven der „camera“, und indem sie in fortwährender Anstrengung, die ihnen sogar den nötigen Schlaf raubt, im Schweiße ihres Angesichts dem geringsten Verdienste nachjagen, der in gar keinem Verhältnis mit der geleisteten Arbeit steht, vegetieren sie ohne einen gesicherten Morgen, ja, ohne zu wissen, was die nächste Stunde bringen wird, von der Hand in den Mund, am Rande des tiefen Abgrundes des äußersten Elendes. Und dieses Elend ist etwas so Selbstverständliches geworden, daß man sich wundert, wenn es jemand für anormal hält. Unsere westlichen Brüder meinen dieses Elend zu kennen, wenn sie für Hungrige, für Abgebrannte Sammlungen einleiteu — aber sie hören nicht das Stöhnen und Aechzen der Unterdrückten, sie sehen nicht die Augen, ans denen keine Träne mehr heransqnillt, sie sehen nicht die ausgemergelten Gestalten, von welchen elende Fetzen herunterfallen und nackte Gerippe zur Schau bringen. Stumpf wird langsam auch der einheimische Jude — der Wille zur Hilfe viel zu schwach, die Mittel fast erschöpft, und wieder leidet darunter die Judenseele. Nur der unerschütterliche Glaube an Gott, wiederholte religiöse Hebungen, das Leben" in den Betstnben, die Ueberzengung von der Unterdrückung der Gesamtheit des Judentums zeitigten eine Solidarität, die den Grundstein lieferte zur Gestaltung der jüdischen Knltusgemeinden. Uachklimge;n den Knltnswalsie»». Der häßliche Wahlkampf, der seitens der zionistischen Opposition gelegentlich der heurigen Kultnswahlen geführt wurde, hat ein gerichtliches Nachspiel gefunden, das gleich dem ersteren von allen" Jenen mißbilligt werden wird, denen der Friede, das Ansehen und die Würde der Gemeinde am.Herzen liegt. Gegen den Präsidenten der Gemeinde Dr. Alfred Stern wurde nämlich von 18 Mitgliedern des oppositionellen Wahlkomitees, und zwar den Herren Dr. Max B e r n h a r d, Adolf Böhm, Ingenieur Emil Fried, Red. Alex. Geller, Dr. Karl H a h ii, Dr. Alfred Lanzer, Dr. Isidor M a r. g u l i e s,

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