Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 50 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063468--05829-3072783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50. Die Wahrheit Leite 5 Da nun das befehdete Zirkular für die russischen Juden im praktischen Sinne fast bedeutungslos ist, so erhellt schon daraus, daß es der schwarzen Sippschaft eigentlich darum zu tun ist, die Tribüne der Reichsduma, die schon oft genug durch barbarische und zynische Ausfälle entwürdigt worden ist, zu neuen Hetzreden gegen fünf Millionen Menschen auszunutzen, die unter den russischen Verhältnissen in Wirklichkeit fast gar keine Vertretung im Parlament besitzen, Anderseits ist der Feldzug auch gegen Stolypin selber gerichtet. Schon vor einigerZeit hat ja der berüchtigte, aber sehreinflußreiche Antisemitenhäuptling Graf Konownyzin durch eine Privatklage gegen den Premier den regierenden Senat dazu gebracht, daß er das genannte Zirkular als ungesetzlich bezeichnet hat. Dadurch ist aber der Premier in eine sehr schwierige L-itnation geraten, wenn er im Parlament eine Aktion verteidigen muß, die vom obersten Gerichtshof des Landes als „ungesetzlich" proklamiert worden ist. Oder sollte er — wie er es schon so oft getan — sich Mengen und den Nachweis zu führen versuchen, daß das Uebel nicht so groß gewesen sei, da das Zirkular nur in sehr geringem Maße, und zwar nurauf „gutgesinnte" Inden Anwendung gefunden habe?" Johann Gotttiet» Fichtes Uachlaß. Bon S. Vineta. „Der Einheitsbegriff des deutschen Volkes ist noch gar nicht wirklich, er ist ein allgemeines Postulat der Zukmift. Dies Postulat vvti einer Reichseinheit, eines innerlich und organisch Durchaus verschmolzeneit Staates, darzustellen, sind die Deuts ch'e n berufen und dazu da im ewigen Weltplan, um das Reich von der ausaebildeten persönlichen Freiheit zu gründen. Und so wird von innen und in der Gestalt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch nie in der Welt erschienen ist. in aller der Begeisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt erblicken ohne Aufopferung der Endziele der Menschen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, w a s M e n s ch e n a n g e s i ch t trägt. Nur von den Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da sind und ihm langsam entgegenreifen — ein anderes Element für diese Entwickelung ist in der Menschheit nicht da." Diese angeführten Sätze stammen aus dem Nachlasse I. G. Fichtes und sind im Novemberheft der „Neuen Deutschen Rundschau" zum ersten Mal veröffentlicht worden. Geschriebeit sind sie zur Zeit der tiefsten Erniedrigung Deutschlands durch Napoleon und beweisen, daß ihr Schreiber den Glauben an die Zukunft trotzdem nicht verloren hatte. Die. Folgezeit hat dem kühneit Deuker zugleich recht und unrecht gegegeben. Wohl ist.das deutsche Volk seit mehr als einem Menschenalter geeinigt, die partikularistischen Ueberbleibsel''sind zur Bedeutnttgslosigkeit herabgedrückt— aber wo. ist das'..wahrhafte Reich des Rechts, wie. es noch nie in der Welt erschienen"? „Die Begeisterung für Freiheit und Gleichheit alles, dessen, was Menschenangesicht trägt" manifestiert sich vorderhand nur in der Behandlung der Schwarzen in Deutsch-Ostafrika und darin, daß die Juden wohl patriotische Arnbtsche Lieder, wie „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt" mitsingen dürfen, ferner Kriegsdienste fürs Vaterland nicht nur leisten dürfen, sondern großmütigerweise sogar müssen, nicht aber fordern können, zu Offizieren ernannt zu werden. Das Erzieherische dieser Maßregel ist nicht zu verkennen. Auf diese Weise wird einer großen Klasse der Bevölkerung die Tugend der Bescheidenheit inokuliert. So sieht das Heil aus, das uns von den Teutonen kommen soll. Doch nichts liegt uns ferner, als die Anwandlung, uns über den Propheten lustig zu machen, dessen Weissagung sich nicht erfüllen will. Wir Inden Hütten am wenigsten hiezu Anlaß. Oder sollen wir etwa den Fluch der Lächerlichkeit aussvreclien über das Bnch des Propheten Jesaia,- denkunstvollsten poetisch-erhabensten Teil unserer Bibel und besonders über das II. Kapitel?: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stumpf Jsais und ein Schößling aus seinen Wurzeln Frucht bringen und es wird'sich auf ihn der Geist des Herrn niederlassen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rares und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und Furcht des Herrn. Und es wird Gerechtigkeit der Gurt seiner Hüften und die Treue der Gurt seiner Lenden sein. Dann wird der Wolf neben dem Lamme wohnen unb der Panther neben dem Böcklein lagern; und Kalb und Leu und Mastkalb werden zusammen weiden — ja ein kleiner Knabe wird sie weiden. Und Kuh und Bär werden auf die Weide gehen, bei einander werden ihre Jungen lagern und der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen. Da wird spielen der Säugling am Loch der Otter und nach der Höhle der Natter wird der Entwöhnte seine Hand ausstrecken. Sie werden nichts Böses und nichts mehr Verderbliches mehr tun in meinem ganzen heiligen Berglande; denn „es wird das Land voll sein von Erkenntnis des Herrn wie von Wassern, die den Meeresgrund bedecken". Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist zwar nur ein Schritt, doch jeder, der kein Kyniker, würde annehen, ihn hier zu tun. Ist doch die Hoffunug, daß die Plackereien des Alltags, die. Miseren der Gegenwart, in Znkuufr etwa so verschwimmen werden, wie ferne Abendwolken am Horizont, um einem strahlenden Sonnentag des Glückes Platz zu machen, der menschlichen Natur zu lief eingepflanzt, als daß man sich baß verwundern könnte, wenn religiös-poetische Geiftesheroen — ihren Empfindungen in temperament- und schwungvoller, bisweilen in ekstatischer Form Ausdruck verleihen, stall sie wie Hinz und Kunz plan und philiströs zu verkünden. Das Streben nach Glückseligkeit, der Eudämonismus der Griechen, der das Trostbedürsnis zum Begleiter hat, bildet einen der menschlichen Grundtriebe und auf ihn sind die Aeußerungen beider, sowohl Fichtes als Jesaias', als auf einen gemeinsamen Berührungspmlkt znrückznführetl. Die Gleichstellung dieser zwei — schon zeitlich und örtlich so sehr auseinander fallenden — historischen Gestalten macht freilich keinen Anspruch auf vollwertige Gültigkeit und die Konstruktion erscheint etwas gewaltsam, wenn man gettauer zusieht und bedentsame. Unterschiede gewahr wird. Vor allem hält die ziemlich trockene, prosaische Euunziation Fichtes nicht im eutferutesteu den Vergleich mit dem Gedichte Jesaias' aus. in welchem die hebräische Sprache ihren höchsten Triumph feiert und welches alle Behelfe und Mittel der modernen Poesie aufweist, Reim und Rhythmits, Kadenz und herrliche Bilderpracht, aber was am meisten absticht, ist die nationale Beschränktheit der Fichteschen Auffassung. Am Ausgang des 18. Jahrhuudertes erfreuten sich die Engländer schon seit Jahrhunderten bürgerlicher Freiheiten und Rechte und die französische Nation hatte soeben ihre Fesseln abgeworfen, - die Deutschen jedoch verharrten in demütiger Unterwerfung; nur engbegrenzter Kirchlurmspatriotismus konnte den Deutschen die Palme reichen und behaupten wollen, sie und keine anderen würden der Welt die Fackel wahrhafter Kultur entzünden und -chorantragen. Wir dürfen aitnehmen, daß Jeiaias in einem Zeitalter, in welchem die Zivilifativnsschattierungen der Völker-.sich nicht fo scharf abzeichnen, als in dem seinigen, sich keines solchen Vorurteiles schuldig gemacht hätte. Er aber lebte im 7. Jahrhundert vor Christo, es dauerte noch fast 300 Jahre, ehe griechische Ethik und Philosophie in dem edlen Sokrates ihren Höhepunkt erreichte, ringsherum wohnten Asfyrer und Phönizier mit ihrem eklen Baals- und Astartekull, was war demtiach natürlicher als die Hoffnung Jesaias, der Erlöser müsse aus seinem eigenen Volke geboren werden. Der sich darauf beziehende Teil der Jeiaianischen Prophezeiung hat denn auch zufolge seiner hinreißenden, auf empfängliche Gemüter suggeftiev wirkenden poetischen Einkleidung den Anstaß zur Gründung des Christentums gegeben und ist zu einem der stärksten Räder im Getriebe der Weltgeschichte geworden, womit ich beileibe nicht gesagt haben will, daß in dem Gründer desselben der ganzen Menschheit ihr Messias erstanden ist. Wie beredt predigt die von Jesaias weder vorhergefehene noch beabsichtigte Richtung, welche die Messiasidee genommen, daß alles menschliche Wissen und Tun nur Stückwerk ist. Wäre dem Propheten ein voller Blick in die Zukunft gestattet gewesen, er hätte ans die Ehre Verzicht geleistet, als der Schöpfer