Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit. Seite 7. werden; daß demnach jeder erwerbende Christ außer sich nur eine und, mathematisch genommen, nicht ganze Person aushalten muß. Ans den eben angeführten Daren können wir uns von der in dieser Beziehung schwierigen Lage des Judentums überzeugen. Denn ans dieser Zusammenstellung ist ersichtlich, daß jeder erwerbstätige Jnde fast zweimal so viel Personen den Unterhalt geben muß als ein Christ, daß er demnach zweimal so viel arbeiten muß, sich zweimal so viel anstrengen muß, um einen zweimal so großen Gewinn zu ernten, wenn er mit dem Christen Schritt halten will. Die Frage gestaltet sich für die Juden um io schlimmer, wenn wir bedenken, daß die Erwerbsverhältnisse für sie schwieriger sind, und daß sie schon deshalb größere Ausgaben haben, weil sie meistenteils in Städten wohnen. Die Hauptursache dieses gewaltigen Unterschiedes betreffs der Aitshaltnngslast müssen wir des ferneren in dem Umstande suchen, daß, während auf 100 Inden nur 17 mit der Landwirtschaft sich beschäftigen, auf 100 Christen sich 86 diesem Berufe sich widmen, bei welchemalle Familienmitglieder fast seit ihrer Kindheit arbeiten, und nicht nur die Kosten ihres sehr bescheidenen Unterhaltes tragen, sondern außerdem zur Anshaltnng kleiner Kinder und arbeitsunfähiger Kreise beitragen. Bor Jahreit war es den Inden verboten, Grund und Boden auf dem flachen Lande zu erwerben; zwar ist dieses Verbot ansgehoben, jedoch ist einerseits Land zu erwerben sehr schwireig, weil der Slawe zu sehr an der Scholle haftet, anderseits erscheint dem bis jetzt vom Ackerbau ferngehaltenen Inden der Grnndankaits in normalen Verhältnissen als ein viel zu wenig lukratives Geschäft. Alle diese Umstände trieben die Juden zum Handel. Ans 100 Christen beschäftigen sich nur 5 mit Handel und Industrie, während aus 100 Inden sich 55 diesen Bernsen widmen. Mit anderen Worten: die Mehrheit der galiziichen Inden arbeitet in Handel und Industrie. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß hier keine Rede sein kann von Groß-Handel und Groß-Jndustrie, denn die Inden sind mit belanglosen Ausnahmen — Trödler, Krämer und kleine Handwerker, welche alle zusammengenommen lediglich in engen Rahmen für den Lvkalbedarf arbeiten; denn weder die in kleinen Quantitäten angekanfte Ware noch die Erzeugnisse des Handwerks vertragen Transportkosten, welche übrigens für das winzige Betriebskapital unserer jüdischen Industriellen und Handelstreibenden unerschwinglich sind. Infolgedessen wird in jeder Stadt eine schrankenlose Konkurrenz gezüchtet, bei welcher einer dem andern direkt den Bissen Brot vom Munde raubt, und welche mit Naturnotwendigkeit in ihren Mitteln immer weniger wählerisch ist, was sich in der traurigen Tatsache kundgibt, daß verhältnismäßig dreimal so viel Inden als Christen für Verbrechen des Betruges bestraft werden. Viel wichtiger hiebei ist noch der Umstand, daß dieser fortwährende Konkurrenzkampf Seele und Geist des Inden ausreibt, ihm im Hasten und Jagen nach Verdienst keine Ruhe läßt — blind macht für alles, was mit Gewinn nicht in unmittelbarem Zusammenhänge steht und Gewinnsucht znm Charaktermerkmal macht. (Schluß folgt.) Das konfefjronelle Moment im amerikanischen Wahlkampf. In amerikanischen Wahlkämpfen wird, wie man weiß, noch weit unverschämter gelogen wie — anderswo. Insbesondere werden den im Vordergrund der Agitation stehenden Personen und den Kandidaten alle nur erdenklichen Schlechtigkeiten nachgesagt. Die'politische Tagespresse hat eine Fülle von mehr oderminder amüsanten Details aus diesem Verleumdungsarsenal der amerikanischen Parteien zur Kenntnis auch der deutschen Leser gebracht. Uns interessiert insbesondere ein gegen die angebliche Konfession des republikanischen Kandidaten Taft gerichteter Angriff und seine ehrliche und tapfere Zurückweisung durch den bisherigen Präsidenten R o o s e v e l t. Es war nämlich von antirepnblikanischer Seite das Gerücht verbreitet worden, Tafts Brüder und seine Frau seien katholisch. In einem offenen; Brief eines Herrn Martin an Roosevelt war ferner gesagt > worden, viele Wähler würden mchl geneigt sein, für einen Manu zu stimmen, der selbst ungläubig (Uuitarier) sei und eine katholische Frau und katholische Brüder habe. Während der Wahlbeweguug hat Roosevelt es nicht für nötig erachtet, auf diesen Brief eine Antwort zu geben; nach der Wahl hat er jedoch mit seiner Ansicht nicht znrückgehalten. Die Antwort ehrt ihn nicht minder wie die bisherige amerikanische Tradition. Roosevelt sagt darin zunächst, daß er die Anfrage während der Wahl absichtlich nicht beantwortet habe, denn es gehe niemanden et w a s a n. ob Herr Taft ein Unitarier sei oder nicht. Dies sei eine G e w i s s e n s s a ch e, die Herr Taft mit seinem Schöpfer ganz allein abznmachen habe. Wenn man gegen einen Mann ans Grund seines speziellen religiösen Glaubens opponieren wolle, so könne man bei einem anderen wegen eines anderen Glaubens genau dasselbe tun. und es sei dann kein Ende abznsehen, wohin das führen solle. Lincoln habe in der Tal keiner Kirche angehört. John Qnincy Adams sei Unitarier gewesen und der jetzige Senatskaplan Hale gehöre demselben Glauben an. Nachdem der Präsident in dieser Weise den ersten Teil der Anfrage' des Herrn Martin erledigt, fährt er wie folgt forr: „Was nun Ihre Bedenken gegen Herrn Taft ans dem Grunde betrifft, weil Sie annehmen, daß seine Gattin und sein Bruder Katholiken sind, so ist dies zufällig nicht der Fall. Wenn sie es aber wären, oder wenn er selbst Katholik wäre, so sollte das n i ch t i m m i n d e st e n Einfluß ans die Frage üben, ob ihn jemand für das Amt des Präsidenten unterstützt. Sie sagen, die Masse der Stimmgeber, welche nicht Katholiken find, würden keinen Katholiken bei der Bewerbung um irgendein Amt unterstützen, am wenigsten aber bei der Bewerbung um bas Präsidentenamt. Ich glaube, daß Sie damit Ihre Mitbürger verleumden. Ich nehme keinen Augenblick an, daß die Masse unserer Mitbürger oder auch nur eine beträchtliche Anzahl derselben sich durch solche e n g h e r z i g e B i g v t t e r i e so beeinflussen lassen würden, daß sie sich weigerten, für einen vollkommen aufrichtigen und geeigneten Mann zu stimmen, weil er zufällig einem besonderen Religionsbekenntnis angehört. Eine solche Rücksicht sollte niemals als ein Grund betrachtet werden, einen Kandidaten für ein politisches Amt zu unterstützen oder ihm Opposition zrr machen. Ist Ihnen bekannt, daß es mehrere Staaten in der Union gibt, in welchen die Majorität der Bevölkerung katholisch ist? Ich würde in den schärfsten Ansdrücken Katholiken verurteilen, welche in diesen oder irgendwelchen anderen Staaten sich weigerten, für den Fähigsten ihre Stimme abzngeben, weiter gerade Protestant ist, und mein Verdammungsnrteil lautet genau so strenge über Protestanten, welche sich im umgekehrten Falle weigern würden, für einen Katholiken zit stimmen. Ich freue mich, sagen zu können, daß ich im ösientlichen Leben viele Männer gekannt habe, welche in Distrikten, in welchen die überwiegende Majorität eines anderen Glaubensbekenntnisses war, zit öffentlichen Remtern gewählt und immer wieder gewählt wurden. Ich kenne Katholiken, welche seit vielen Jahren Wähler vertreten haben, welche hauptsächlich Protestanten waren, und Protestanten, welche seit vielen Jahren Wähler vertreten haben, welche hauptsächlich Katholiken waren. Und unter den Kongreßmitgliedern, mit welchen ich besonders genait bekannt bin, befindet sich ein M a n n mosaischen Glaubens, welcher einen Distrikt v e rt r a t, in welchem kaum ein einziger Jude zu finden war. Alle diese Männer widerlegen durch ihr bloßes Vorhandensein im politischen Leben die üble Nachrede, welche Sie bezüglich Ihrer amerikanischen Mitbürger geäußert haben. Ich glaube, daß diese Republik noch viele Jahrhunderte bestehen wird. Wenn, so werden sich unter ihren Präsidenten Protestanten und Katholiken und sehr wahrscheinlich zu einer Zeit Inden befinden. Ich war, während ich Präsident war. konsequent bemüht, meinen amerikanischen Mitbürgern katholischen Glaubens gegenüber so zu handeln, wie, wie ich hoffe, jeder kiüiftige Präsident, falls er ein Katholik sein sollte, gegen seine amerikanischen Mitbürger protestantischen Glaubens handeln wird. Hätte ich irgendeinen anderen Kurs befolgt, so hätte ich