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Die Wahrheit · 1908-12-18 · Heft 49 (18.12.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 49 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 49. die jüdischen Wähler der Maße gewidmet sei und von ihnen ein Zeitverlust gerade an diesem Tage lästiger empfunden werde. Eine Verfügung habe ich aus eigener Machtvollkommenheit getroffen und zwar die Abhaltung von 4 Wählerversammlungen durch die Kultusgemeinde. Ich wollte hiedurch den in den verschiedenen Bezirken Wiens wohnhaften Wählern Gelegenheit geben, sich über Kultusangelegenheiteu anszusprechen, andererseits den Kandidaten die Möglichkeit bieten, sich einem größeren Kreise von Gemeindemitgliedern vorzustellen. Diese Absicht wurde erreicht, wenn auch bedauerlicher Weise die erste Versammlung kurz nach ihrem Beginne gesprengt wurde, die letzte Versammluug infolge turbulenten Benehmens einzelner Teilnehmer vorzeitig geschlossen werden mußte. Endlich muß ich noch aus eine Aktion des Zentralwahlkomitees, mit der Opposition eine Einigung in der Kandidatensrage zu erzielen, und insbesondere auf einen Vorfall zurückkommen, der sich unmittelbar vor dem Wahltage abgespielt hat. Von der aus den Herren kais. Rat Johann dichten st a d t, Gottlieb B e t t e l h e i m, Dr. Josef W i n t e r u i tz, Dr. Camill K raus und Moriz Baum bestandenen Leitung des Zenrralwahlkomitees für die diesjährigen Knltuswahlen wurde versucht, mit der Opposition ein friedliches Einvernehmen herbeizuführen, Versuche, denen ich immer sympathisch gegenüberstehe. Diese Versuche sind durch die ablehnende Haltung der Opposition gescheitert. Die Leitung des Zentralwahlkomitees bestrebte sich weiters mit der „Oesterr.-israel. Union", welche sich in den früheren Jahren anläßlich der Kultuswahlen betätigt hatte, ein gemeinsames Vorgehen herbeizusühreu, und es fand diesbezüglich zwischen der Leitung des Zentralkomitees und dem Präsidium der „Union" eine Besprechung statt, zu welcher auch ich persönlich eiugeladen wurde. Ich will nun berichten, was bei dieser Besprechung von Seite der „Union"' verlangt wurde und was mich zu meinen Aeußernngen veranlaßte. Nachdem, wie die Herren sagten, die „Union" bisher die Erfahrung gemacht habe, daß die von ihr aufgestellten und auch gewählten Kandidaten nach ihrer Wahl das Programm, auf Grund dessen sie gewählt worden waren, nicht weiter beachteten. beabsichtige sie diesmal ihr Programm in öffentlicher Versammlung bekanntzngeben und von dem Präsidenten der Knltusgemeinde zu verlangen, daß dieser sich verpflichte, das Programm binnen einer b e st i m m t e u F r i st im Vorstande zur Diskussion zu stellen. Ich erwiderte hierauf, daß ich auf auf diesen Vorschlag nicht entgehen könne, weil es den Anschein hätte, als ob ein Verein, und möge er sich auch noch so viele Verdienste erworben haben, eine Suprematie gegenüber dem Knltusvorstande übte, welche ich in keiner Weise anerkennen dürfe und welche, auch wenn sie seitens eines Kultuspräsidenten Anerkennung fände, gewiß nicht vom Vorstande gebilligt werden könnte. Der Kultusvorstand hätte volles Recht, einen Präsidenten, der sich zu einer solchen Unterwerfung herbeiläßt und das Ansehen des Vorstandes in dieser Weise kompromittiert, sofort zu amoviereu. Eine Befristung sei aber auch schon deshalb ausgeschlossen, weil man nicht vorher wissen könne, welche Gegenstände dringlicher Natur jeweilig vorliegen werden, die die Arbeitskraft des Vorstandes absorbieren und die Vertagung anderer Gegenstände herbeiführen müssen, und man mich daun des- Wortbruches zeihen würde. Ich fügte diesen Erklärungen als meine rein persönliche Meinung hinzu, daß ich überhaupt paragraphenweise detaillierte Programme für den Vorstand für etwas halte, was keinen rechten Sinn habe. Ich könne mir allerdings vorstellen, daß man dem Vorstande eine bestimmte Richtung im allgemeinen empfehlen wolle, so beispielsweise, daß der Vorstand, entweder einen konservativen oder einen liberaleren Standpunkt einnehme usw. Auch sind Herren, welche auf ein Programm kandidiert werden, oft nicht in der Lage, dieses einzuhalten, weil sie bei genauer Kenntnis der Sachlage, die ihnen ja naturgemäß früher fehlte, einsehen müssen, daß die Durchführung gewisser Forderungen unmöglich ist. Zum Schluffe will ich noch eines erwähnen. Es wird behauptet, daß ich erklärt habe, „ich würde gerade solchen Mitgliedern des Knltnsvorstandes, die sich auf ein derartiges Programm haben verpstichten lassen, weniger Einfluß einräumen". Ich stelle es jedem frei, über meine Geisteskräfte zu denken, was er wolle, aber für fo dumm dürfen Sie mich nicht halten, daß ich als Präsident derartiges versuchen oder eine derartige Aeußerung, oder auch nur eine ähnliche abgeben würde. Endlich bitte ich noch zu genehmigen, daß folgende Ihnen wohl bekannte Urkunden ad. perpetuam memoriam als Beilagen dem Protokolle der heutigen Sitzung beigeschlossen werden: 1. Die Monatsschrift der „Oesterr.-israel. Union" Nr. 11 vom November 1908, in welcher meine angeblichen Aeußernngen in der vom Präsidium der Union gegebenen Darstellung enthalten sind, 2. Meine in der „Oesterr. Wochenschrift" vom 20. November 1908, Nr. 47, enthaltene Erwiderung ans diese Darstellung. 3. Die Erklärung der „Union" in der „Neuen Freien Presse" von Samstag, den 29. November 1908, 4. Die Gegenerklärung der Herren M. Baum, G. Bettelheim, Dr. Camill Kraus, Johann Lichtenstadt und Dr. Josef Winternitz in der „Neuen Freien Presse" von Sonntag, den 29. November 1908. Mit der Kenntnisnahme des Berichtes seitens des Plenums wird die v f fe n t l i ch e Sitzung geschlossen. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung gelangen diverse Steuerangelegenheiten und Personalien zur Erledigung. Schluß der Sitzung 1 Uhr mittag. Indeneleud in Galizien. Der jüngst erschienene Bericht des „H i l f s v e r e i n e s für g a l i z i s ch e Jude n", der sich in Galizien selbst gebildet hat, enthält einausgezeichnetes Referat des Vereinspräsidenten Dr. H. N. L a n d a n, in dem das schreckliche Elend der galizischen Juden grell beleuchtet wird. Im Nachstehenden geben wir dasselbe anszüglich wieder: „Wir zählen über 800.000 Inden auf galizischem Boden; ein Zehntel der ganzen Bevölkerung sind Inden. In Westeuropa verschwinden kleine Indenhäufleiu in der kompakten Masse der Andersgläubigen. Die Wohlfahrt bewahrt sie davor, zur Last zu fallen; das schreckliche Elend berührt bei ihnen nicht fo breite Massen wie bei uns. Der Stempel der Armut zeichnet sie nicht so bitter. Hier hungern ganze Proletariatsmassen, und wenn ein Unrecht einem Inden in Biala widerfährt, fühlt es empfindlich der jüdische Bruder in Brvdy. Wir leben unter Slawen! Ob wir mit ihnen leben? Das ist die Frage! Leider nicht! Auch gebildete Juden genießen keine genügende gesellschaftliche Toleranz seitens der Slawen; die Assimilation hat hier nichts geholfen; in Galizien leben wir immer noch unter und nicht mit den Slawen. Es können hier nicht einzelne jüdische Individuen berücksichtigt werden, denen es scheint, daß sie mit den Slawen leben, die Masse trägt noch immer das Brandmal, den Stempel des Ghetto ans der Stirne, aufgedrückt durch den Mangel an Bildung bei der ungeheuren Mehrheit der Masse des jüdischen Volkes und das Elend, viel schlimmer, als der Tod. Infolgedessen wird die Masse faktisch von den Slawen zurückgewiesen, obwohl die Gesamtheit der Inden in Galizien die Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit für das allgemeine Wohl empfindet, denn das tägliche Leben verbindet alle; und das Zurückdrängen einer so breiten Masse, wie sie die Inden bilden, ist direkt tödlich. Diese Unterscheidung offenbart sich in der ganzen Skala des ökonomischen Lebens und fast in jeder Richtung. Bon den 800.000 Juden, welche Galizien bewohnen, verdienen ihrett Unterhalt faktisch bloß 270.000, also nur ein Drittel; der Rest, das ist 530.000 wird von diesen faktisch Erwerbenden ausgehalteu. In kleinen Ziffern ausgedrückt, stellt sich dieses Verhältnis fo dar. daß jeder erwerbende Jude nicht nur sich, sondern noch zwei andere Personen neben sich anshält'. Diese Gegenüberstellungen an und für sich genommen würde nichts besonderes bedenten; wir müssen uns aber gleichzeitig in Erinnerung bringen, daß auf 6^ Millionen Christen. 3,700.000 erwerben, und nur 2,800.000 — also fast nur eine Million weniger — Personen von den Erwerbenden ansgehalten

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