Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-12-18 · Heft 49 (18.12.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 49 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063467--05815-3072768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

L-eite 4. Di- Wahrheit Nr. 49. Satze eine die deutschen Juden verletzende Spitze zu erblicken. Wenn man insbesondere meine unmittelbare Erwiderung auf den Zwischenruf des Abgeordneten Doktor Horsky und die Anspielung ans die christiana caritas ins Auge faßt, so ist meines Erachtens eine solche Interpretation von vornherein ausgeschlossen. Ich hätte übrigens geglaubt, daß ich — selbst wenn ich in meiner heutigen Rede, welche insbesondere in ihrem zweiten Teile durch Zwischenrufe von allen Seiten nach verschiedenen Richtungen unterbrochen wurde, ans die ich antworten mußte — in diesen Ausführungen, die ebenfalls nur die Reaktion gegen einen unberechtigten Zwischenruf waren, eine Form gebraucht hätte, die die Möglichkeit einer solchen Interpretation zugelasfen hätte, welche die deutschen Juden hätte verletzen können, man mir diese mögliche Interpretation nicht hätte zumuten sollen. Im übrigen glaube ich, daß meine ganze langjährige Wirksamkeit im öffentlichen Leben sowie meine politische Vergangenheit eine derartige, die deutschen Juden in Böhmen verletzende Interpretation nicht zuläßt." * * Wir glauben es dem Herrn Dr. Per gelt recht gerne, daß er die getane Aeußerung nunmehr bedauerl unD sie durch nachträgliche Deutung gerne ans der Welt schaffen möchte. Politisch klug war sie keineswegs, denn sie beleuchtet wie mit einem Blitzlicht die ganze Situation und muß die etwa noch im Teutonenrausche schwelgenden Inden zur Ernüchterung bringen. Gerade solch unbedachte, in der Hitze des parlamentarischen Gefechtes hervorsprudelnde Worte verraten die innerste Gesinnung, die sonst durch Rücksichten auf die praktische Politik vorsichtig verhüllt wird, und wenn die deutschen Inden in Böhmen nur etwas Selbstachtung besitzen, werden sie ans den Worten Dr. Pergelts die richtigen Konsequenzen ziehen. Aber auch Herr! Hofrar K u r a u d a, dessen mannhaftes Auftreten in dieser Affaire vollste Anerkennung veroient, dürfte nach den bösen Erfahrungen, die er schon früher einmal mit Dr. Groß und jetzt mit dem Führer der fortschrittlichen Dentschböhmen gemacht hat, zu der Erkenntnis gelangen, daß es viel ziveckinüßiger wäre, statt immer den deutschen Standpunkt hervorznkehren, einen engeren Zusammenschluß aller jüdischen Abgeordneten im österreichischen Parlament zu fördern. Daß der Antisemitismus in Galizien durchaus nicht nur auf Motive rein politischer oder ökonomischer Natur zurückznführen ist, sondern daß in den hiesigen „leitenden" Kreisen derselbe instinktmäßige und fanatische Judenhaß lierrscht, wie ihn etwas roher der Straßenpöbel von Odessa oder Kiew zeigt, — das beweist ein kleines Vorkommnis, das nicht sehr welterschütternd, aber um so charakteristischer ist für die Gesinnung, die man uns Inden hier im gelobten Lande Galizien entgegenbringt. Nach österreichischem Gesetze müssen bekanntlich die Advokaten vor Etablierung einer Advokamrs-Kanzlei einen Eid leisten. Diese Eidesleistung geschieht im Oberlandesgerichte vor einer Kommission von fünf Gerichlsräten. Der Lemberger Oberlandesgerichts-Präsident, Exzellenz Tchürznicki, führte es als Sitte ein, den christlichen Advokaten nach der Eidesleistung zu gratulieren, was die übrigen Mitglieder der Kommission stets mitmachten. Bis jetzt trat der vom Oberlaudesgerichts-Präsidenten gemachte Unterschied zwischen Juden und Christen nicht kraß hervor, weil man es so einrichtete, daß entweder lauter Juden oder nur Christen zur Eidesleistung erschienen. Vorige Woche ereignete es sich nun, daß unter den vier erschienenen Advokaten ein Christ und drei Juden waren. Da fanden es die Herren Richter für passend, den christlichen Advokaten zu beglückwünschen. dessen drei jüdische Kollegen jedoch achtlos beiseite stehen zu lassen . . . Juden gegenüber darf mau eben nicht nur roh und ungerecht, sondern sogar — was in der „guten Gesellschaft" doch viel schlimmer ist! — taktlos sein! * * * Die national-liberale „Köln. Ztg." sieht sich genötigt, . im Interesse des harmonischen Zusammenlebens der einzelnen Konfessionen Protest einznlegen gegen die maßlosen Angriffe, die von einzelnen Heißspornen des Evangelischen Bundes gegen den Katholizismus erhoben werden, und führt in diesem Zusammenhänge aus: „Wenn es eine antiquierte Anschauung ist, daß Politik und Religion nichts miteinander zu tun haben, so werden wir uns bemühen, diese Anschauung, so viel an uu§ liegt, wieder zu beleben. Die politischen Glanbenskämpse haben Deutschland Wunden geschlagen, an denen es nahezu verblutet wäre; wer sie heute in itnserem paritätischen Staate wieder ansacht, wer die Dinge in dieser Welt zunächst als Protestant, Katholik oder Jude und erst dann als Deutscher sieht, wer den Konfessionalismns zur Grundlage seines politischen Urteils macht, der schädigt die nationale Wohlfahrt. Wir sind darum nach wie vor der Meinung, daß es lediglich darauf ankoinmt, ob jemand ein guter oder ein schlechter Staatsbürger ist, nicht aber darauf, ob er in der protestantischen Kirche, im katholischen Dom oder im Judentempel zu Gott betet, wenn er nur seine Psticht an dem Platze der menschlichen Gesellschaft tut, an den er gesetzt ist." Das sind beherzigenswerte Worte, die sich die Angehörigen aller Parteien, besonders aber die Regierungen in Deutschland, die Juden nur ihres Glaubens wegen von allen öffentlichen Aemtern ansschließen, ad notam nehmen sollten. * # * Der Doppelselbstmord der Novellistin Ilse F r a p a n- A k u n i a n und der Künstlerin M a n d e l b a u in in Genf gibt den antisemitischen „Deutschsoz. Bl." erwünschten Stoff zu tiefsinnigen Betrachtungen über die „zersetzenden Züge des jüdischen Geistes". „Der Umgang mit öen russischen Jüdinnen in Genf," wo sie lange Jahre hindurch wohnte, habe schließlich „über die im deutschen Hamburg anerworbene Solidität den Sieg davongetragen". Das Judentum sei „kein jngendfrisches,! tapferes Volk, sein meist aus persönlicher Feigheit stammender Weltschmerz endet nur zu oft in Verzweiflung und Selbstvernichtuug." Diesen greulichen Unsinn hätte das antisemitische Blatt sich durch einen Blick in das gesinnuugsverwandte ..Volk" ersparen können; dort hätte es nämlich lesen können, daß die durch ein schweres Krebsleiden lebensmüde gewordene Ilse Frapan mit dem Judentum iu gar keinen Beziehungen steht, sondern einer in Deutschland eingewanderten französischen Hugenotten- Familie entstammt. * * Die Polen iu Rußland, die bisher an der Seite der Kadetten als unterdrückte nationale Minorität gegen jedes politische oder konfessionelle Ausnahmegesetz gekämpft haben, haben eine auffällige Schwenkung nach rechts gemacht. Nach der Zeitung „Slowo" hat kürzlich der Führer der Oktobristen, G n t s ch k o v, im Klub der Oktobristen seinen Freunden mit Genugtuung mitgeteilt, daß die Oktobristen und die gemäßigte Rechte die Herren der Lage sind. Die Opposition zeige nur elende Reste von alter Herrlichkeit. Die Polen gehen Hand in Hand mit .den Oktobristen, die ihnen für das Königreich Polen alles, was sie selbst in Rußland besitzen, d. h. lokale Selbstverwaltung, versprochen haben. Aber die Polen wünschen in der Selbstverwaltung des Königreiches Polen keine Gleichberechtigung für die Juden. Die Lehren der Geschichte sind also auch bei den Polen, die doch wahrlich aus ihrem wechselvollen Geschick hätten etwas lernen können, spurlos vorübergegangen. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. Die öffentliche Plenarsitzung, die am 13. Dezember, 10 Uhr vormittags, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattfand, war znm großen Teile der Aguosziernng der Wahlen und dem Berichte des Präsidenten über diverse Wahlvorgänge 'gewidmet. Unter letzteren mag als Kuriosum festgenagelt werden, daß die zionistische Opposition, die sich immer gerne als Retterin des von dem gegenwärtigen Vorstande arg vernachlässigten Judentums in Wien aufspielt, in einer ihrer Wahlbeschwerden für die Einhaltung der Sonntagsruhe plaidierte und die Wahlen an einem anderen Tage durchgeführt wünschte, da der Sonntag, allerdings nach ihrer Ansicht, der einzige Tag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.