Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 48 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Selte 5. naht aber seinem Ende. Und so hatte denn der Vorbeter — Kantoren gab es damalsin den Gemeinden noch nicht — mit tunlichster Beschleunigung, da er die nervöse Unruhe seiner au diesem Tage nicht allzu andächtigen Zichörer bemerkte, das „Anim Semiroth" heruntergehaspelt. Nun wurden Tallis und Chumesch sorgsam geborgen und stugs ging es ins Sommerschloß des Erzbischofs, wo im großeil Thronsaale der Reichstag beriet. Nun muß man wissen, dieses prächtige, von einem weit bis all die Ufer der March sich ausdehilenden, brühmten Parke umgebene Schloß war unseren Glaubensgenossen, oder besser, -Genossinnen, kein ganz unbekannter Ort. Dort verkauften nämlich die letzteren dem fürsterzbischöflichen Koche die schönsten Ganslebern, ans denen Pasteten für die fürstliche Tafel bereitet wurden. Auch manches gute Geschäft wurde mit den Beamten des Erzbischofs abgewickelt, man behauptete, ein gut Teil der Kremsierer Killah „lebte von dem Schlosse." Doch dies nur nebenbei. Tempi passati! Auch mein guter Vater eilte in die Reichstagssitznng. Ihm war es eine besondere Freude, die Reden anzuhören. Der Präsident Smolka, oder wie er sagte, „Smolke," lebte noch in späteren Jahren in seiner frischen Erinnerung. Besonders dessen Schnurrbart, der damals noch nicht weiß war, hatte es ihm angetan. In der Versammlung der Volksvertreter herrschte eine nervöse Spannung. Alan merkte, etwas Großes bereitete sich vor. Die Weltgeschichte schritt durch den Prunksaal des fürsterzbischöflichen Schlosses. Die Uhr zeigte nahezu auf zwölf und noch war die Sitzung nicht eröffnet. Das war die Stunde, in ivelcher mein lieber Vater zuhause sein mußte. Ein Sabbathessen ohne den Vater, das schien ein Ding der Unmöglichkeit, so etwas Hütte meine fromme Mutter, Tochter eines gelehrten Rabbi, nie und nimmer geduldet. Der Vater begann ungeduldig zu werden. Der lieben ihm sitzende Reb Mache!, der gelegentlich auch am Jom Kippur bei Schacharith vorzubeten pflegte, also auch ein sehr frommer Mann war. beruhigte den Vater, der an die lieben Kindlein zuhause dachte, die hungrig um den Sabbathtisch saßen und nur auf den Vater warteten, um den Wllnsch nach Speise und Trank zu befriedigen. Da hielt es den guten Vater nicht länger. Vergebens war Reb Machels Zureden, doch zu bleiben, denn etwas Bedeutendes m ü s s e heute geschehen. Der Vater ließ Reichstag und Weltgeschichte in Stich und eilte in sein Hüitschen in der Jndengasse, das er sich für sein Erspartes erkauft hatte. Inden wohnen in diesem Häuschen heute nicht mehr. Mit einem stillen Vorwürfe empfing ihn meine gütige Mutter. Wie lange hatte er die Familie heute warten lassen! Das war noch n i e geschehen. Der Vater entschuldigte sich schüchtern . . . Niemand verlasse den Reichstag, dort gehe etwas vor, oder werde etlvas Vorgehen, etwas Großes, etwas, wovon man den Kindern und Enkeln erzählen werde. Die Sabbathmahlzeit wurde still, aber ein wenig mit Hast eingenommen. Dann lehnte sich der Vater zurück, sang mit lieblicher Stimme jenen Psalm, der von der „Rückkehr der Weggeführten Zions" so herrlich spricht. „Dann wird sich füllen mit Lacheil unser Mund und nufere Zunge mit Jubel. Dann wird man sprechen unter den Völkern, Großes hat der Herr an diesen getan, ja Großes hat der Herr getan an uns" . . . Still lächelte der Vater . .. „Großes hat der Herr an uns getan." Dieses Jahr 1848 sollte es beweisen. Rechte, Freiheit — werde es auch für die Inden bringen. Eine große, große Zeit! . . . lieber diesen Gedanken schlummerte der gute Vater ein, er „napezte," wie das Jargonwort dieses süße Schlummern bezeichnet. Die liebe Mutter las im „teutschen Chumesch" von Jakob und Esau, und lvie sie stritten um den väterlichen Segen. . . Daß doch die Menschen, auch damals nicht, in Frieden leben konnten, wenn sie auch Brüder waren .. . Da, während süße Ruhe die Sabbathstube durchzog, reißt mit hastiger Geberde Reb Machel, der Jom Kippur-Vorbeter, die Türe auf. Der Vater erwacht aus friedlichem Träumen, die Mutter läßt das „tentsche Chnmesch" zur Erde sinken. Man fühlts, jetzt werde man etwas hören. . . Und man hörte. Ministerpräsident Schwarzenberg hatte dem Reichstage den R e g i e r u n g s a ll t r i t t Seiner M a j e st ä t des Kaisers Franz Josefs I. angezeigt. Großer Jubel- Hochs waren ansgebracht worden — und diesen welthistorischen Moment hatte mein guter Vater versäumt — um bei der Sabbathmahlzeit nicht zu fehlen. — L-o schreitet gar oft das große Schicksal an uns vorüber und wir hören seinen Tritt nicht. Mit mildem, vorwurfsvollem Blicke schaute der Vater ans die Mutter. Unbarmherzig sprach Reb Machet: „Da hat man was erlebt, und wird es den Kindern und ,Eniglen^ (Enkeln) erzählen können." Der Vater halte sich nun gefaßt und vor Freude strahlte sein Antlitz wieder. Er ahnte, eine bessere Zeit war angebrochen. Die Kinder werden wandeln im Lichte der Freiheit, Freiheit wird auch den Inden zuteil werden. „Heil dem Lande, dessen Fürst ein Sohn der Freiheit ist" . . . Und oft hat er mir erzählt, wie er den welkhistorischen Akt versäumte. Aber das Leuchten der Sonne der Freiheit hat er noch erlebt. Dr. M. G r ü n s e l d. Ans der Woche. Die Hymnen und Jnbelklänge, die in alten Gauen Oesterreichs zum 60 jährigen Regiernngsjnbilinms des geliebten Herrschers ertönten, sind verklungen, aber llnvergeßlich und llnvergänglich bleibell die goldenen Worte, die der Kaiser an die ihm huldigenden Deputationen gerichtet hat. Sie haben besonders jene, welche gewohnt sind, als Stiefkinder im Staate behandelt zu werden, neuerdings in der Ueberzeugnng bestärkt, daß der Geist der Staalsgriindgesetze, der keinen Unterschied der Bürger kennt, am Herrschertrone einen mächligell Beschützer und Beschirmer findet. In diesem Sinne muß auch die Antwort verstanden werden, die Se. Majestät der Kaiser den höchsten Spitzen der staatlichen Behörden und Aemter auf ihre huldigende Ansprache erteilte. Der Kaiser sagte unter anderem folgendes: „Ihres Wirkens A n s g a n g s- und Schl n ß- Punkt m ll ß das Gesetz u n d nichts als das Gesetz s e i u. Je reger das Parteilebell wird, um so fester müssen Sie sich ans die p a r t e i l o s e Gesetzlichkeit stützen. . . . Meine Völker haben eine große Alizahl gemeinsamer Interessen, die nur durch eine gemeinsame Beamtenschaft gefördert werden können. Den Angehörigen jedes ein er Völker ste h t i n gleicher W e ise der Eintritt in den öffentlichen D i e n st offen. Meine Beamtenschaft muß und soll Söhne aller Nationeli umfaffeu, die ohne ihre Stammeszugehörigkeit zu vergessen, doch stets e i n g e d e il k bleiben, daß sie den gemeinsamen Interesse n aller dienen und daß das A m t niemals Partei sein darf." Nicht minder beherzigenswert ist die ernste Mahnung, die der Kaiser an die Depritation der katholischen Geistlichkeit richtete nnd die folgendermaßen lautete: „Streit und Parteiung sind unvermeidlich; Ihre S e n d n ng aber ist es, die Versöhnung und den Frieden zu künden, den die Welt sich selbst nicht geben kann." # * * Diese schönen, vom Geiste wahrer Religiosität durchdrungenen Worte sollten besonderers jenen in die Ohren klingen, die ihr priesterliches Kleid durch ihre Teilnahme au konfessioneller und iiativnaler Hetze entwürdigen und deren politische Freunde die Kaisertreue wohl im Munde führen aber mit all ihrem Tun und Lassen stets den edlen Intentionen des erhabenen Monarchen zuwiderhandeln. * * * Als einer der einflußreichsten Vertreter der letzterell Richtung gilt der Laudmarschall von Niederösterreich Prinz Alois Liechtenst e i n, der, kaum die kaiserlichen Worte von Liebe nnd Duldung verklungen waren, in antisemitischen Frauenversammlungen den bekannten Hetzruf: „Kauft nicht bei'Juden!" erschallen ließ. Wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, aber angesichts dieser Erscheinungen können wir uns der ernsten Mahnung au unsere wohlhabenden Glaubensgenossen nicht enthalten, bei der Fürsorge für ihre mannigfachen Lebensbedürfnisse nicht au jüdischen Handels- und Gewerbsleuten vorüberzugehen.