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Die Wahrheit · 1908-12-11 · Heft 48 (11.12.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 48 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Wahrheit Nr. 48 mützen. die uns Kindern nicht geringen Respekt einjagten. Ich glaube, die Garde besteht noch heute, obwohl sie der Erzbischof aus unserem Stamme, Dr. K v h n, malig eingehen ließ. — Ich kann wirklich mit historischem Gewissen nicht behaupten, ob vor der genannten Hauptwache noch die aufgepflanzten Kanonen stehen, die ihre Schlünde, allerdings nicht Furcht erregend, gegen die Schloßsront ansstreckcen . . . Das Innere des Schlosses entspricht, durch die Größe seiner Räume und die mit prunkvoller Pracht ausgesührte Ausschmückung beinahe sämtlicher Gemächer und Korridore dem Aeußern. Hier ist besonders der „Weiße Saal" zu nennen, in dem der e r st e Reichstag versammelt war. F i s ch h o f machte die Bemerknng, daß die mythologischen Figuren, mit denen er geschmückt war, durchaus nicht darauf schließen lassen, daß er einem katholischen Kirchensürsten gehöre . . . Solche Figuren findet man auch in dem von dem Kardinal-Fnrst- Erzbischofe Maximilian Josef Grasen S o m e r a n- Beekh (gestorben 1853) wunoerber angelegten englischen Schloßpark. Dieser Kardinal war ein Menschenfreund im wahren Sinne des Wortes. Auch den Juden gegenüber bewährte er sich als solcher und besuchte 1847 die alte Synagoge. Rabbiner Josef W e i s s e (Vater des Rabbiners Weisse in Berlin), der bekannte Kommentator des „Buches der Chronik" predigte vor ihni und verglich ihn mit dem biblischen Josef. . . ein gewagter Vergleich allerdings, aber ein Beweis, wie dieser Kirchenfürst von den Juden geschätzt wurde. Aus mündlichen Ueberliesernngen weiß ich. daß er sehr prnnkliebend war, gute Tafeln liebte und mit dem ziemlich ausgiebigen Einkommen der Erzbischöfe von Olmütz, das sich auf % Million Kronen belaufen soll, nicht Hans zu halten verstand . . . Sein Nachfolger K a r d i n a l F ü r st - E r z b i s ch o f L a n d g r a f v o n Fürstende r g. ein Kavalier vom Scheitel bis zur Zehe, bezahlte die Schnldeit seines Vorgängers, auch die, welche er bei Juden gemach" hatte. Man kann vom Kremsierer Schlosse nicht reden, ohne seine zwei Bibliotheken zu erwähnen und das erzbischöfliche Archiv. Die kleine Bücherei, welche die Handbibliothek des Kardinals -Erzherzogs Rudolf (1819 bis 1831) bildete, dessen Standbild sich im Rudolfsparke zu Ischl erhebt, enthält auch eine Sammlung seltener B i l d e r w e r k e und ist durch den Kardinal Somersn bedeutend vermehrt worden. Auch die sehr sehenswerte Münzensammlung wurde durch diesen vergrößert. Es finden sich hier Münzen seit dem 12. Jahrhunderte. Schon 1144 stand den Olmützer Bischöfen das Münzrechl zu. Auch viele hunderte päpstlicher Medaillen, seit der Zeit Martin V. bis ans unsere Tage, find hier vorhanden. Im Archive befindet sich ein reicher U r k n n d e n s ch a tz, der für die vaterländische Geschichte von großer Bedeutung ist, aber der Ausbeutung noch harrt. Neben der kleinen Bibliothek beherbergt das Schloß noch eine große, welche mehr als 14.000 Bände zählt. Zn den Merkwürdigkeiten des Schlosses gehören auch die prächtigen Souterrains, welche in drei großen Sälen und zwei kleineren Gemächern die ganze Gartenfront einnehmen. Von dieser Front ans blickten wir Kinder mit geheimer, scheuer Neugierde gerne in die wunderbar geschmückten Sale... Ueberhaupt wirkte das mächtige Herrenschloß mit dem feenhaft schönen Parke, seinen Glas-, Gewächs- und Palmenhänsern mächtig auf die Phantasie von uns Kindern, die wir aus der Enge unserer Judengasse uns bei diesem Anblicke in ein unbekanntes Feenreich versetzt fühlten. Ein watires Juwel der Gartenkunst bildet der nn französischen Stile angelegte, dem Schönbrunner Parke gleichende Ziergarten mit seiner kolossalen Göttergalerie, in der griechische und römische Gottheiten, Heroen- und Heldenstatnen uns ganz vergessen machten, daß all dies Eigentum katholischer Kirchenfürsten ist. Und was soll man von der Pracht des großen Saales des Schlosses sagen, der zur Abhaltung der großen Festlichkeiten, namentlich von'Galadiners diente? Büsten der früheren Bischöfe sind hier aufgestellt in den Ecken der beiden großen Treppenabsätze. In dem quadratischen Enträe befinden sich Oelgemälde alter und moderner Meister. Von diesem gelangt man durch hohe weiße Flügeltüren in den Gälasaal, der ganz in Weiß gehalten ist und von dessen hohen Fenstern man einen wunderbaren Ausblick auf den Schloßpark genießt. Dies ist das Schloß des Erzbischofs von Olmütz, in dem der erste Reichstag versammelt war. Dort wurde schon von Glaubensfreiheit und Jndenemanzipation gesprochen. Mannheimer redete über die Glaubensfreiheit. Auch über die Abschaffung der Todesstrafe sprach er etwas salbnngs- und daher wenig wirkungsvoll. Und am 2. Dezember 1848 war es, da wurde vom Mini st er Schwarzenberg dem Reichstage die Kunde gebracht, daß Kaiser Ferdinand abgedankt und die Regierung seinem Neffen Franz Josef I. übertragen habe. Die Nachricht wurde mit brausenden Jnbelrnfen aufgenommen. Die Inden erhofften sich von dem jungen Monarchen, was der Reichstag ihnen nicht gegeben: die Gleichberechtigung. Die Verfassung vom 4. März 1849 schien diese Hoffnungen zu erfüllen. Die Meaftioii vernichtete zwar ihre Träume, aber 18 Jahre darauf, am 21. Dezember 1867, verwirklichten sie sich doch. * * * Sie ruhen nun alle draußen auf dem jüdischen „guten Orte" zu K r e m s i e r, alle unsere Vorfahren, Großeltern und Eltern, die einst den Verhandlungen des Kremsierer Reichstages so gerne beigewohnt hatten, wie mir mein in Frieden ruhender, geliebter Vater oft erzählte. Hier hörte dieses Ghettogeschlecht schier unbekannte Worte. Man sprach von Rechten, Freiheit. . . Was für Artikel sind dies? Wie einstens die Vorfahren im Aegypterlande die Freiheitsworte Mosis nicht verstanden, denn „eng war ihr Geist, und die Arbeit drückend," so konnten die gedrückten Ghettoseelen auch nicht begreifen, was diese Worte bedeuteten. Rechte, Freiheit — auch für die Inden? Es war wirklich ein tolles Jahr, dieses denkwürdige Jahr 1848, denkwürdig für die Juden Kremsiers namentlich, denn in dieser alten Bischofsstadt tagte die erste, ans 383 Mitgliedern bestehende österreichische Volksvertretung. Der Krakauer Rabbi Baer Meisels sprach in ihr ein geistvolles Wort, das er dem Präsidenten S m o l k a, dem Manne mit dem energischen Gesichte und dem gewaltigen historischen Schnurrbarte, znrief. Als ihn nämlich der Präsident einlnd, ans der Rechten des Hauses Platz zu nehmen, erwiderte er schlagfertig : „W i r I ii d e n haben keine Rechte." Und wenn mir dies mein seliger Vater erzählte, leuchtete sein Auge im milden und doch feurigen Glanze. llitb nun will ich von einer kleinen Episode berichten, die wie ein Ghettogeschichtchen klingt, und meinen geliebten Vater zum Helden hat. Sie hat den Vorzug vor anderen Ghettogeschichten, daß sie wahr ist, was man von diesen Erzählungen nicht immer sagen kann . . . Sie ereignete sich aber an dem historischen 2. Dezember 1848, als unser erhabener Monarch, damals 18 Jahre, 3 Monate. 15 Tage alt. zum Kaiser proklamiert wurde in dem Residenzschlosse der Erzbischöfe zu Olmütz, und dann die Worte ausrief: „Leb' wohl, meine Jugend!? . . . Er konnte so sprechen, denn er opferte seine Jugend dem Wohle des Vaterlandes, dem Glücke seiner Untertanen . . . Der 2. Dezember 1848 war ein S a b b a t h. Eine große Bewegung machte sich, wie wir lesen, noch vor Tagesanbruch in Olmütz bemerkbar, die vom kaiserlichen Residenzschlosse ansging. Es lag etwas in der Luft, denn an diesem Tage sollte „eines der folgenreichsten Ereignisse in der neueren Geschichte Oesterreichs znm Abschlüsse gelangen." Auch in Kremsier befanden sich die biederen Bewohner der Stadt, alle ehrsamben Bürger, und darunter insbesondere unsere Glaubensgenossen — damals durste man noch von solchen reden — in einer gewissen fieberhaften Aufregung. So viel steht fest, die Mnssaphandacht an diesem historischen Sabbathe dauerte den Leuten etwas zu lang. Dazumal ging man noch in „Schul," um das Wort Gottes zu hören. Die Bewegung unter den Andächtigen aber war eine große. Die Wiederholung der Tephillah wurde nicht mit jener frommen Scheu angehört, wie sonst. Der Vorbeter dehnte das „Tikanto Schabbos" auch gar zu sehr. Wenn die Gegenwart stürmisch pocht, dann hat man für die alten Erzählungen von den Patriarchen und den Tekanoth Schabbos weniger Sinn .. . Auch düs längste Mussaphgebet

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