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Die Wahrheit · 1908-12-11 · Heft 48 (11.12.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 48 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion »>. itldininisl,unon: Wie», II/, Nvvlnagttsjü 27. Trlrl>Duii brv Di nckerel 153(12 K. k. östcrr. Postsparkasia- Scheck-Konto Nr. w».918. Die viermal gejvallen- Nouvareille-Zeiie Sä Heller. NdoiinemcnlSu. JttlcillonSbeträge »nd in Wie« zairldar und klagonr. Unabhängige Zeitschrift für jü5isch> Inlere^en. ErscheinL jeden Areita»;. Notto: „Das 8lv»vt Ovl,l.«r, lbl Wahrheit l” «aiijiiitzrig . . . Zk u — ©.ilblfibri«! . « 7 — I tlili EultiiSdeuinte: iUmiilt(iDvi|| )f io. tVilr ‘MimtiiiOrif} . . , i* M,»rk 6 iHnbet oder HS 1H*. 48. Wien, 11 Dezember 1908 Inhalt: Erinnerungen an Kremsier. — Aus der Woche. — Die Wiener Knltnswahlen. — Kaiserjnbilänms-Festlicbkeilen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. Erinnerungen an Kremstrr. (Zum 2. Dezember 1848.) Der diamantene Jubettag unseres geliebten Mollarchen lenkt unseren Blick auch aus die sonst so stille Stadt Mährens, in welcher, seit dem 22. November 1848, der I. k v n st i t u i e r e n d e Reichstag versammelt war, in dem 5 Juden saßen, und zwar der unvergeßliche Wiener Prediger Isaak N o a M a u nheimer, Dr. Adolf Fisch Hof, Dr. I o s e f G o l dm a r k, Kaufmann Abraham H a l p e r n mld seit dem 8. Jänner 1849, auch Rabbiner B a e r M e i f e l s aus Krakau. Durch die zwei genannten Prediger waren demnach in jener ersten denkwürdigen Volksvertretung Oesterreichs die zwei Hauptrichtungen des Judentums, die reformierte und die chassidische repräsentiert. Es saßen in ihr der moderne Prediger und der Rabbiner in polnischer Tracht, welcher des Polnischen vollkommen mächtig war und von den galizischen Deputierten als der Ihrige betrachtet wurde. Damals ging es in der engen Judengasse Kremsiers, in der heute kaum viele Juden mehr wohnen und die von der tschechischen Gemeilldevertretung eine nationale Bezeichnung erhielt, hoch her, erhöhtes Leben herrschte in ihr, Grafen und Edle gingen in ihr aus mtb ein, und auch die uralte „Schul", die nun einem prächtigen Neubaue weichen muß, denn am 2. Dezember wurde der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt, sah neben den genannten Rabbinern' gar oft hohe und ehrwürdige Gäste in ihren feuchtkalten, kellerartigen Räumen, so den berühmten Rabbi L. R. H i r s ch, der am Sabbath „Wajechi" 1848, dort predigte. Die Herrlichkeit dauerte allerdings nicht lange, denn schon am 7. März 1849 wurde der Reichstag aufgelöst und die Deputierten stoben nach allen Windrichtungen auseinander, unter ihnen auch Fifchhof und Goldmark. Und wieder wurde es stille in der allen Judengasse mit ihren dunklen Hänschen und ihrer noch dunkleren „Schul", in der man mit Recht beten konnte: ..Ans den Tiefen ruf' ich Dich an, Herr". Judengasse und Schloß Kremsier belebten sich wieder, als am 25. und 26. August 1885 in dieser Stadt die ewig denkwürdige Begegnung zwischen unserem Kaiser und dem Zar aller Reussen, Alexander IH., stattfand. Wieder wohnten, wie im Jahre 1848, hochgeborene Herren bei Inden und fühlten sich bei ihnen sehr wohl, denn die Juden Kremsiers hielten immer ans eine bequeme, wohleingerichtete Wohnung. Schon vor 60 Jahren berührte dies die damaligen Deputierten sehr angenehm und so wohnten denn Hans Kudlich, der Bauern-! befreier, Prato, Prelis, Baron Pillersdorf bei Inden. Selbst; ein wirklicher Graf, Tarnowsky, halle bei einem Juden sein : Zelt anfgefch lagen. Interessant ist, daß auch jetzt noch Kremfier im Bolksmuude „das h a n n a k i s ch e I e r u s a l e m“ heißt. Warum? Das ist schwer zil sagen. Die Judengemeinde kann wohl kaum Grund zu dieser Bezeichnung gegeben haben. Diese, seit dem 14. Jahrhunderte bestehend. Halle allerdings, infolge des Wohlstandes und der hohen Gelehrsamkeit vieler ihrer Milglieder, einen gewissen vornehmen Anstrich. Aber die Bezeichnung „Jerusalem" hat wohl Kremsier als Bifchofsstadt erhalten. Ihre kirchlichen oder mit dem Kirchelitume in naher oder enlfernter Beziehung stehenden Bauten und Einrichtungen, die ihre hervorragende Eigentümlichkeit gewesen, haben der in der fruchtbaren Hannaebene gelegenen Stadt den Namen gegeben. Man könnte ihr füglich auch den Namen „hannakisches Athen" beilegen, denn die etwa 14.000 Einwohner zählende Stadt besitzt sehr viele Schulen, daruilter das altehrwürdige 220 Jahre alte ehemalige Piaristeu-Gymnasium. Ueberflüssig hinzuznfügeu, daß sich jetzt auch in der ganz tschechisierten Stadt ein böhmisches Ober- Gymnasium befindet. Und nun wenden wir uns dem prächtigen Schlosse zu, der Sommerresidenz der prnnkliebeuden, mächtigen Erzbischöfe von Olmütz. Im Jahre 1322 waren diese nur Bischöfe. Und in diesem Jahre gestattete der König Jä-n von Böhmen, Slep^ d. h. der Blinde genannl, dem Bischöfe Conrad von Olmütz,! in Kremsier, „einen Juden halten zu dürfen"' So wurden wir; damals verschenkt. Der „erhebende" Titel, den unsere Vorfahren; führtet!, war der der Kammerknechte. — Die Juden waren; und blieben bis zur Aufhebung der Patrimonialgewalt Schutz- : befohlene des Olmützer Erzbischofs.! Das Schloß dieser geistlichen Herren erhielt seine jetzige Gestalt vom Fürsterzbischofe C a r l G r a f e n von Liechten- : st e i n-C a st e l c o r a (1664—1698). Vollendet wurde es aber erst nach 1711. 1752 wurde es ein Raub der Flammen. Erzj bischof Leopold Friedrich Graf von Egkh stellte es wieder her. Bis znm Jahre 1832 war das Schloß von der! Sladtseite mit einem Graben umgeben. Fnrsterzbischof Graf > C h o t e k (gestorben 1836) ließ den gegen das Schloß sehr I abhängigen Schloßplatz abgraben, um eine ebene Zufahrt zu j erzielen. Er erbaute auch die an das Residenzschloß sich an-; lehnende Hauptwache der fürsterzbischöflichen Garde. Bei dieser; Garde wollen wir etwas länger verweilen. Die Juden Kremsiers nannten sie „rote Baal-Milchomes", denn sie trugen die rote Uniform der Napoleonischen Gardisten und gewaltige Bären-

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