Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 47 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 47. Die Wahrheit. :eite 7. Der Vater: (Laut lachend.) Nein, nein, mein Lieber, das ist nicht der Grund. Es wäre traurig, wenn der Antisemitismus so ein nichtssagendes Motiv hatte. Deswegen muß inan ja nicht hassen Und Judenhasser sind sie ja, diese Antisemiten! Der Sohn: Aber Vater, Hab' doch Rücksicht! Die Passanten! Der Vater: Wie heißt, Passanten?! Einzig allein deshalb sind wir gehaßt, weil wir Inden in der geringen Anzahl, in welcher wir vorhanden sind, dieselben Ansprüche machen als' die in der Majorität existierenden Christen. Was sag' ich? Wir Inden?! Solche Inden, nue Dn einer bist. Die ihren Glauben ganz gern aufgeben, um sich in die Familie eines Hosrates zu drängen. Der Sohn: Ich habe mich in diese Familie durchaus nicht gedrängt; Marie liebte mich seit dem ersten Tage, an welchem wir uns kennen lernten, und die Folge war — — — Der V ater: Ja, und die Folge war, daß Dich die Eltern hassen mußten und noch müssen, denn Dn, der schäbige Jude, werden sie sagen, seist dahergetommen, ihnen ihre Tochter zu betören und dadurch den Vorzug zu haben, denselben Rang in der Gesellschaft einznnehmen wie der Herr Hosrat selbst. Der S o h u: Diesen Rang nehme ich ja ohnedies durch meine Stellung ein. Habe ich es nicht bis in die sechste Rangsklasse gebracht? Der Vater: Nun, da haben wir ja wieder den Nagel ans den Kops getroffen! Hättest Dn es, ohne Dich taufen zu lassen, so weit bringen können? Und deshalb hassen sie Dich auch, weil Dn als Unberufener durch eine belanglose Zeremonie zu solchem Titel gekommen bist, während sie. vom Hanse ans dazn bestimmt das Nachsehen haben. Ist es nicht so? Siehst Du, wie Du mir die Antwort schuldig bleiben mußt. Der Sohn: Ich könnte Dir — — — Der Vater: Wie heißt. Dn könntest? Wenn Dn mir was erwidern könntest, möchtest Dn doch nicht Fnrchell in den Sand ziehen. — Was. Kreuze? — Kreuze hast Dn gatgemacht? Kreise sind doch leichter zu machen; die gehen doch m einem Zug und bei einem Kreuz mitß man absetzen. Der Sohn: Willst Dn Dich über mich lustig machen, Vater? Der Vater: Gott bewahre! Wo denkst Dn hin, Aron? Der Sohn: Arminins! Der V ater: A propos! Was ich Dich doch noch fragen wollte? Sag' Aron, hätte Dein Schwager nicht in die achte Rangsklasse kommen sollen? Der S v h n: Ist schon drin! Der Vater: Na also! Was Dich der auch gehaßt hat. daß Dn auch schon so weit bist! Der Sohn: Aber, aber, hassen! — Was verstehst Dn eigentlich unter hassen, Vater? Der Vater: Hassen heißt: nicht lieben! Der Sohn: Nun ja, da — — — Der Vater: Aha, da haben wir's! Er soll Dich aber lieben, weil er Dein Schwager ist; nicht weil er Dein Schwager iß, weil er Dein Nächster ist. Denn in der Bibel heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Weil Dn aber ihm und den vielen andern, denen Dn an Geist so sehr überlegen bist, als Unberufener hindernd im Wege stehst, sind Schwager und alles was drum .und dran hängt, gegen Dich erbost nnd hassen Dich. Und uns Eltern, die Dich .ins Leben gesetzt haben, wird natürlich ein Fluch gewidmet. — Hierin liegt die Erklärung des Alltisemitismns, mein lieber Sohn. — Wenn Dn auch den Taufschein vorzuweisen in der Lage bist, sie werden ja doch nur alle schreien: „Der Jude, der schäbige Jude! Wegen seines Zettels müssen wir in der Nachhut sitzen!" Der Sohn: Aber Vater, Dn bemühst Dich 'umsonst, ich bin ja nicht der Einzige. Der Vater: Ja leider, Dn bist nicht der Einzige, Dn bist nur der Nachahmer von so vielen Tausenden und viele, viele Tausende werden es Dir ivieder nachmachen, bis zum Schluß lauter Juden im Staate angestellt sein werden. Der Sohn: Dann wird hoffentlich Ruhe sein, Vater? Es wird kein Grund vorhanden sein, seinen Bnreaukollegen zu hassen; der Antisemitismus wird ein Ende haben. Der V a t e r: Dann-dann werden die Taufscheine zu hassen beginnen und werden schreien: „Ter Jnd' der schäbige Jnd'!" Der Sohn: Also, Dn schreist schon wieder, Vater? Adieu! Der Barer: (seinem enteilenden Sohne nachrnsend) Aron! Aron!- Albert Held. Keilende Ideen der allgemeinen jüdische,« Kalonifaliansorganifalion. Bon Dr. Adolf Noffig. lFvrtsetzmig.) Herr Dr. Soskin, der Palästina. Syrien. Anatolien und den Norden Egyptens, znm Teil gemeinsam mit anderen Fachmännern, Wasseringenienren, Geologen nsw. bereist hat. weist nun ans eine ganze Reihe von Landkomplexen hin, wie Wad-el- Hawareth. nördlich von Jaffa, eine Ebene zwischen Haifa und Acca. dann eine Ebene am Meromsee. die znm Teile im Privatbesitz sind nnd unter günstigen Bedingungen erworben werden könnten, znm Teil zu den Domänen des Sultans gehören nnd. da sie gegenwärtig so gnr wie garnichts abwerfen, leicht in Form langjähriger Pacht übernommen werben könnten. Es sind dies durchschnittlich Objekte von 4000—7000 Hektar, die bei landwirtschaftlich-industrieller Ausbeutung 5000 bis 8000 Seelen ernähren könnten. Manche eignen sich auch vorzüglich zur Anlage von Gartenstädten, die als neue Bevölkerungs-Zentren in diesen zu erschließenden Gebieten anssprießen würden. Besonderes Interesse verdienen die Besiedlnngsprojekte. welche sich ans die Halbinsel Sinai beziehen. Der am Gestade des Mittelländischen Meeres liegende nordöstliche Teil der Sinaihalbinsel hat als Billdeglied zwischen Afrika und Asien eine hervorragende Bedeutung. Zur Siedelnng eignet sich hier die Gegend neben dem Städtchen El Arisch nnd die pelnsinische Ebene. Eine größere jüdische Kolonie auf diesem Landstrich würde eine Fortsetzung der jüdischen Siedlnngeil im Süden Palästinas bilden. Alle diese Pläne müßten gründlich studiert nnd besonders auf ihre Rentabilität hin fachmännisch genau geprüft werden. Wenn Sie nun heute schon von uns ein Programm der kolonisatorischen Tätigkeit der neuen Organisation verlangen würden, so könnten wir es in allgemeinen Umrissen etwa folgendermaßen skizzieren: Wir bemühen uns zunächst um die Schaffung des Jndustrie-Kredit-Fonds.. Ist dieser in der den gegebenen Bedürfnissen entsprechenden Höhe von 250.000 Mark gebildet, so werden wir, vorläufig ans einer ähnlichen Basis, einen ebenso notwendigen Agrar-Kredilfonds aitfznbanen versuchen. Ich sage vorläufig: denn sobald nur die von den Jnngtürken ins Auge gefaßte Reform des türkischen Agrarrechtes dnrchgeführt ist. wird sich für tins die vom Humanitären wie vom rein geschäftlichen Gesichtspunkte gleich lohnende Ausgabe eröffnen, die erste jüdische Agrarbank im Orient zu schaffen. Gleichzeitig soll die Prüfung der erwähnten größeren AnNedlnngsobjekte vorgenommen werden. Har man genügende Informationen gesammelt, um eine Wahl treffen zu lönnen nnd liegt ein entsprechend dnrchgearbeileter Bericht vor, so stehen wir an der Schwelle jener zeitgemäßen kolonisatorischen Tätigkeit größeren Stils, die uns vorschwebr. Dann wird es unsere Aufgabe sein, die erforderlichen Mittel zu beschaffen, um die Inangriffnahme des neuen Ansiedlungswerkes auf der früher erläuterten Grundlage, demnach znm Teil durch gewinnbringende Finanzinstitute, znm Teil aber durch ein Kapital, das sich vorläufig nicht verzinst, zu ermöglichen. Um diese Ausgabe zu lösen, werden wir einen Appell an die jüdische Gesamtheit richten. Wir werden einen Kongreß von Vertretern aller namhaften jüdischen Gemeinden und von jüdischen Notabeln aus allen Ländern einbernfen und andererseits alle großen jüdischen Organisationen einladen, sich behufs Durchführung des neuen Ansiedlungsprojektes zu verständigen. Und wenn ein derartiger Weltkongreß der hervorragendsten Glanbeusgenossen für die Forderung einer jüdischeit Gesamtorganisation sich ausgesprochen