Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 47 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 47. kannte denn sein Leben je Sonnenschein? Er litt doch nur Not, Entbehrung und Schmerz!" Jeremiaden stimmte man an, klagte über den Verlust des großen Dichters, der nie Dank für sein Streben gehabt. Und so schien Morris Rosenseld im Tode endlich erreicht zn haben, was er so sehnsüchtig gewünscht: Anerkennung bei seinem eigenen Volke. Doch ehe noch die Klagetöne verhallt waren, da rief inau's. laut: „Er -lebt!" — Aber sie taten recht, sogleich die Stimme zu'dämpfen. War das ein Leben, wie' es Nosenseld lebte? Ein Dahmsiechen wars, ein langsames Hinsterben in finsterem Elend, in- Not und Verzweiflung. Erschrocken vernahm so mancher reiche Jude die Kunde, daß der Edelste der Seinen kaum ein Stück hartes Brot habe, sein Leben zu fristen, während er selbst in Reichtum und Luxus schwelgte- und sie schämten sich und suchten endlich nachzuholen, was sie so viele Jahre versäumt hatten. Seit jener Zeit scheint sich die dunkle Nacht der Not vom Leben Morris Rosenfelds zu heben und ihm eine glücklichere Zukunft zn winken. Mögen sie sein Unglück im tiefen Grabe vergraben lassen, von dem es kein Wiederkommen mehr gibt! — Morris Rosenfeld hätte dies verdient, vor allem von seinem Volke verdient. Diesem gelten seine Lieder, ihm allein sind sie geweiht. Sie schildern nicht nur seinen eignen Schmerz, nein, das fürchterliche Weh aller feiner unglücklichen Brüder. Er hat ihre Not, ihr Kämpfen und Ringen gesehen, hat alles miterlebt, gefühlt nnd in feinem Herzen haben sich ihre Tratten, hat sich ihr Unglück gesammelt. Darum schlügt er für sie die Sailen seiner Leier, bald schluchzend, bald weinend, bald drohend tlnd warnend und mächtig läßt er feine Klage ertönet!, gilt es doch der Härtesten Herz zu rühren, das Herz jener, die solches Weh über seine Brüder bringen und derer, die ganz die Ihrigen vergessen haben. — Tai Rosenfeld solches, weil ihm hoher Lohn winkte? Nein, er wußte, daß seine armen Brüder ihm nichts bieten können, und er sagt selbst: „Was können mir für einen Dank, „Die aririeu Leute geben? - „Sie geben für Tränen, Tränen her, . „Sie können nicht anders mich lohnen. . . Gibt es aber überhaupt einen Lohn, der groß genug wäre für das. rvas M. Rosenfeld seinem Volke getan? — Wenn er von des Tages fürchterlicher Arbeit heimwankle, wenn er sich nicht mehr Mensch fühlte, wenn das trübe Auge tief in den eingefallenen Wangen lag, kein Blutstropfen in seinem Antlitz zu sehen mar, wenn er todmüde hinsank, dann konnte nur der Gedanke an seine unglücklichen Brüder ihn erwecken, dann färbte sich sein Gesicht purpurrot. es glänzte das Auge und er schrieb für seine Brüder, sang von ihrem Schmerz. Die Nacht ward ihm zum Tage. Das war sein einziges Glück. — Erschrocken fuhr er auf, wenn die ersten Strahlen des dämmernden Ostens in seine Stube sielen. — Dann war er kein Mensch mehr. An die Arbeit, die Arbeit! Er eilte hin in die Werkstatt, arbeitete mechanisch, war nur mehr „Maschine"; dann nnd wann zuckte es schmerzlich über sein bleiches Antlitz, wenn er an Weib und Kind daheim dachte. Seine letzten Kräfte nahm er zur Arbeit zusammen, um früher nachhause zu kommen. Aber seine Kraft versiegte; er konnte nicht weiter. Weib und Kind? Und der Meister schrie zu ihm herüber, roh fuhr er ihn an, nnd wie von stechenden Peitschenhieben getroffen, zuckte der.leidende Mann zusammen. Kam er nachhause, so wars schon finstere Nacht; sein Kind schlief längst. Wild bäumte sich das Herz des edlen Dichters, des großen Menschen ans. Sein Kind, feine Familie, das Tenerske des Juden, es ward ihm zum Fremden. Aber seine anderen Glaubensbrüder, ging es ihnen besser? Tausend und .Tausende litten wie er. Niemals war es ihnen, war es ihm besser ergangen. In all den Ländern und Städten, .in denen er gewesen, hatte er überall dasselbe traurige Los gesehen. In seinem Heimatstädtchen Boschka, in Warschau, in Holland, in London. Fürchterlich war es ihm hier ergangen, er hatte ein solches Leben nicht länger ertragen können. Seine Sehnsucht war nach Amerika, dem Lande des Glückes, der Freiheit gerichtet. Und nun war er dort. Welche Enttäuschung mußte-er da erleben! Nach dem Lande, dessen Himmel sich um Mitternacht vom Blute der erschlagenen Inden purpurn färbt, nach dem Lande, in dem die unschuldig Gemordeten nach Rache schreien, dorthin, wo die Gefilde vom Blute der Teuersten getränkt sind, wo jeder Schritt über die modernden Gebeine der Liebsten schreitet, dahin drängts ihn zurück ans dem sonnigen Amerika,- dem glücklichen Amerika. Schrill durchdringt sein Wehruf das Herz: „Amerika treibt uns nach Rußland zurück." Doch Rosenfelds Herz ist groß genug, sich nicht der Verzweiflung hiuzngeben. Noch beseelt ihn das Schönste, das den Menschen bis zum Grabe begleitet: die Hoffnung. Er sieht den Tag kommen, da es den Juden besser ergehen wird und er besingt und verherrlicht die Juden, die nach dem Lande der Väter streben, den Zionismus. Dort werden sie glückliche Tage erleben. Der Frühling der Freude uud der Freiheit wird bei ihnen entziehen. Dann werden die „Cedern des Libanon", Jarons „Myrthen", der „heilige Oelberg" sich wieder dem Inden beugen, dann werden die „Blumen ihren einstigen Herrscher" wiedererkennen. Mögen auch harte Kämpfe bevorstehen. er ruft aus Doch lebt in Nils ein Ideal. Das, Völker, könnt Ihr nie besiegen. solange aber Morris Rosenfeld es vermag, bis zn seinem letzten Atemzuge wird er für sein geliebtes Volk leben und streben. Morris Rosenfeld steht inmitten einer rauschenden Versammlung. des tosenden Beifalls will es kein Ende nehmen. Den armen, verachteten Dichter, der nur im Jargon dichtet, ziert der Lorbeer, der Lorbeer, den er sich auf dem Schlachtfelde in heißem Kampfe für seine unterdrückten Brüder holte. Und so harrt nur noch sein sehnsüchtiger Wunsch der Erfüllung, daß eine glückliche Zukunft über sein Volk heranfziehe, daß sein Lied zur Wahrheit werde: Wein' nicht! Bist noch nicht verloren, Wegemüder Wandrer Dn. Neue Jahre, gute Jabre Winken Dir, mein J-nde, zu. Kegegmmg eines jüdischen Paters mit seinem getauften Sohn. Der V a t e r: Grüß Dich Gott Aron, endlich einmal, daß man Dich zu Gesicht bekommt! Der Sohn: Aber Vater, schrei doch nicht so, wir sind doch in einer öffentlichen Anlage; im übrigen lveißt Dn doch, daß ich Armiuins heiße. Der Vater: Seit wann denn? Der Sohn: Seitdem ich getauft bin. Der Vater: Und glaubst Du, wenn ich Dich Armiuins rufen werde, rverden die Leute nicht wissen, daß Du ein Jude bist? Der Sohn: Du schreist doch schon wieder! Der Vale r: Um Gotteswillen die Nase kannst Du Dir doch nicht kürzer machen. Der Sohn: Ich ersuche Dich wiederholt, nicht so zn schreieli. — Siehst Dn, deshalb vermeide ich'^ auch jede Begegnung mit Euch, weil Ihr eben diese schlechte Gewohnheit habt. Der Vater: Nur keine Ausflüchte mein Sohn. — Gestehe es lieber, daß es nur Deine Iran ist, die Dich davon abhält, mit uns zn verkehren. Der Sohn: Aber Vater! Der^Varer: Nur kein Aber! Es ist doch so! Mit uns Inden darfst Dn jetzt nicht mehr in Verbindung treten, denn Dn sollst ein Christ sein nnd Deine Frau ist stolz darauf, daß Du Ihretwegen den jüdischen Glauben gelassen Haft. Der Sohn: Du schreist schon wieder so, Vater! Sieh, wie die Borrübergehenden sich über Dich moquieren, dann wunderst Du Dich, daß so viele Antisemiten existieren.