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Die Wahrheit · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47. Die Wahrheit Unmittelbar vor der Festversammlnng hatte der Festgottesdienst im festlich dekorirten Seitenstetteutempel staltgefunden, an welchem viele hervorragende Persönlichkeiten, wie Baronin Kö n i g sw a r t er, Baron Albert Rothschild mit seinen Söhnen Baron Alphons und Baron Louis Rothschild, David Ritter v. Guttmann. Generalstabsarzt Dr. Znckerm a n n, die Hofräte Professor D s e r und Professor Pollitzer, Oberlandesgerichlsrat Dr. Spitz köpf, Landesgerichtsrat Dr. Fluß, Negiernngsrat Dr. Schlag, die Reichsratsabgeordneten Hofrat K n r a n d a, Dr. S t r a n ch e r, Dr. Mahler und Stand, Gemeinderat Dr. Hein, der gesamte Knltnsvorstaud mit dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und Vizepräsidenten Dr. K o h 11, der Bethausvorstand, die Präsidenten und Obmänner der einzelnen Tempelvereine, die Rabbiner Dr. David, Dr. F e n ch t w a n g und Dr. K a m i n! a, kais. Rat Lichtenst a d t, Bezirksrat Melcher, Regimentsarzt Dr. Stiaßny u. v. A. teilnahmen. Oberrabiner Dr. Güdemanu hielt eine glänzende Festrede, und die Festgesänge wurden durch Oberkantor-Stellvertreter Don Fuchs und dem unter Leitung des Chormeisters Professor Sulz er stehenden Tempelchor exefutirt. Ein gleicher Festgvttesdienst wie im Stadttempel wurde um 10 Uhr vormittags auch im Leopoldstädter Tempel veranstaltet, wo Rabbiner Dr. S ch m i e d l die Festrede hielt und Oberkantor Guttmann mit dem Tempelchore die Festgesäuge anstimmte. * lieber den Empfang der Vertreter der österreichischen Kullusgemeindeu durch den Kaiser wird uns, zur Ergänzung unseres vorwöchentlichen Berichtes, weiters noch berichtet: Beim Eintritte Sr. M a j e st ä t in die geheime Ratsstnbe, woselbst sich die Deputation versammelt hatte, erbat sich zunächst Oberrabbiner Dr. G ii d e m a n n die Erlaubnis, den Segensspruch bedeckten Hauptes sprechen zil dürfen, welcher Bitte Se. Majestät huldvoll st willfahrte, worauf sämtliche Mitglieder der Deputation ihr Haupt bedeckten. Oberrabbiner Dr. G üd emann sprach nun zuerst hebräisch und dann deutsch den Segensspruch beim Anblicke eines gekrönten Hauptes. Der Segensspruch hatte folgenden Wortlaut: „Preis sei Gott, d e m H e r r n d e s W e l t a l l s, der den Abglanz seiner Herrlichkeit Euerer Majestät mitgeteilt h a t und Euere M a j e st ü t noch lange, lange erhalten und beschützen m ö g e." Sichtlich bewegt hörte der Kaiser den Segensspruch an. Nachdem sämtliche Mitglieder der Deputation ihre Kopfbedeckung wieder abgenommen hatten, hielt der Präsident der israelitischen Knltnsgemeinde Wien, Dr. Alfred Ster n, die bereits in der vorigen Nummer unseres Blattes veröffentlichte Ansprache, bei deren Schluß die Versammlung ein dreimaliges Hoch ans Seine Majestät ausbrachte. Mit vollster Aufmerksamkeit war der Kaiser der Ansprache gefolgt und erteilte in sehr huldvoller Weise auf dieselbe die gleichfalls in unserer dieswöchentlichen und vorwöchentlichen Nummer veröffentlichte Antwort. Der Kaiser lud dann den Präsidenten Dr. Ster n ein, ihm sämtliche Herren vorzustellen, fragte denselben zunächst um seine persönlichen Verhältnisse, und auf feine Mitteilung, daß er Wiener sei und das 77. Lebensjahr zurückgelegt habe, bemerkte der Kaiser: „Dann sind wir Kollegen. Wie groß ist die Gemeinde?" Dr. Stern antwortete: „170.000 Seelen." „Da gibt es gewiß viel zu tun", sagte hierauf der Kaiser. Der Kaiser wendete sich nun dem Oberrabbiner Dr. G ü d e in a n n zn, fragte ihn, an welchem Tempel er fungiere und wieviel Bethänser in Wien seien. Bei Rabbiner Dr. B r e th o l z erkundigte sich der Monarch um seinen Bildungsgang und sonstige persönliche Verhältnisse und nahm zur Kenntnis, daß er in Triest als Rabbiner fungiere. Herrn D a n n h a u s e r (Innsbruck) sowie die Herren S ch w a g e r (Linz) und Biller (Graz) befragte der Monarch über die Größe ihrer Gemeinden und ob sich diese im Aufschwünge besinden. Zu Dr. S o n n e n s ch e i n (Troppan) bemerkte der Kaiser auf dessen Mitteilung, daß er Advokat sei: „Da haben Sie Seite 5. wohl in der Advokatur viel zn tun und wirken dabei noch in diesen Aemtern ersprießlich." Der Kaiser fügte hinzu, daß er geglaubt habe, daß in Schlesien, speziell in Troppan, größeie Gemeinden bestünden. Zn Dr. Arnold R o s e n b a ch e r, welcher bemerkte, daß er schon in Prag das Glück gehabt, Sr. Majestät vorgestellt zn werden, bemerkte der Kaiser, daß er sich gerne daran erinnere und befragte ihn über den Stand der Prager Kultusgemeinde. Zum Landesschulrat Dr. Gustav K o h u äußerte sich der Monarch, er glaube, daß es, Gott sei Dank, im Landesschulrate ziemlich ruhig zugehe, lieber die Bemerkung des Dr. Kohn, daß manche Schwierigkeiten bestehen, frag er ihn, wie lange er im Landesschulrate sei, worauf derselbe erwiderte, daß er 20 Jahre dieser Körperschvft angehöre. Se. Majestät erwiderte: „Das beweist, daß Sie der richtige Mann sind, weil Sie immer wieder ernannt werden, da heißt es ausharren." Tr. Kohn bemerkte: „Man tut eben seine Pflicht, persönlich - habe ich mich nicht zu beklagen." Mit Dr. Schass (Lemberg) und Dr. T i l l e s (Krakau) unterhielt sich der Monarch über die Verhältnisse der galizischen Gemeinden und meinte, baß dieselben im Aufblühen begriffen seien. Er erinnere sich, dort einen neuen Tempel beinclit zu haben. Bei Dr. F i a l l a (Brünn) erkundigte sich der Kaiser über die Verhältnisse der Brüuuer Kultusgemeinde und erwiderte auf dessen Bemerkung, daß Brünn sehr glücklich wäre, wenn Seine Majestät wieder einen Besuch dort machen würde: „Das m nicht ausgeschlossen, es ist ja nicht weit." Bei Dr. Gras (Triest) erkundigte sich der Monarch nach dessen Beschäftigung, den Verhältnissen der Gemeindemitglieder und gab seinen warmen Gefühlen für Triest Ausdruck. Sodann bemerkte der Kaiser, jetzt wolle er sich die Adresse ansehen, welche ihm nun vom Präsidenten Dr. Stern und Vizepräsidenten Dr. Kohn geöffnet und gezeigt wurde. Seine Majestät war über dieselbe sehr befriedigt und gab seiner Freude Ausdruck, daß sie so schön sei. Namentlich gefiel dem Kaiser das Arrangement, wonach jeder einzelnen Kultusgemeinde ein eigenes Blatt für die Unterschriften zngewiefen war. Dr. S t e r n brachte Sr. Majestät zur Kenntnis, daß die älteste Gemeinde Dalmatiens (Ragusa) telegraphisch gebeten habe. Sr. Majestät zu melden, daß ihre Vertreter infolge der Kommnnikationsfchwierigkeiten nicht erscheinen konnten, ihn. Dr. Stern, gebeten haben, sie zn vertreten und ihre Huldigung Sr. Majestät zn unterbreiten, worauf Se. Majestät hnldvvllst bemerkte: „Bitte, teilen Sie den Herren mit, daß es mir leid getan hat, dieselben nicht gesehen zu haben. Grüßen Sie mir die Ragusaner!" Endlich bemerkte Dr. Stern, daß noch einige Gemeinden ihre Unterschriften nachträglich eingesendet haben, die nicht mehr in der Adresse angebracht werden konnten, dieselben wären trostlos, wenn ihnen die Möglichkeit benommen wäre, ihre Unterschriften der Adresse beizufügeu. Herr Dr. Stern richtete an Se. Majestät die ehrfurchtsvollste Bitte, die nachträgliche Beifügung gestalten zu wollen, worauf Se. Majestät huldvollst seine Zustimmung hiezu erteilte. Mit dem Bemerken Sr. Majestät, daß er sich wirklich gefreut habe, zog sich derselbe unter neuerlichen Hochrufen der Repräsentanten in feine Appartements zurück. Der Empfang dauerte 24 Minuten. Morris Rosenfeld. Bon Eduard Kaufmann. Es war im Sommer des vorigen Jahres. Die Blumen blühten und in mächtigen Wogen rauschte Leben durch die Natur. — Da durchzuckte ein Schlag die Gemüter. Und ein Jude raunte es dem anderen zu, leise, ganz leise, als ob er sich nicht getraute, es laut zu sagen: „Die edelste der Blumen ist gefallen! Morris Rosenfeld ist tot!" Staunen ergriff den anderen, er konnsi es nicht glauben, nicht fassen. „Wie? er, dessen Herz so empfindend, so feinfühlig war, er konnte nicht mehr in des Sommers Sonnenschein genesen?" Aber er sprach nicht weiter; denn er schämte sich. — „Ach ja, der unglückliche Halberblindete sah kaum noch das Licht der Sonne. Und dann! vT? r?v-? ir? ...»r*:

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