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Die Wahrheit · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. i- .1 Zum 60 Pcgicrnttgsjntiiliinm Sr. Majestät des Kaisers am 2. Dezember 190». In dem mächrigen Jubelchore, deu Oesterreichs Völker und Bekeuutnisse zum 60 jährigen Regierungsjubilüum des geliebten Kaisers anstimmen, ertönen auch die heißen Dankgebete und reichen Segenswünsche, die in allen jüdischen Gotteshäusern des Reiches zum Throne des Allmächtigen emporsteigen, und tausendstimmig klingt der Hymnus: Gott erhalte, Gott beschütze u n s e r n K a i s e r! Einen ebenso feierlichen als erhebenden Ausdruck der Huldigung für den Monarchen bot auch die Festsitzung, die am 2. Dezember 12 Uhr mittags nach den beiden Festgottesdiensten in den Hanpttempeln der Gemeinde im großen Sitzuugssaale stattfand. Präsident Dr. Alfred Stern hielt an die Festversammlung, die die hervorragendsten Persönlichkeiten des Wiener Judentums vereinte, folgende Ansprache: „Hochgeehrte Festversammlung! Tief ergriffen, in weihevoller Stimmung, noch unter dem mächtigen Eindrücke des Festgottesdienstes stehend, der herrlichen Psatmeugesänge, der meisterhaften Festrede, betreten wir unseren alten Beratungssaal. Fürwahr alt ist der Saal, in dem wir tagen, alt das Haus, alt und eingeschlossen, in dem alten Hause versteckt unser Tempel und durch diese Aeußerlichkeit ein Bild der Zeit, in der unsere Vorfahren, in der auch ich und meine Altersgenossen lebten. Frei hinaüszutreten, offen und vor aller Welt unsere religiösen Anschauungen und Empsindnngeu in den Formen unserer Gottesverehrmig zu bekunden, war uns verwehrt. Und selbst die Errichtung dieses Gotteshauses in feiner Verstecktheil verdankten wir nur der Gunst, der Gnade. Wohl konnten wir unseren Herzen das Trosteswort znflüstern: „Es ist ein Trost der Bedruckten, Genossen ihres Mißgeschickes zu haben." Denn auch aus Huuderltansenden und Millionen andersgläubiger Mitbürger lasteten Rechtsschmälerung und Gewiffensbedrückung. Bevorrechtnng in Abstnfungeli einerseits, Rechtsschmälerung, 'Unterdrückung des Rechtes der Persönlichkeit in ihrer freien Entfaltung anderseits in allell Lebenswegen, das war die Signatur der Zeir vor sechs Dezennien in unserem Vaterlande und auch anderwärts. Wohl, Genossen im Mißgeschicke hatten wir bei Andersgläubigen nach Millionen. Aber nicht allein die reichhaltige, erfinderische Mannigfaltigkeit der Bedrückung, die uns betraf, auch deren Ursache und beabsichtigte Wirkung, der Glaubens- und Gewissenszwang, das war es, was unser Dasein vergiftete. Denn nichts, nichts ist vergleichbar der religiöse n Verfolgung, dem Eingriffe in den Gewissensbereich. in den in der Tiefe der Seele ruhenden Gvttesbegriff, dem religiösen Martyrium, nichts ist vergleichbar der Empörung, der Verbitterung, welche darob das Menschenherz empfindet. Schon lange vorher hatte die Sonne der Freiheit über unsere Glaubensbrüder geleuchtet in den westlichen Staaten Europas, als noch Nebel und düstere Wolken unser, unserer Voreltern Dasein umhüllten. Gunst und Gnade wurde uns da und dort zuteil. Auch mitunter da und dort ein Recht und eilt Rechtlein. Aber vom Rechte, das mit uns geboren ist, nach dem war leider nicht die Frage. Da. ein Sonnenstrahl zerstreute Nebel und Wolken. Die Sonne durchbrach das Düster, die Nacht. Alle Kräfte zu vereintem Wirken im Vaterlande rief unser Kaiser: Hervor aus den Niederungen, Ihr Bedrückten! Das Bürgerrecht! Das gleiche Recht allen Bewohnern des Reiches! Welchem Staude, welcher Gesellschastsschichte sie angehören, wes Glaitbens sie seien, wie immer sie ihrem Gotte dienen! Nicht Freiheiten, sondern Freiheit; nicht Rechte, sondern Recht! Das war ein Kaiserwort, herrlich in der Geschichte unseres Vaterlandes, in der Regiernngsgeschichte unseres Kaisers! Ein Kaiserwort, das wir tvieder und wieder und so erst jüngst, vor wenigen Tagen, hörten. Ein Machtwort, das seine Ausgestaltung in den von Sr. Majestät sanktionierten Staatsgrundgesetzen findet. Glück und Segen dem Munde, der dies Wort gesprochen, Heil und Segen der Hand, die es geschrieben, Heil und Segen unserem weisen, gütigen, gerechten Herrn und Kaiser. Möchten doch seine edlen Intentionen, möchte sein erhabener Geist alle diejenigen erfüllen und erleuchten, welche jene Gesetze zu vollziehen berufen sind, zu vollziehen berufen wären. orrw b^b mts wie wir es soeben in dem Festpsalm in der Synagoge gehört haben. Wir haben eine Huldigungsadreffe versaßt, welche durch Vermittlung des österreichischen allgemeinen israelitischen Bundes sich an 500 Knltusgemeiiiden Oesterreichs augeschlossen haben. Mir, im 78. Lebensjahre, am Ende meiner Tage stehend, war noch dieses letzte Glück, diese letzte Freude und Auszeichnung zuteil, au der Spitze der Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinden der Kroulandshauptstädle Oesterreichs die Huldigungsadreffe Sr. Majestät unterbreiten zu dürfen. Nachdem unser ehrwürdiger Oberrabbiner für sich und für uns alle Anwesende die Allerhöchste Gestattung, daß wir das Haupt bedecken, erbeten und erhalten und in der ihm eigenen weihe- und würdevollen Weise deu Segen hebräisch und delltsch über Se. Majestät gesprochen hatte, ergriff ich das Wort zu folgender ehrfurchtsvoller Ansprüche: Eure kaiserliche und königliche apostolische Majestät! Allerguädigster Herr und Kaiser! Tiefbewegten Herzens erscheinen die Repräsentanten der israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs vor dem geheiligten Antlitze Euerer Majestät, irm namens der gesamten Jndeuschaft Oesterreichs, namens 1l/4 Millionen Bekenner des mosaischen Glaubens ihre innigsten, herzlichsten Glückwünsche' Euerer Majestät zu Allerhöchst Ihrem Regiernngsjnbilünm ehrfurchtsvoll darzubringen. Euere Majestät geruhten von Anbeginn Allerhöchst Ihrer Regierung deu Grundsatz des gleichen Rechtes entsprechend der Gleichheit der Pflicht, allen Ihren Untertanen, so auch uns gegenüber konsequent walten zu lassen. Ueberströmenden Herzens, aus dem Tiefsten unserer Seele sagen wir Dank, ehrfurchtsvollen, heißen Dank und geben diesem Dank Ausdruck in einer Huldigungsadreffe, welche die Unterschriften von 450 Kultusgemeinden trägt und welche wir Euerer Majestät mit der ehrfurchtsvollen Bitte unterbreiten, dieselbe allergnädigst entgegenllehmen zu wollen. An dem Gedenktage des Allerhöchsten Regierungsantrittes werden wir Juden Oesterreichs in Tausenden israelitischen Gotteshäusern in feierlichem Gottesdienste heiße Gebete zu Gott emporsenden, dankend der göttlichen Vorsehung, die uns einen Herrscher gab, erfüllt von Weisheit, Milde und Gerechtigkeit und bitten: „Gott beschütze, Gott erhalte, Gott segne Seine Majestät, u n s e r e n g e l i e b t e n Kaiser Franz Joseph I." aus welche Ansprache Se. Majestät Folgendes erwiderte: „Für die Huldigung der israelitischen Kultusgemeinden sage.Ich Ihnen Meinen wärmsten Dank. Die israelitische Bevölkerung hat immer eine staats- und gesetzestreue Gesinnung, Ergebenheit für mein Haus und Anhänglichkeit an Meine Person bekundet: Ich schätze auch ihren Familie ns i u n und ihre Freude a m W o h l t u n. Sei e n S i e versichert, d a ß I h r e G l ü ck w ü u s ch e M eine m H e rz e n wohlgetau haben und daß Sie und I h r e G l a n b e ii s g e n o s s e n Meines k a i s erlich e n Schutzes gewiß sein könne ii." Kaiserliche Worte, die sich unauslöschlich unserem Herzen einprägen. Und nun aus vollem Herzen fasse ich die Empfindung, die uns an dem heutigen Gedenktage des Allerhöchsten Regierungsjubiläums mächtig bewegt, in jenem Ruse zusammen, in welchen auch unsere Deputation vor Sr. Majestät einstimmte, in dem Ruse, der heute in allen Gemeindestubeu unserer israelitischen Kultusgemeinden in Oesterreich widerhallt, in dem Rufe: Gott beschütze, Gott erhalte, Gott segne unseren geliebten Kaiser Franz Joseph I.!" Nach dieser wirkungsvollen Rede wurde die Festversammlnng mit einem dreifachen, begeisterten Hoch! auf Se. Majestät den Kaiser geschloffen. -i- * *

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