Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wabrbeu Nr. 46. des Jahres 1867 raffte feine junge Mutter hinweg und vier Kinder (2 Knaben nnd 2 Mädchen) blieben im zartesten Alter verwaist zurück. Bald darauf liquidierte der Vater sein Geschäft in Jassy, brachte die Kinder zunächst in die Obhut des Großvaters nach Botuschany und begab sich nach Wien, wo er sich wieder vermählte nnb ständig ansässig machte. Das Jahr 1871 fand I. B- Rotkopf im roten Hanse am Schottenring, wo er sein ziemlich bedeutendes Vermögen in Börsenspekulationen verlor. Als er die letzteti Differenzeti bezahlt hatte, erklärte er, nichts mehr zu besitzen, also vollständig verarmt zu sein. Sofort trat der Börsenrat zusammen und ernannte ihn zum Sensalen. Diese einträgliche Stellung, in der er bis zu seinem im Jahre 1887 erfolgten Ableben verblieb, ermöglichte es, daß er seinen Kindern eine ungewöhnlich sorgfältige Erziehung angedeihen ließ. Moritz studierte au der Wiener Uitiversität Jurisprudenz. Bei der schrecklichen Ringtheater-Katastrophe im Jahre 1879 waren alle vier Geschwister Rotkopf im Theater. Dr. Moritz Rotkopf und sein Bruder Jakob, der jetzt in Lvtldon lebt, konnten ziemlich unversehrt das brennende Hans verlassen. Als sie aber vor dem Theater ihre beiden Schwestern Anna und Luise nicht fanden, gmg Jakob wieder in das brennende Hans hinein, um nach seinen Schwestern zu suchen. Alle drei Geschwister sind im schwerverletzten Zustande gereuet worden und nach langem Krankenlager auch genesen. Nach dem Tode des Vaters, 1887. ging Dr. Notkopf nach Sarajevo, nm sich dort als Advokat ansässig zu machen. Es dauerte nicht lange und er wurde einer der angesehensten Rechtsanwälte in Bosnien, dem man auch die wichtigsten zivilrechtlichen Prozesse auvertrante. Gelegentlich eines Familienbesuches in Wien, im Jahre 1895, apostrophierte eine Verwandte den sonst sehr schweigsamen und ernsten Mann, daß es doch nicht gut ist, wenn der Mensch allein sei, sie wüßte ein sehr hübsches Mädchen aus guter Familie für ihn. worauf Dr. Rotkops meinte: „Wir können ja Hinschauen!" Er kam, sah und Frl. Rund siegte. Sofort gab er das Jawort und einige Monate später fand im Seitenstetten- Tempel die Trauung statt. — Seit ungefähr zehn Jahren ist Dr. Moritz Rotkops, der angesehene und deiche Advokat in Sarajevo, auch Präsident der dortigen Knltusgemeiude. N. C h a m e i d e s. Kettende Ideen der allgemeinen jüdischen Kolouisationsorgauisation. Von Dr. Adolf Nofsig. (Fortsetzung.) Die Größe des zur Verfügung stehenden Kapitals allein garantiert keineswegs den Erfolg; vielmehr kommt es auf eine vernünftige, volkswirtschaftlich richtige Administration an. Das Aufblühen der jüdischen Kolonien im Orient setzte erst ein, als die Jca diese rein philanthropische Schöpfung nach dem gesunden Prinzip der Selbstverantwortlichkeit der Ansiedler zu sanieren begann. Wirklich entwicklungsfähig ist eine Kolonisation erst dann, wenn die Ansiedler durch Investierung eigener Mittel an dem materiellen Risiko des Unteruehmeus beteiligt sind. Insoweit tüchtiges Menschenmaterial ohne Barvermögen zur Verfügung steht, werden die Leute zunächst als Arbeiter eingestellt. Erst nachdem sie sich durch eigene Arbeit und durch die Beteiligung am Ertrage des Gutes ein kleines Kapital erspart und sich als kreditwürdig erwiesen haben, wird ihnen die Erwerbung eines Grundstückes unter rein geschäftlichen Modalitäten ermöglicht. Die Kolonisation als gewinnbringendes U n t e r u e h m e n. Das ist das moderne Ansiedlungssystem, welches mit jenem 3, fonds perdu geopferten Betrag von 6000 Frcs. pro Familie absolut nicht zu rechnen braucht, welches mit einem durch Rückzahlungen seitens der Kolonisten stetig sich erneuernden Kapital arbeitet. Weit entfernt, mit enormen Verlusten verbunden zu sein, bietet eine derartig betriebene Kolonisation Gelegenheit zu einer gewinnbringenden Kapitalanlage. Wir müssen nach denselben Methoden kolonisieren, denen England, die klassische Kolonialmacht, das Aufblühen seiner erfolgreichsten Kolonien, Südaustralien und Neuseeland, verdankt. Nach dem Muster einer New-Zeeland-Compauy oder einer Australian-Agricultural- Company muß, wenn die Vorstudien abgeschlossen sind, eine jüdische Landkompaguie gegründet werden, die große Strecken Landes zu billigen Engrospreisen erwirbt, sie urbar macht und dann den Kolonisten zu Parzellenpreisen mit sicherem Gewinn verkauft. Das geschäftliche Moment muß in der neuen Kolonisationsaktion mit allem Nachdruck iu den Vordergrund gestellt werden, die Rentabilität der landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen in dem Kolonialgebiete muß die eigentliche Grundlage nnd mit einen starken Antrieb für das ganze Unternehmen abgeben. Wir müssen uns klar machen, daß man bei Beschaffung von Mitteln auf ausschließlich humanitärer Basis absolut niemals in die Lage kommen würde, Kolonisation in nennenswertem Umfange zu treiben. Vergegenwärtigen Sie sich, daß die Jca mit einem Kapital von 200 Millionen im Laufe von 15 Jahren kaum 13.500 Personen in Argentinien anzusiedeln vermochte: ein bahnbrechendes Verdienst, aber ein Tropfen im Vergleich zu dem Riesenstrome der ansiedlungsbedürstigen Emigranten. Zu einer großzügigen Kolonisation sind allerdings Riesenmittel erforderlich; aber diese Mittel — das bestätigt die gesamte Kolonisationsgeschichte — können nur durch zwei Faktoren aufgebracht werden: einerseits durch die freiwilligen, besitzenden Ansiedler, die mit eigenen Mitteln und mit eigener, Werte erzengetider Arbeit in das Unternehmen hineingehen, andererseits durch das internationale Großkapital, das sich an ihm beteiligt, um seine geschästiichen Chancen auszunutzen- S p e n d e n - F o n d s. Wenn nun auch die jüdische Kolonisationsaktion in diesem Sinne vor allem darauf bedacht sein muß, rein geschäftliche, ans Gewinn berechnete Finanzinstitute ms Leben zu rufen, so kann diese Aktion und unsere Organisation, die sie vertritt, doch auch erheblicher, aus Humanitären Rücksichten gespendeteil Mittel nicht entraten. Halten Sie das nicht für eine Inkonsequenz des Systems. Zunächst ist es klar, daß eine Körperschaft, wenn sie auch nur als Studiennnd Vermittlungsorgan ztvischen den Ansiedlern und dem Kapital Beziehungen Herstellen, wenn sie bloß die unerläßliche Propaganda für die Idee der jüdischen Kolonisation führen soll, bei ihrem weltumspauneuden Tätigkeitsbereich eines namhaften Einkommens bedarf. Nun aber noch ein Zweites. Wer immer mit kolonialpolitischen Dingeit sich befaßt, weiß, daß jede Neubesiedelung als finanzielles Unternehmen sich ans zwei Momenten zusammensetzt. Zunächst müssen größere, einmalige Kosten getragen werden, die mit der Erschließung des Landes und seiner Vorbereitung für die Kultur Zusammenhängen. Dann erst kann der eigentliche Besiedlungsprozeß beginnen, kann man den Kolonisten Land und Inventar, eventuell auf Abzahlung, verkaufen. Nun hat die Erfahrung gelehrt, daß der Kolonist wohl imstande ist, aus dem Ertrage seiner Arbeit einen solchen Preis für den Boden zu bezahlen, daß die Landkompanie einen Gewinn erzielt; daß es aber den Ruin der Ansiedler bedeutet, wenn man sie aitch sämtliche vorbereitende Kosten bezahlen lassen will. Das wäre auch höchst ungerecht, denn diese ersten Arbeiten und Investierungen kommen nicht nur den ersten Ansiedlern, sondern auch allen folgenden Generationen zugute. Andererseits kann man diese Kosten in vollem Ausmaße auch der Landkompanie nicht aufbürden, wenn sie Geschäfte machen soll. Wer trägt nun in der Regel diese Kosten? Das Mutterland, das ein wirtschaftliches Interesse an dem Entstehen der Kolonie hat. In unserem Falle muß die jüdische Gesamtheit an die Stelle des Mutterlandes treten. Auch sie bildet ein Ganzes, das ein Interesse daran hat, daß eine jüdische Kolonie als Asyl für ihre heimatlosen Glieder entstehe und auch ihr werden dereinst die Früchte des investierten Kapitals zugute kommen. Das aber ist nicht mehr jene Philanthropie, die dem Armen ein Almosen in die Hand drückt, die nur an die Stillung der Bedürfnisse