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Die Wahrheit · 1908-11-27 · Heft 46 (27.11.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 46 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 46. Die Wahrheit. Seile 7. Muttersprache, in eben diesen hansineisterlichen Dialekt versallen. Non dien, welche Empfindlichkeit! Ich wollte Sie doch nicht kränken. Der erste, wichtigste Markstein in ihrem, der Geschichte angehörenden Leben ist doch Ihre Geburt. Wenn der erhabene Gründer unserer Religion als Zimmermannssohn zur Welt kam, werden Sie doch nicht jenen wackeren Haus m e i st e r verlängnen wollen, dem Sie, der B ü r g e r m e i st e r, nächst Gott Ihr Dasein verdanken, die geringste Ihrer Talen wollen Sie ans die Nachwelt bringen; ans der nenerbauten Brücke, die nach der Himmelsjnngfran ..Marienbrncke" benannt ist, prangt Ihr Name: Saxa loquuntur und Ihrem Vater möchten Sie sein einziges verdienstliches Werk unterschlagen, nämlich sich selbst? Das würde Ihnen liicht gelingen in einer Stadt, in welcher Sie ilicht nur die Steine reden lassen, sondern auch die Menschen reden lassen müssen. Um es klipp und klar auszudrückeu: Sie können ans Ihrem Leben nicht eine einzige Tatsache streichen, z. B. und nebenbei bemerkt, auch nicht Ihre frühere, leider Widerspruchsvolle Freundschaft und Liebe zum Liberalismus und znm Inden L i ch t b l a n. Lueger: Sie verzeihen, hochwürdiger Vater, ich bin wirklich zn heftig, ich war halt kein Jesniteneleve. Aber schauen Sie, war die Wolter nicht auch eine Hansmeisterstochter ans Köln? Die Wiener scheinen wirklich eine Vorliebe für Hausmeistersprossen zn besitzen. Wenn sie als Sappho ans der Bühne erschien, da rief ihr nicht nur die Schanspielergesellschaft, sondern alle Zuschauer jubelten ihr begeistert ihr Heil Sappho! Heil! Heil! zn. Mich begrüßt nicht minder brausend: „Hoch Lueger!" und der Lueger-Marsch. Uebrigens habe ich ja auch keine zn verachtende schauspielerische Veranlagung. Wer weiß, auf welch geheimnisvolle Weise dies mit der Hansmeisterei znsammenhüugt. Provinzial: Die Wolter war ans Köln, ja. das weiß ich. Wie sagt doch Heine: Das war zu Kötll am Rheine. Zn Köln in der Sradt, Der Stadt, die viel hundert Kirchen Und viele Kapellen hat. Nim, an der Vermehrung der Kirchen unserer guten Stadt arbeiten Sie ja in wackerer Weise und wir bringen es mit der Zeit vielleicht weiter als der Krähwinkel Köln. Und damit ich Sie vollends versöhne, will ich auch im Berliner Dialekt Ihnen znrufen, wie einst Friedrich der Große von Preußen als Kronprinz seinem Vater Wilhelm: ..Und darum keene Feindschaft nich, Meester," also hier „Bürgermeister"! Lueger: Wie können Hochwürden denn diese Jndenverse in den Mund nehmen? Provinzial: Nicht schlecht, ich werde doch ein Gedicht zitieren dürfen, das in unseren Erbauungsbüchern und heiligen Legenden Ausnahme gefunden hat. Das ist ja der Humor davon. Sie kennen „die Wallfahrt nach Kewlaar" nicht? Verdanken wir einem Inden unsere ganze Religion, warum sollten wir ein Gedicht verschmähen? Die Kirche hat einen guten Magen, sie kann auch jüdisches Gut vertragen, was sich oft genug gezeigt hat. Lueger: Jesus soll nach den neuesten Forschungen doch ein Arier gewesen sein. Provinzial: Unsinn! Haben Sie nicht unlängst gelesen, was Professor Harnack ans Berlin gesagt hat, die Juden hätten es ihm gewiß nicht geschenkt, wenn er nicht einer der ihrigen gewesen wäre. Lueger: Ich sehe, ich werde alt, ich schweife selbst ab und gehe nicht mehr schnurstracks auf mein Ziel los, wie einst. Sie haben mich noch immer nicht wissen lassen, welche Stellen meiner Rede Ihr Mißfallen erregt haben. Provinzial: Welche Stellen? Es gibt keinen Satz darin, kein Wort, das nicht den herbsten Tadel geradezu heranssorderte. Sie sagten: „es soll uns nichts trennen, nicht Konfession, nicht Verschiedenheit des Stammes, wir wollen alle gute Oesterreicher sein und bleiben." Warum sollen die Bosnier, diese frischgebackenen Landeskinder, bessere Oesterreicher sein als die Tschechen? Wenn in der Rassen-und Religionsverschiedenheit keine Scheidewand erblickt werden soll, warum bei den Inden? Es ist wahr, wir brauchen die Inden nicht zu fürchten. Sie kennen doch die tiefsinnige griechische Sage von Antüos. Lueger: Wenn ich's überhaupt je gewußt habe, so weiß ich's jetzt jedessalls nicht mehr, ich leide an keinem Wissensballast. Provinzial: Dieser Antäos, ein gigantischer Riese, tvar der Sohn der Gaia, der Erde. Solange er ans der Erde stand, auf seiner Mutter Erde, schöpfte er aus dieser Berührung Kraft und war unbesiegbar. Herakles konnte ihn nur so überwältigen, indem er ihn in der Lust erwürgte. Seitdem nun die Juden von ihrer heimatlichen Scholle vertrieben, sind sie vogelfrei und den Angriffen jedes Wichtes preisgegeben, so daß die handvoll Bosniaken ellenhoch über ihnen stehen. Dürfen wir aber diese brutale Tatsache in ihrer widrigen Nacktheit allen Augen, auch denen unserer Feinde, preisgeben, dürfen wir itns fragen lassen: ihr mißt mit falschem Maß. ist das euer Prinzip der Liebe?? „Sie dürfen nicht glauben, daß wir in Wien vielleicht türkenfeindlich gesinnt sind, das ist schon langst vorbei." Haben wir wirklich so viel Versöhnlichkeit m uns und Verzeihung dafür, was vor zweihundert Jahren geschehen ist? Wie kommt es da, werden unsere Gegner fragen, daß ihr an jeder Wegeecke das Bild des Gekreuzigten errichtet, welches schon zweitausend Jahre den Haß der Nichtjnden gegen die Inden wach erhält und wunderbar konserviert? Sie wollen znm Zeichen unserer „Frenndschaft und Verbrüdernng eine Moschee erbauen lassen", damit jeder Moslem, der nach Wien kommt, beten könne, denn wir beten ja alle zn unserem Herrgott, der eine so und der andere anders". Dies scheint Ihnen also auf Eins hinanszulanfen, so oder anders beten, lieber Lueger? Wo bleibt denn da das Dogma von unserer alleinseeligmachenden, heiligen, katholischen Kirche. Jeder Nichtkatholik ist ein Ketzer und verfällt der ewigen Verdammnis. Lieber Lueger, Hochverrat an unseren heiligen Institutionen ist's, ein Sakrileg islls, wenn Sie. . . Lueger: Halten Sie ein, hochwürdiger Herr, ich sehe ein, daß ich gesündigt, ich bereue, pater peccari. Ich will meine Zllnge für fernerhin mehr bezähmen. Provinzial: Tun Sie das und dann soll keene Feindschaft zwischen uns nich weiter herrschen. Bürgermeester, und wir wollen Freundschaft schließen ad majorem dei gloriam. Sie reichen einander die Hände. Lueger geht. Provinzial (allein-: Dieser altgewordene Bürgermeister wird nllbegnem, er ist im Grunde weder klerikal, noch liberal; er betet das goldene Kalb des Erfolges an, er ist ein überzengltngsloser Condotliere. seiner Anhängerschaft ist es lediglich um das Gold am Kalbe zit tun imb unsere eigenen Bestrebungen, die wir das Gold znm Kalbe liefern — eigentlich bekommen wir's wie einst Aaron doch vom Volke — nun, die Zeit wird's lehren, ob diese nufere Bestrebnngetl selber nur eine Kälberei und anachronistische Tragikomödie, oder eine Verjüngung und Wiedererstarknng der Hierarchie bedeuten. Jedenfalls sind ivir mit unseren Werkzeugen, die gerne selbst Meister werden möchten, übel daran. In diesem Sinn will ich jetzt meinen Bericht an unseren Ordensgeneral in Rom abfassen. Geht zltm Schreibtisch ... 8. Yineta. Dr. Moritz Potkopf, Landes-Advokat und Präsident der Kultusgemeinde in Sarajevo. Der Führer und Sprecher der Deputation der österr.-ungar. Judenschaft aus den annektierten Provinzen Bosnien und der Herzegowina, welche am '13. d. M. huldigend vor den Stufen des Thrones erschienen war, ist. obwohl er in Wien erzogen wurde und auch hier seine Studien absolvierte, der Wiener Judenschaft fast unbekannt. Es dürfte wohl interessieren, über diese Persönlichkeit einige biographische Daten zn erhalten. Dr. Rotkopf wurde im Jahre 1861 als der Sohn des Großkaufmannes I. B. Rotkopf und dessen Gattin Sali, einer Tochter des ehemaligen ersten Vizepräsidenten der Boluschanyer Knltusgemeinde, Schulrates und Vorsitzenden der Zions-Loge weil. I. M. Küstenbanms, in Jassy (Rumänien) geboren. Die Cholera-Epidemie ,..-m-m.

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