Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 46. Prov i n z i a l: Sie haben sich merkwürdig lange von mir fern gehalten, lieber Bürgermeister; es freut mich jedesfalls, Sie wieder hier zu fehen. Sie waren verschnupft wegen der Vorwürfe, die ich Ihnen gemacht. Daß sie berechtigt waren, haben Sie damals nicht einsehen mögen, doch die Logik der Tatsachen, und alles desjenigen, was sich inzwischen ereignet, wird Sie wohl eines Besseren belehrt haben. Ohne Ihren unvorsichtigen Kriegsruf: „Erobern wir die Universitäten," der offenbar wie ein Alarmsignal wirkte, welch leichtes Spiel hätten wir mit diesem Wahrmnnd gehabt! Statt dessen haben wir wie von Macht zu Macht paktieren müssen und waren genötigt, einen faulen Frieden zu schließen. Lueger: Vorwürfe, nichts als Vorwürfe! Wenn ich wirklich einen Fehler begangen hätte, ad voeem: angenommen, doch nicht zugegeben, wäre die Scharte jetzt nicht ausgewetzt? Sie haben kein Wort der Anerkennung für mich, ehrwürdiger Vater? Provinzial: Sie verkennen mich, Ihr Agitations¬ und Organisationstalent iu allen Ehren, aber, wenn Sie mit der einen Hand zerstören, was Sie mit der anderen mühsam aufgebaut, was sromntt's? Blücher sagte einst: Laßt die Federn nicht verderben, was die Schwerter uns erwerben. Auf unseren Fall angewendet, müßten wir nur statt Federn — Sie verzeihen, lieber Bürgermeister — Münder, oder deutlicher Mäuler setzen. Nur hinkt leider jedes Gleichnis und man kann es darum umsoweniger zu Tode hetzen. Blücher war ein wackerer Kriegsheld, gleich Ihnen, Bürgermeister, allein vor den Diplomaten hatte er Angst, sie möchten sich die von ihm im Felde errungenen Vorteile nicht wieder von gegnerischen Kollegen ablisten lassen. Sie haben diesen Widersacher merkwürdigerweise in Ihnen selbst, in Ihren undiplomatischen Aenßerungen, zwei Seelen wohnen, ach, in Ihrer Brust! Oder, um mit Rückert zu reden, m n t i g sind Sie, willig auch, die Macht der Kirche zu mehreu. Leider sind Sie aber auch oft m u t w i l l i g. Was war das wieder für eine schreckliche Rede an die bosnische Huldignngsdepntation! Lueger: Sie sind freilich ein sehr gebildeter, geistlicher Herr und zitieren den Fürsten Blücher und Rückert in einem Atem. Sie haben mit mir ein leichtes Spiel, denn meine literarische Bildung steht ans schwachen Füßen.' Wie hätten mir denn auch die vielen Missionsfahrten in Spelunken und Gasthäuser, die Festessen, Empfänge und Kirchenbesuche, Einweihungen nicht zu vergessen, Zeit zu lesen übrig lassen können. Unter sotanen Umständen ist es fast ein Wunder zu nennen, ich staune über mich selbst und glaube, ich träume, wenn ich meinen Unwillen über Ihre Vorwürfe in ein Zitat ans „Faust" zu kleiden vermag: Nicht Dank und Gruß! Nicht Gruß uud Dank! Als brächten wir dem Herrn Gestank! Er macht ein widerlich Gesicht; Das Königsgut gefällt ihm nicht. Provinzial: Nun, so werden Sie auch wissen, was für eine Antwort daraus erteilt wird uud damit sind Sie geschlagen : Erwartet weiter keinen Lohn! Nahmt ihr doch euren Teil davon. Lueger: Nun ja, wir steh'n uns nicht schlecht dabei, wir kommen aus uns're Rechnung, das ist wahr, doch was haben Sie denn wieder au meiner Rede auszusetzen? Es täte not, daß ich meine Reden Ihnen zu vorheriger Zensur vorlege, wie Kaiser Wilhelm dem Bülow. Sie würden sie, däncht mich, nicht ungelesen aus der Hand geben. P r o v i n z i a l: Vortrefflich! Sie selbst nehmen mir das Wort aus dem Munde, es schwebt mir die ganze Zeit über ans den Lippen. Es lassen sich Parallelen — natürlich mutatis mutandis — zwischen Ihnen und Wilhelm ziehen, oder vielmehr, wenn wir schon geometrisch sprechen, ihr habt beide gemeinschaftliche Tangenten. Im Begriff des Parvenü berührt ihr einander. Wenn ich Kaiser Wilhelm einen Emporkömmling nenne, so klingt dies paradox, was war er aber anderes, als ein solcher, da er unverhofft auf den Thron eines der gewaltigsten Reiche der Welt berufen wurde, er, ein blutjunger Mensch, .der nach dem natürlichen Lause der^ Dinge noch lange hätte die Schulbank des Lebens drücken und zum Malme heraureifeu müssen! Mußte da nicht kommen, was eben kam? Die Entlassung Bismarcks, sein Ausspruch: suprcma lex voluntas regis usw. usw. Ueberhaupt, wer nicht gehorchen lernt, lernt auch nie befehlen, das ist herrschen- Betrachten Sie nur Napoleon, diesen Parvenü par excellence und zugleich einen der größten, vielleicht den größten Mann der Weltgeschichte. Er, der Abkömmling eines vielleicht nicht einmal adeligen korsischen Geschlechtes, hat zwar die strenge militärische Disziplin durchgemacht und doch war dies nicht genügend. Kaiser geworden, verliert er den Kopf. Es fehlt ihm an Würde, an Anstand, den letzteren übt er beim Schauspieler Talina ein, er lernt von ihm die imperatorische Geste, ein ungelenker Bär, der sich das Tanzen beibringen läßt. Er und sein Werk verschwinden schließlich spurlos, wie ein Meteor am nächtlichen Himmel. Die Kirche hingegen ist eine einzige strenge Schule des Gehorsams, an deren Spitze der Scholarch, der heilige Vater steht,' vor dessen ehrwürdiger Gestalt sich nicht nur die Geistlichkeit, sondern auch das Laientum in williger Demut beugt. Papst Gregor der Große war der Sohn eines Zimmermanns, er läßt Kaiser Heinrich des Winters im Hemde als Büßer vor der Kirchenpforte in Canossa stehen, begründete damals das Uebergewicht der Kirche über den Staat und was tun wir heute anderes. Sie und ich, wir alle, als an der Verwirklichung dieser Idee arbeiten? Die Gesellschaft Jesu, der ich angehöre uud welche die energischeste, zielbewußte Handlangerin der Kirche repräsentiert, hat diese Pflicht des Gehorsams denn anch aufs vollkommenste in sich ausgebildet. Ein Mitglied unseres Ordens muß seinem Oberen gehorchen, als wenn er ein willenloser Leichnam wäre, was sich in dem Satze ansdrnckt: perinde ac si cadaver essent. Wie schmerzlich muß es mich da berühren, daß Sie so wenig Verständnis für unsere Bestrebungen, für unseren Kernpunkt an den Tag legen und sich unbotmäßig erweisen. O, hätten Sie doch eine jesuitische Erziehung genossen, Sie sind leider kein Jesuit! Lueger: Hochwürden wären kein guter Redner, wo wäre ich hingekommen, wenn ich in meinen Hetzreden so abgeschweift wäre, als Sie es tun? Sie haben ganz vergessen, mir zu sagen, welchem Umstand ich die Ehre verdaiike, von Ihnen als Parvenü gewertet und in eine Reihe mit Kaiser Wilhelm und Napoleon gestellt zu werden. Provinzial: Mein Gott! Das ist doch so durchsichtig, daß ich glaubte, der Mühe überhoben zu sein, doch wenn Sie mir's nicht ersparen wollen und zugleich sich selbst.. . Sie also, lieber Bürgermeister, sind ein Urwiener, als solchem kommt Ihnen das Prädikat der Gemütlichkeit zu, einen Teil Ihres Erfolges verdanken Sie ja dieser Eigenschaft, allein, Sie besitzen zugleich die Fehler dieses Vorzuges, diese Fehler rauben Ihnen das volle Verständnis für den Ernst, ja die Heiligkeit unseres sich die Welt unterwerfen wollenden Gedankens. Zugleich aber können Sie niemals den einstigen — Sie verzeihen doch, nach dem Gesagten will dies keine Beleidigung sein — idj sage, den Hausmeisterssohn aus der Wiener Vorstadt, ein gewisses streitendes, fahriges Wesen völlig verleugnen. So ein major domus, ein Hansmaier, streitet mit den Mietparteien und redet, was er oft nicht überlegt und noch weniger verantworten kann. Freilich schimpft er auch und diesen Vorzug Ihres Fehlers besitzen Sie denn auch glücklicherweise. Lueger: Na, da hört sft oalls auf, den Hausmastersohn Wersens mir vnr, dös is ja schon so lang her, daß bald nimmermehr wohr is. P r o v i n z i a l: Als Adalbert v. Chamisso starb . . . Lueger: Oba, wos kommens mir denn jetzt mit'n Chamisso, wer war denn dös? Provinzial: Es gehört zur Sache, Sie erfahren es sofort; er war ein geborener Franzose und doch deutscher Schriftsteller, der zumeist deutsch sprach; auf dem Totenbett, als das Bewußtsein sich trübte, fing er ans französisch zu zählen an, wie aufgeregt und bar aller Besinnung müssen Sie jetzt sein, wenn Sie, noch bevor der Tod Sie umkrallt, in Ihre