Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr- 46. Die Wahrhell vergessen werde — der seiner Hingebung an die Lehre auch durch das Wort (im jerusalemischen Talmud) Ausdruck gibt: „die ganze Welt sei nicht soviel wert, wie ein Satz in der Thora" — hat Friedmann sich in Wien in erster Reihe als Lehrer der Jugend unvergängliche Verdienste um das Judentum erworben. Sein Vortrag war fesselnd und gemeinverständlich, der Unterricht fruchtbar und in den von ihm selbst verfaßten zweckmäßigen Büchlein für Anfänger zeigte sich sein praktischer Sinn ilnd seine kluge Methode. Diese bewährte sich auch in seinen Vortrügen für Erwachsene im Bethamidrasch. Hier war er der allgemein beliebte, geistvolle Agadist, der aus dem Vollen schöpfte und zu jeder biblischen Stelle überraschende, lichtverbreilende Auslegungen zu. geben wußte. Für Gemeindemitglieder aus der alten Schule, die am Sabbath vormittags zum laufenden Wochenabschnitt Erklärungen im Geiste des Jbn Esra und der „Maskilim" vom.Zeitalter der Krochmals und Rapoports hören wollten, waren seine Kommentare und Exkurse eine unerschöpfliche Quelle des Genusses. Seine Hauptbedeutung in der gesamten jüdischen Gelehrtenwelt erlangte er aber an der Seite des seligen Lektor I. H. W e i ß, als Editor und Kommentator wichtiger Werke der althebräischen Literatur imd nicht zum wenigsten als Mit-Heransgeber der Zeitschrift „Bet-Talmud". Mit einer immensen Belesenheit im gesamten rabbinischen Schrifttum ausgerüstet, mit einer gründlichen Kenntnis besonders der Midrasch-Literatur an der Seite Salomon B u b e rs stehend und diesen durch kritischen Sinn und geniale Einfälle noch ' übertreffend, lieferte er in seiner Ausgabe des ,.S i f r e" (1864), der „Mechilta", der „Pesikta Rabbati" (1880), des „Seder Elijahu rabba und Zuta" (1900), der „Boraitha Mllecheth bamischkan" (1908), eine Fülle von Material zur richtigen Würdigung und Erklärung dieser für die jüdische Altertumskunde und die Religivnsgeschichte so wichtigen Schriften. Die beiden letzgenannten Werke erschienen in Jahresberichten der Jsr. Theol. Lehranstalt zu Wien, deren Lehrkörper er seit der Begründung angehörte. Als Dozent an derselben hat er auch eine umfassende deutsch geschriebene Arbeit über „Onkelos und Akylas" (1896) in einem Jahresberichte publiziert. Mit dieser stattlichen Reihe auf fleißigen Forschungen beruhender selbständiger Publikationen ist jedoch sein wissenschaftliches Lebenswerk keineswegs erschöpft. Eine ganze Reihe überaus wertvoller größerer und kleinerer Arbeiten über das rabbinische Schrifttum sind in den fünf Jahrgängen des „Bet-Talmnd" (1881—1889), in separaten exegetischen Abhandlungen, in der Zeitschrift „Hafchiloach" und in anderen periodischen Schriften enthalten. Manche dieser Arbeiten, wie z. B. die gediegene 'und umfassende, überaus aufschlußreiche Einleitung in die Agada (Netkiboth. ha-agada) würden es verdienen, durch eine neue separate Ausgabe weiteren Kreisen von Forschern leichter zugänglich gemacht zu werden. Es kann nicht genug bedauert werden, daß die Zeitschrift „Bet Talmud", die so viel zum Ruhme des WienerBet-ha-Midrasch und zur Förderuttg der Kenntnis der altrabbiuischen Literatur beigetragen, aus Mangel an Unterstützung eingehen mußte, und daß die im Jahre 1889 geplante Verwandlung derselben in eine Vierteljahresschrift nicht zustande kam. Lektor F r i e d m a n n ist nun aus der Reihe der Lebenden geschieden. Eine seiner letzten Untersuchungen (im Haschiloach) hatte die Frage znm Gegenstand: Wann und an welcher Stelle wurde zur Zeit Jeremija's der Schrein, der die zwei Tafeln enthielt, in die Erde vergraben? n:: jrinn mn j3'n Nun wird sein eigener ins in die Erde gesenkt. Die beiden Tafeln aber, auf denen sein ersprießliches Doppelwerk als Lehrer und Gelehrter verzeichnet sind, werden znm ewigen Gedächtnis innerhalb der durch die Hochhaltnng der hebräischen Literatur sich selbst ehrenden jüdischen Gesamtheit anfbewahrt werden. Wien, 24. November 1908. Das Leichenbegängnis hat Mittwoch, den 25. ^10 Uhr vormittags unter ungewöhnlich großer Beteiligung aller offiziellen Persönlichkeiten und der gelehrten Kreise der Wiener Kultusgemeinde stattgefunden. Im großen Tempelhose des Leopoldstädter Tempels, wohin die Leiche vom Tranerhanse aus von Sette o. Hörern der israel. theol. Lehranstalt und des Bet-Hamidrasch unter Vorantritt des Vorstandes der Chewra-Kadischa getragen wurde, stimmte Oberkantor Singer die üblichen Trauergesänge an und dann hielten Rabbiner Dr. S ch m i e d l und Rektor Dr. S ch w a r z tiefempfundene Nachrufe. In der Zeremonienhalle am Zentralfriedhofe sprachen Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Dr. G e l b h a n s, Baurat Wilh. S t i a ß n y, T o r c z y n e r zun. im Namen der Hörer der isr. theol. Lehranstalt und am Grabe Prediger G r ü n als einer der ältesten Schüler, und Herr T o r e z y n e r sen. der einen Nachruf in hebräiicber Sprache vielt. Die Wiener Knllnswahlen. Der Kampf um die Knltusmandare, der seitens der Opposition mit bisher unerreichter Leidenschaft uub Jmpeluomät geführt wurde, ist nunmehr beendet und har einen glänzenden Sieg der gesamten offiziellen Liste und eine mit Rücksicht auf die überaus rührige Agitation geradezu schmähliche Niederlage der Opposition gebracht. Die Wahlbeteiligung war trotz der rednzirlen Wählerliste größer als je zuvor, und von den 5000 abgegebenen Stimmen haben zirka 4000 für die offiziellen und zirka 1000 für die oppositionellen Kandidaten gestimmt. Das Votum der Wählerschaft ist klar und deutlich und verkündet durch die Wucht der Ziffern, daß die Mitglieder der Knltnsgemeinde in ihrer Mehrzahl wohl eine fortschrittliche, ruhige und friedliche Entwicklung in der Gemeinde wünschen, aber den rüden Ton. die Persönliche Hetze und den Angriff ans die Ehre und das Ansehen der Gemeinde, wie ihrer berufenen Vertreter entschieden verurteilen. Eine beachtenswerte Stimmenanzahl hat der auf streng konservativem Programme selbständig kandidierende Herr Bernhard H o f b a n er erhalten und die konziliante Form, in der er feinen Standpunkt zur Geltung brachte, hat ihm. sowie der Partei, die ihn unterstützte, viele Sympathien für die Zukunft gebracht. Im Wahlkampfe, der nunmehr entschieden ist, treten aber auch manche Erscheinungen zu Tage, die vom Vorstande vollste Beachtung verdienen. Es haben sich viele nnb gewichtige Stimmen für eine wenn auch nicht allzu radikale Erweiterung des Stimmrechtes, für bezirksweise Wahlen und besonders für die Abschaffung jenes odiosen Paragraphen erhoben, der heuer zu einer so bedeutenden Kürzung der Wählerliste führte. Hoffentlich wird der Vorstand hieraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Im 'Nachstehenden veröffentlichen wir das Wahlresnltat, wie es in der öffentlichen Vertretersitzung vom 23. November verlantbart wurde: а) Für die sechsjährige Mandatsdaner: Dr. S. Ehrmann, k. k. Univ.-Prof.mit 3961 Stimmen Salo Cohn. Privatier. „ 3904 kaif. Rat Leopold Sachs, Prokurist. „ 3849 Max Frank, Garnhändler. „ 3842 „ Dr. Isidor Samnely, Arzt. „ 3762 „ Samuel Steiner, Bauunternehmer. „ 3713 „ Carl Seligmann, Privatier. .. 3537 „ Dr BenjaminRaPpaPort k k Hofrat i.P .. 3187 б) Für die zweijährige Mandatsdaner: kais. Rai Wilhelm Pollak, k. u. k. Hof- Weinhändler .mit 3749 Stimmen In der Minorität blieben: Adolf Brecher (1139), Adolf Böhm (1110), Dr. I. Schalit (1058), Emil Fried (1015), Dr. Margulies (1014), Dr. Zipf er (1013), S. K o h n (997), Max Markus (979), Bernhard Hofbaner (618) und für zweijährige Mandatsdauer Dr. Egon Zweig (1046). Ein brlanschler Dialog. Der Orr der Szene ist ein den strengen Ordensregeln gemäß einfach möbliertes Zimmer eines Jesuitenprovinzials. — Lueger, Provinzial. Lueger: Ich komme wieder einmal nach längerer Pause, Ihnen meine Aufwartung zu machen und Sie zu fragen, ob Sie, hochwürdiger Herr, vom Ausgang der Landtagswahlen, von der Befestigung unserer Herrschaft befriedigt sind? '.'DMZW pwfWB&tta