Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 13. frieden sein werden, und bitten den allmächtigen Gott, daß er uns helfe zum Besten Aller. Was die Wiedereröffnung Ihrer Schulen hier betrifft, so dürfen Sie sicher sein, daß ich den Lehrern, die Sie schicken werden, alle Unterstützung gewähren werde, um die Wiedereröffnung zu erleichtern. Die Lehrer, die Sie schicken werden, sollen willkommen sein. Ich muß Ihnen auch sagen, daß ich über das Vorhandensein Ihrer Schulen in unserem Reich sehr glücklich bin, und daß ich den den israelitischen Kindern erteilten Unterricht immer bewundert habe. Es ist mir bekannt, daß Ihre Schulen einzig die intellektuelle und sittliche Hebung aller ihrer Zöglinge znm Zweck haben mib große Achtung vor allen Religionen lehren. Herr Corcos wird Ihnen sagen, daß ich sofort nach Kenntnisnahme von Ihrem Schreiben die beiden Stadtpaschas und den Mascha ans der Umgegend von Marrakesch — wo es vielen Israeliten gibt — habe kommen lassen, um ihnen in Gegenwart des Herrn Corcos eindringlich zu empfehlen, sie sollten tun, was irgend in ihrer Macht steht, daß die Inden nicht ferner mißhandelt würden und daß nichts zu ihrem Nachteil geschehe. Auch habe ich den Paschas die Schalen, ihre Lehrer und ihre Zöglinge empfohlen. Znm Schluß wiederhole ich: Ich bin ein Freund der Wahrheit nub ein Freund der Gleichberechtigung Aller. Wir sind voller Ergebenheit für alle Europäer, ganz besonders für unsere lieben Nachbarn, die Franzosen. Ich muß Ihnen auch sagen, daß Seine Majestät unser erhabener Sultan Abdul Hafid voll gütiger Gesinnung ist für alle Welt, daß er das Wohl Aller von Herzen wünscht, und daß alles, was die Zeitungen in anderer Richtung über ihn erzählt haben, von Grund ans falsch ist. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner Hochachtung. Si Madani Elmeznar El Glaiti Großwesir." Keilende Idee» der allgemeinen jüdischen Kolouisalionsorganisalion. Von Dr. Adolf Nossig. (Fortsetzung.) Gleichzeitig aber eröffnen sich für. die Inden ans ihrem Kolonisationsgebiet dieselben günstigen wirtschaftlichen Aussichten, die heute zweifellos das ganze türkische Reich dank seiner neuen Ordnung hat. Es ist ihnen bekannt, daß heute in der Welt zahllose Syndikate gegründet werden, die den Zweck haben, die glänzenden Chancen des bevorstehenden wirtschaftlichen Aufblühens der Türkei ansznbeitten, daß die Bnrealls der türkischen Regierung mit Konzessionsgesnchen überschwemmt sind. Der Appetit des internationalen Kapitals stürzt sich auch ans das jüdische Kolonisationsgebiet. Unternehmer aller Länder planen den Bau neuer Stadtteile, die Anlegung von Straßen und Bahnen und die Exploitierung der unterirdischen Schätze in Syrien und Palästina. Und da ergibt sich für die kapitalkräftigen jüdischen Kreise ein Doppeltes: Vom rein geschäftlichen Standpunkte wäre es unberechtigt, die vorzüglichen wirtschaftlichen Chancen, die ein emporblühendes Reich bietet, nicht gleich allen anderen ansznnntzen; wenn man aber erwägt, daß es sich hier um ein Gebiet handelt, ans dem bodenbearbeitende Juden sich ansiedeln, so wird eine solche Beteiligung geradezu zu einer heiliget! Pflicht. Unter allen Umständen sollten wir Inden heute alles daran setzen, um ans diesen nnvergleichlich wertvollen Erdfleck unsere Hand zu legen, um in den wirtschaftlichen Besitz des Grund ulid Bodens und aller Verkehrsmittel zu gelangen. wirtschaftlichen Perspektiven für die jüdische Kolonisation und das jüdische Großkapital in Syrien und Palästina sich eröffnen würden, lauge Zeit geschwankt bat, ob er sein Werk nicht hier unternehmen solle und schließlich nur von der Rücksicht auf das antokratische System sich bestimmen ließ, Argentinien zu wählen. Es handelt sich demnach nicht um eine sentimentale Voreingenommenheit zugunsten des heiligen Landes. Es ist tatsächlich ein merkwürdiges Spiel der Weltgeschichte, daß gerade das Gebiet, welches einst vor Jahrtausenden unseren in Egypten geknechteten Vätern znm verheißenen Lande ward, heule unseren Brüdern, die in einem neuen Mizraim leiden, als das beste unter allen erreichbaren Ansiedlungsterritorien sich darbietet. Der Auszug ans Rußland vollzieht sich allerdings unter viel günstigeren Bedingungen als der Auszug ans Egypten. Denn damals war das Land bevölkert und mußte mit dem Schwert in der Hand erobert werden, heute aber ist es zu drei Vierteilen leer und wartet auf eine Besiedlung, die unter dem Schutze der Verfassung aufs gedeihlichste sich entwickeln kann. Das Leerstehen des Landes, das das einzige für uns zugängliche, fruchtbare Gebiet repräsentiert, ist eben das Ueberraichendste an diesem geschichtlichen Zusammentreffen; denn es ist selbstverständlich, daß, wenn das Land heute dicht bevölkert und kultiviert wäre, niemandem überhaupt der Gedanke kommen könnte, dort eine jüdische Kolonisation zu eröffnen. Im übrigen soll sich ja die kolonisatorische Wirksamkeit unserer Organisation keineswegs auf das historische Jndenland beschränken, sondern überall dort den Spaten anzusetzeu versuchen, wo sich im Orient für die Ansiedlnng geschlossener Gruppen von Inden gute Aussichten zu bieten scheinen. Die neue Methode der Kolonisation. Ehe ich in die näheren Details dieser territorialen Möglichkeiten eintrete, möchte ich mit einigen Worten die Methode beleuchten, nach der wir die Kolonisation zil fördern gedenken. Die kolonisatorische Wirksamkeit unserer Organisation soll ein neues System inaugurieren, das sich kurz so znsammensassen läßt: der bisher üblichen, kleinlichen, zerstreuten, philanthropischen Ansiedlung von Personen, die man aus das Kolvniiationsgebiet hinüber geschafft hat. wollen wir die g r o ß z ü g i g e. p l a nm ä ß i g e K o l o u i s a t i o u spontan e i n w a n d e r n d e r, w i r t s ch a s t l i ch l e i ft n n g s s ä h i g e r E l e m e n l e n n t e r V e r e i n i g u it g aller vorhandenen Kräfte und O r g a n i f a t i o n e n u n d a u f g e s ch ä f t l i ch e r G r u n dl a g e entgegenstellen. Man pflegte bis jetzt alle Anläufe zn einer Kolonisation in größerem Umfange, die wirklich eine Bedeutung für die jüdische Emigrantenmasfe gewinnen könnte, mit der Antwort zn erledigen: — Utopie! Die Ansiedlnng einer Familie kostet erfahrnngsgemäß mindestens 6000 Frcs., die von tausend Familien demnach 6 Millionen. ^Wer soll solche Riesensnmmen anfbringen? Diese 6000 Frcs.-Schablone entspricht aber nur einer Kolonisations-Methode, die zwar den hochherzigsten Motiven und einer! immensen Opserwilligkeit ihr Entstehen verdankt, vvlkswirtschastj lich jedoch sich zum mindesten als überaus riskant erwiesen hat, j nämlich der rein philanthropischen. Daß man völlig mittellose l Leute nach dem Ansiedlungsgebiet schafft. ihnen Boden. Häuser I und Inventar schenkt und sie nachträglich noch unterstützt, ist ein! System, bei dem zumeist nur kolonisatorische Knnstprodnkle heraus-! kommen und das die kolonialpolitische Wissenschaft entschieden! verurteilt. (Fortsetzung folgt. verschiedene Nachrichten. Ein Spiel der Weltgeschichte. Man muß hier, um alle Mißverständnisse zu vermeiden, ganz klarstellen, daß für die neue Kolonisationsorganisation nur die vorzügliche Eignung des Gebietes bei seiner Wahl ausschlaggebend war, nicht etwa bloß historische Pietät. Es ist beglaubigt, daß auch Baron Hirsch, der allerdings am besten wußte, was glänzende Geschäfte man in der Türkei machen kann, welche Wien. Freitag, den 20. d. M., abends, Predigt im Leopoldnädter Tempel. Wien. (Vortragszyklus aus j ü d i s ch e r G e s ch i cd t e, Literatur und Kultur.) Donnerstag, den 26. November 1908, präzise '/,8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekcenvereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Morris Rose yseld statt. Thema : „Rezitation eigener Dichtungen." Eintritt frei, nach Maßgabe des Raumes. Wien. (Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen I s r a e l i r e n.) Der enorme Andrang von Knaben, welche sich aus allen Ländern der österr.-ungar. Monarchie um Ausnahme an den Verein wenden, und die bedeutenden Auslagen, welche die Bekleidung und Versorgung des dermaligeu Ztaudes von über