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Die Wahrheit · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit lUr. 45. Tite 11 konfessionellen Kurien eingeführt werde und Hut hiebei die drei Kurien der katholischen, griechisch-katholischen und moslemitischen Bevölkerung genannt, der Juden aber keiner Erwähnung getan. Für mich steht die Sache so: Wenn im Gesetz vorgeschrieben ist. daß die Vertretnngskörper nach Konfessionen zusammentreten, es ein Gebot der Gerechtigkeit ist. ebenso wie den anderen Konfessionen Bosniens und Herzegowinas, auch den Inden als solchen eine separate Vertretung im Landtag eingeräumt werde. Würden aber Juden, bloß — um mich so auszudrücken — in die Vertretung eingeschmuggelt werden, so lüge darin eine Art Degradierung und es würde dies gewiß weitere nachteilige Folgen nach den verschiedensten Richmrigeu zeitigen. Es wäre eine Degradierung, wenn dem Inden erst alle Rechte gegeben werden, er aber dennoch den anderen nicht völlig gleichgestellt wäre. Ich habe mich in gleicher Werse den spauiolifchen Inden gegenüber geäußert uub ihnen geraten, daß sie sich inner Bezugnahme aus die der Delegation abgegebene Erklärung des Mmifters. diesen ans die Ungerechtigkeit airsmerksam machen. Gelegentlich des Empfanges beim Relchsfiuanzminister ist dies auch geschehen und die Anfklärnng, die ihnen Baron ,B n r i a n über seine Ennnziation gab, war im allgemeinen günstig. Sie dürste ja den Herren aus den verschiedenen Tagesblättern bekannt sein. Ich erlaube mir nun die Herren auch ans diesen Punkt anfmerkiain zu machen. Es würde sich auch ihrerseits empfehlen, ans diesen Pirnkt zu sprechen zil kommen, damit er sieht, daß wir Juden, obwohl nach verschiedenen Richtungen gesondert, in dem Punkte, wo es sich um unsere Stellung handelt, alle einig sind. Auch können Sie überzeiigt sein, daß. so oft Sie unsere Mitarbeit auritfeu, von unserer Seite alles geschehen wird, um die aus die Verbesserung der Stellung der Inden abzielendeii Bestrebniigeli zu unterstützen." Dr. Moriz R o t h k o p f. Präsident der Kultusgemeinde Sarajevo: „Auch die österr.-nngar. Gemeinden stehen ans dem Standpunkt. daß, wenn eine Vertretung nach kousessiouelleu Kurien eingeführt wird, der Minister auch ans die jüdische Kvnsession Rücksicht nehmen und ihr eine Kurie für das ganze ^and zngestehe." Rabbiner Dr. Samuel W e s z e l (Sarajevo) dankt für den freundlichen Empfang der Deputation seiteics der Knltnsgemeinde der Stadt Wien, der er stets ein dankbares Angedenken bewahrt, da er am hiesigen Rabbinerseminar seine Ausbildung genossen hat. Nachdem Redner mit einigen Worten die schwierigen Verhältnisse Sarajevos gestreift hat, preist er das verdienstvolle, uneigennützige Wirken der Wiener Knltusvorstehnng und insbesondere deren Präsidenten. Von der bosltischeu Landesregierung beauftragt, einen Lehrplan für den Religionsunterricht an den Mittelschulen ausznarbeiten, habe er sich den Wiener Lehrplan zum Mllster genommen. Auch in sonstigen religiösen Jnstitttlionen sei die Wiener Kultusgemeinde den bosuisch-herzegowinischen Gemeinden vorbildlich gewesen. Rabbiner Dr. W e s z e l schließt seine Ansprache mit den Worten: „Ich danke nochmals dem Herrn Präsidenten für seine Worte, die ans dem Herzen kamen und ins Herz uns drangen und uns unvergeßlich bleiben werden." Hierauf ergreift der Rabbiner von Banjaluka. Herr Dr. Moriz F r a n k s n r t e r, das Wort. Er führt im lvesentlichen ans, daß durch die erfolgte Angliedernng Bosniens und Herzegowinas an die Monarchie die Beziehungen der Judenschaft dieser Länder zu der Wiener Kultnsgemeinde sich inniger gestalten werden und daß sich insbesondere der erzieherische Einfluß Wiens auf die annektierten Länder in weit stärkerem Maße werde geltend machen können. „Ich möchte wünschen," fährt Redner fort, „daß die Knltnsrichtnng, die der sehr verehrte Vorstand, an seiner Spitze der sehr verehrte Herr Präsident, zum Wohle des Indentumes und gegen jede. Zerklüftung desselben verfolgt, auch bei uns zur Geltung kommen möge." Jnbetreff der Vertretung der Juden im Landtage, meint Redner, daß erfahrungsgemäß die jüdischen Interessen, wo die Wahlkörper nach Nationen bestimmt werden, nicht mit dem befriedigenden Stolze und jenem Nachdrucke vertreten werden, der sich von Vertretungen, die aus konfessionellen Kurien hervorgehen, erwarten läßt. Der Redner schließt mit dem Wunsche, daß der erzieherische Einfluß Wiens den Gemeinden Bosniens und Herzegowinas zum Wvhle gereichen, und die Vertretung der Inden im Landtag die Interessen derselben fördern möge. Er dankt dem Präsidenten für den freundlichen Empfang und fordert die Mitglieder der Abordnung ans, auf den Präsidenten Dr. Alfred Stern ein Hoch anszurnfen. Präsident Dr. Alfred Stern schließt die Unterredung mit folgenden Worten: „Ich spreche Ihnen nochmals meinen Dank ans. daß Sie hier erschienen sind. Dank auch für die freundlichen Worte, welche Sie an die Adresse der Wiener Krilcusgemeiude und an meine Adresse zu richten die Güte hatten und ich kann nur wiederholen, was ich bereits vorhin gesagt habe, wir müssen trachten, unter uns Frieden zu halten und geeint zusammen zu stehen, ohne nach irgend einer Seite religiöse Bedrängnis zu verursachen. Das ist ein Gebot, das wir gegenwärtig halten und das besonders dort wichtig ist, wo die Juden, wie in Bosnien, in so außerordentlicher Minorität sind. Ich kann nicht umhin, Ihnen freundschaftlich zu raten, mit den Sephardim zusammeuzuhalteu. Sie werden verschiedene gottesdienstliche Gebräuche haben: das Schema Jisrvel ist uns allen gemeinsam. Sie werden einsehen. daß eine solche Vereinigung doch immer sehr notwendig ist. Ich weiß nicht, welchen Eindruck es heule ans Andersgläubige macht, daß wir in getrennten Deputationen erscheinen. Ein politisches Moment könnte es plaiisibel machen, daß die Spaniolen nämlich alte. Sie neue Sesterreicher sind. Entfiele dieses Moment, dann weiß ich nicht, wie es angesehen werden würde und ob es nicht maßgebendenorts ein Gefühl der Stärke, bei uns ein Gefühl der Schwäche erzeugt. Wir haben auch in Wien eine fephardifche Gemeiirde und bisher sind wir mit ihr nicht unter eine Gemeinde vereinigt. Aber wir lassen sie gewähren. Der Moment wird kommen, wo die Vereinigung sich vollziehen wird. Doch ivir ledeu im besten Einnehmeu und ich könnte mich kaum erinnern, daß je eine Meintlngsdivergenz zwischen uns bestandeu hätte. Diesen vielleicht nnbernfenen Rar möchte ich Ihnen mitgeben, zu dessen Erteilung Sie durch Ihre Darlegungen wohl selbst den Anlaß boten." Zum Schlüsse seiner Rede wünscht der Präsident Tr. Alfred Ster n der Deputation besten Erfolg und mit einem dreifachen Hoch ans Se. Majestät den Kaiser fand die Versammlung einen würdigen Abschluß. Ans der Wiener Kultnsgemeinde. (Plenarsitzung des KnlrnSvorsiandeS vom 15. November 1008 unter dem Borsitze deS Präsidenten Dr. Alfred Stern.) Vor Eingang in die Tagesordnung gibt der Präsident folgende Erklärung ab: Es dürfte Ihnen, meine Herren, bekannt sein, daß aus Anlaß einer Aeußerung des Herrn Hvfrcnes Dr. Rappaport in einer in den jüngsten Tagen ftattgesnndenen größeren Komitee- Sitzung ein Mißverständnis unter unserer Beamtenschaft platzgegriffen hat. Die Beamten haben sich heilte in größerer korporativer Deputation an mich gewendet nild hat all der Besprechung mit den Beamten ailch Herr Hofrar Rappaport teilgeuommen. Es ist dieses Mißverständitis durch meine Anfklärnngen und die des Herrn Hosrares Rappaport vollständig beseitigt worden. Ich fühle mich aber verpflichtet noch hiuznziifügen. daß nleiner Ansicht nach nicht viele Körperschaften, sicherlich aber keine einzige autonome über einen so tüchtigen, vorzüglichen, so gut guatifizierten Beamtenkörper verfügt, ivie gerade die Kultusgemeinde. An der Spitze unserer Aemter haben wir Männer, auf deren volle Vertratlenswürdigkeir wir unbedingt redmeit können, ebenso muß ich sagen, daß die anderen Beamten ihre Chefs in der Führung der Aemter vortrefflich unterstützen. Was ich besonders an unserem Beamrenstande begrüße, ist, daß unsere Beamten nicht nur ihre Amtspflicht erfüllen, die Amtsstnnden einhallen, wie es die Dienstpragmatik vorschreibl, sondern daß sie zu jeder Zeit ans vollem Herzen bereit sind, für das Wohl' unserer Gemeinde einzutreten. Ich fühle mich verpflichtet, dies vor dem Plenum zu erklären. Herr Hofrat Rappaport hat sich bereits meiner Anschauung angeschlosfen und bin ich sicher, daß auch imm

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