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Die Wahrheit · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 45. teihuigeii über die Vorgänge in der Kultusgemeinde znkommen läßt, der Opposition angehört, und ist bereit, den Namen bei Gericht zu nennen. Nach einigen Bemerkungen des Herrn Lucian Brunner über die Kompromißverhaudlungen, die jedoch die Erklärungen des Herrn B e t t e l h e i m nicht zu entkräften vermögen, spricht noch der oppositionelle Kandidat Herr Sigm. K o h u und hierauf wird die Versammlung um ^12 Uhr nachts geschlossen. Wählerversammlung im I. Bezirke. Die vierte und letzte der offiziellen Wählerversammlungen, die Minwoch, den 18. d. M., 7 Uhr abends, im Hotel „Zur Post", I., Fleischmarkt, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Stern stattfand, nahm anfangs einen vollkommen glatten Verlaus, und es schien fast, als ob der fortgesetzte Austausch der Ideen eine gewisse Annäherung der beiden Parteien oder wenigstens ein Verständnis der einen für die Bestrebungen beider anderen herbeisühren könnte. Als aber gegen 11 Uhr nachts der oppositionelle Kandidat Herr Alfred Böhm zum Worte gelangte und nach heftigen Ausfällen gegen den Präsidenten in Erregung über den deutlich zum Ausdruck gebrachten Unmut der Majorität der Versammlliug sich geradezu exzessiv gebärdete, kam es zu argen Tumulten zwischen Anhängern der Majorität und der Opposition, wodurch der Versammlung ein unerwartet jähes Ende bereitet wurde. Der Verlaus derselben war folgender: Präsident Dr. Stern eröffnere die Versammlung mit der Bemerkung, daß er, da in den vorangegaugenen Wählerversammlungen sämtliche Kandidaten zum Worte gelangt seien, heute zunächst in die Diskussion des Berichtes des Kültusvorstandes eintreten lasse und dann nach ungefähr einer Stunde Diskussion mit der Anhörung der Kandidaten fortfahren werde. Als erster Redner sprach Dr. Lifcis, der die Gesichtspunkte für die Diskussion des Berichtes ans den Programmen beider Parteien Volte. Er konstatierte mit Befriedigung einen Fortschritt in der Betätigung des jüdischen Gedankens, eine Emanation des jüdischen Solidaritätsgefühls, die Förderung jüdisch-sozialer Institutionen, wobei er vor der Errichtung einer Gemeindesparkasse warnte, trat für eine vernünftige Wahlresorm ein und plaidierte' dafür, der Jugend die Tore zu öffnen. Aus den gegenwärtigen Wahlkämpfen möge der Gedanke der Einigkeit und des Friedens zum Wohle der Gemeinde hervorsprießen. Herr Lucian Brunner beleuchtete den Bericht vom oppositionellen Standpunkte und tadelte selbstverständlich auf allen Gebieten die gegenwärtige Verwaltung. Seine Ausführungen fanden durch Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n treffliche Widerlegung. Nachdem Herr Redakteur H e r n f e l d noch zum Berichte und Herr Kaiser über die langen Fristen bei Aufnahme ins Versorgungshaus gesprochen hatten, gelangten wieder die Kandidaten Max F r a n k, kaiserl. Rat Sachs, Samuel Steiner, Dr. S a m u e l y, Adolf Brecher, kaiserl. Rat Wilhelm P o l l a k und Bernhard H o s b a u e r zum Wort, die ihre in den vorhergegüngenen Versammlungen abgegebenen Erklärungen ergänzten oder auf in der heutigen Debatte vorgebrachte Bemerkungen reflektierten. Bei den Ausführungen des Herrn Adolf B ö h m kämm es zn den Eingangs erwähnten Tumulten, mit welchen die Versammlung ein Ende fand. Die bosmsch-hrrzegoimmjcher» Knltnsgemeiuden beim Kaijer. Freitag, den 13. November hat Se. Majestät der Kaiser eine Deputation der öst. ung. K n l t u s g e m e i n d e n in B o s n i e n und der Herzegowina empfangen. Die Deputation bestand aus 29 Mitgliedern, welche die Gemeinden Sarajewo, B a n j a l u k a, Dolny - Tnzla, B r c k a und B i h a c vertraten. Als Führer und Sprecher der Deputation fungierte der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Sarajewo, Advokat Doktor Rothkopf. Um z/il Uhr fuhren die Herren, die im Schlußrock, weißer Krawatte und Zylinder erschienen waren, im Burghof vor, wo gerade die Wachablösung stattsaud. Sie wurden sofort in den großen Audienzsaal geleitet. Um 1 Uhr trat der Kaiser in Marschallsuniform in den Saal.. Die Deputationsmitglieder empfiugeu den Kaiser mit Hoch- und Eljen-Rufeu. Oberrabbiner Dr. Wessel aus Sarajewo bat den Kaiser, den Segenssprnch über ihn sprechen zu dürfen, was der Kaiser bewilligte. Dann hielt Dr. N o t h k o p s in dentscher Sprache die Huldiguugsrede, versicherte den Kaiser der steten Loyalität, Treue und Verehrung der Juden in den annektierten Gebieten und dankte dem Kaiser im Namen der österreichischen und ungarischen Juden, die sich in Bosnien angesiedelt haben, für die Beweise seines Wohlwollens während seiner Negierungszeit und für die Angliederung Bosniens und der Herzegowina an die Monarchie. Dr. Rothkopf schloß mit einem Hoch aus den Kaiser, in das die Deputationsmitglieder laut eiustimmten. Der K a i s e r erwiderte mit herzlichen Worten der Befriedigung und Freude über die ihm dargebrachte Huldigung. Es freue ihn, feststelleu zu können, daß die Inden sowohl zur kulturellen als auch wirtschaftlichen Hebung Bosniens und der Herzegowina Bedeutendes beigetragen haben. Oesterreich werde seine Kulturmission in den annektierten Ländern auch weiterhin zum Heile der Völker erfüllen. Dr. Rothkopf stellte nun alle Mitglieder der Abordnung vor. Der Kaiser sprach jeden einzelnen der Herren an. Den Präsidenten Dr. Rothkopf fragte der Kaiser nach seinem Studiengaug. Dr. Rothkopf erwiderte, daß er au der Wiener Universität studiert habe. Den Oberrabbiuer Dr. Wessel fragte der Kaiser um die Verhälrnisse der Kultusgemeinde in Sarajewo und wie lange er schon sein Amt bekleide und ob es einen neuen Tempel in Sarajewo gebe. Dr. Wessel antwortete, daß er seit zehn Jahren in Sarajewo als Seelsorger fungiere und daß am 18. August 1905 die neue schöne Synagoge in Sarajewo in Anwesenheit des Erzherzogs Friedrich eingeweiht worden sei. Mit dem Mitgliede der Deputation S a l o m sprach der Kaiser italienisch. Den Rabbiner Keller aus Baujaluka befragte der Kaiser gleichfalls um seinen Studiengaug. Mit'dem Großindustriellen Hirsch el begann der Kaiser die Unterhaltung in deutscher Sprache. Als ihm Hirschel mitteilte, daß er in der Brigade Reinländer die Okkupation mitgemacht habe, sagte der Kaiser: „Da müssen Sie ja Ungarisch sprechen können", und konversierte sodann mit Herrn Hirschel in ungarischer Sprache. Die Audienz währte eine halbe Stunde. * * Am Tage vorher erschien die Deputation der österr.- ungar. israel. Knltnsgemeinden Bosniens und Herzegowinas im Präsidium der Wiener Knltnsgemeinde. Der Führer der Abordnung, Präsident der Kultusgemeinde Sarajevo, Rothkopf, hielt an den Präsidenten Dr. Alfred Ster it eine Ansprache, worin er hervorhob, daß die Deputation der österr.-ungar. Gemeinden sich verpflichtet fühle, den Anlaß ihrer Hieherkunft zu einer Begrüßung des Kultusvorstandes der Gemeinde Wien, als der mächtigsten der Monarchie, zu benützen und zugleich um Förderung der Bestrebungen der österr.-ungar. Gemeinden zn bitten. Präsident Dr. Alfred Stern erwiderte: „Ich danke ben Herren sehr, daß sie sich hieher bemüht haben. Ich kann Sie versichern — und es würde der Versicherung gar nicht bedürfen — daß der Vorstand der israel. Kultusgemeiude Wietts sowie ich als Präsident derselben, es stets für unsere Pflicht gehalten haben, unsere Glaubensbrüder, wo immer sie sind und wo immer sie leben, in ihrett Bestrebungen, die uns allen gemeinsam sind, zn unterstützen. Die Herren wissen wohl, daß auch die Deputation der spaniolischen Juden Bosniens und der Herzegowina, welche bei Sr. Majestät in Audienz er- . schien, ftch auch beim Präsidium der Kultusgemeinde Wiens vor und nach der Audienz eingefundeu hat. Es hat sich unter ihnen bezüglich eines Punktes eine gewisse Beunruhigung fühlbar gemacht und ich weiß nicht, ob sich diese Beltnruhiguug nicht auch auf Ihre Kreise erstreckt. In der Delegation hat der Reichsfinanzminister den Satz ausgesprochen, daß im bosnischen Landtag eine Vertretung nach

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