Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Leite 9 Nr. 45 recht nicht erreichen könne. Anders stünde es in dieser Beziehung, wenn die Regierung ans dem Religionsfonde einen Beitrag für jüdische Knltuszwecke leisten würde. Weil dies aber nicht der. Fall fei, müsse, um die größeren Massen der jüdischen Bevölkerung heranzuziehen, der Stenerzeusus herabgesetzt werden. Redner habe sich als Mitglied des Knltnsvorstandes iit Fried- Hass- und Schulangelegenheiteu betätigt. Speziell was den Religionsunterricht betrifft, sei es außerordentlich schwer mit einem Schlage radikale Neuerungen eiuznführen. Es kann ja nicht gelängnet werden, daß es jetzt schon ein wenig besser geworden ist, und die Not früherer Jahre an gediegenem Lehrermateriale werde bitrcf) den Nachwuchs ans der israel.-theol. Lehranstalt und ans den Instituten, die geschaffen und noch geschaffen werden, allmählig schwinden. Redner schließt mit folgenden Worten: Setzen Sie das Vertrauen in mich, daß ich für Ihre weitgehenden und gerechten Forderungen eintrete, dann bitte ich, mir Ihre Stimmen zu geben. Ich.gehe den geraden Weg, ich schaue nicht nach rechts und nicht nach links, ich schelle mich nicht Opposition zu machen und bin auch deshalb nicht der Beliebteste. Ich verspreche Ihnen mich dnrchznkämpfen schlecht und recht. Von oppositionellen Kandidaten sprachen noch die Herren Ing. Fried, Sigmund K o h n, Dr. M a r g n l i e s, Max M a r k n s und Dr. Zweig, dessen Ansfälle gegen den Präsidenten wiederholt energischen Widerspruch seitens der Versammlung fanden, die nach Anhörung sümmtlicher Kandidaten knapp vor Mitternacht vom Vorsitzenden geschlossen wurde. Wählerversammlung im IX. Bezirke. Die dritte offizielle Wählerversammlung, die Dienstag den 17. d. M., 7 Uhr abends, im Saale „Zur Schäferin", IX., Sechsschimmelgasse 16, stattfand, nahm gleich von Beginn an einen viel ruhigeren Verlauf und die Anordnungen des Vorsitzenden, Präsident Dr. Alfred Stern, bezüglich der Tagesordnung, resp. Reihenfolge der Redner, wurden auch von der Opposition widerspruchslos angenommen. Als erster Redner erschien Herr Max F r a n k, der zunächst über das Budget der Knltnsgemeinde sprach und dann an der Hand statistischer Daten die Unmöglichkeit, den Stenerzensus auf die allzuniedrige Stufe von 5 Kronen herabzusetzen, nachwies. Dies wäre nur dann möglich, wenn die Inden, gleich den anderen Konfessionen für ihre Knltuszwecke eine Staatshilfe erwirken. Hofrat Dr. R a p p a p o r t verwies auf die in Aussicht genommene und von ihm angeregte Neuordnung der Pensions- Verhältnisse der Beamten der Knltnsgemeinde, sowie bereit Witwen und Waisen, welche die Pensionen nicht als Gnadengaben, sondern als rechtlichen Anspruch erhalten sollen. Kaisers. Rat Leopold Sachs wendet sich gegen das von der Opposition verlangte, allgemeine und gleiche Wahlrecht. Das sei in der Knltnsgemeinde, wo es keine indirekten Steuern gebe, ein Unding. Fabrikant Adolf Böhm entwickelt neuerdings das Programm der Opposition und wirft dem offiziellen Programme Mangel an Ideen vor. Präsident Dr. Stern reagiert in längerer, mit großem Beifalle anfgenommener Rede auf die Vorwürfe dieses Redners gegen den Kultusvorstand, daß letzterer an der Protestversammlung in den Sofiensalen gelegentlich der russischen Pogrome nicht offiziell teilgenommen habe. Er verweist auf die Eingaben des Kttltusvorstandes betreffs der verfolgten russischen Glaubensbrüder an die Behörden, auf die von ihm, resp. dem Gemeindebnnde angeregten Protestkundgebungen in 300 Gemeinden Oesterreichs, und gibt zu bedenken, daß der Oberrabbiner, der in der Protestvelsammlnng eine Rede gehalten, dies gewiß nicht ohne vorheriges Einvernehmen mit dem Kultusvorstande getan hat. Schließlich glaubt der Präsident daran erinnern zu dürfen, daß er schon vor Jahrzehnten bei den ersten russischen Judenverfolgungen an die russische Grenze geeilt sei, um den verfolgten Brüdern beizustehen. Professor Dr. S. E h r M a n N teilt nicht die Begeisterung der Oppvsitiöü für die angebliche Demokratie des Ghetto und verweist darauf, daß das Wahlsystem des Ghetto, welches nur den verheirateten Männern ein Wahlrecht einräumte, keineswegs demokratisch war. Er bekennt sich auch zum Nationaljudentum, insoferne dasselbe im Festhalten an den idealen Motiven und Einrichtungen des Judentums und in der Pflege seiner nationalen Geistesschätze besteht. Redner verteidigt schließlich die Haltung des Knltnsvorstandes in der Taussig-Affaire gegen die von der Gegenseite vorgebrachten Anschuldigungen. Die geschäftliche Tätigkeit dieses Mannes müsse von seinem Wirken im Kultusvorstande strenge geschieden werden, und es wäre ein Unrecht gewesen, bei seinem Scheiden ans dieser Körperschaft, die Verdienste die er sich hier erworben, zu übersehen. Herr B. H o f b a u e r vertritt gleichfalls den Standplinkt. daß für die Beurteilung der Persönlichkeit des Ritter v. Tanssig nicht nur dessen kaufmännische Tätigkeit als Richtschnur genommen werden könne. Weiters findet er es nicht begreiflich, daß Zionisten, die einerseits über Väter wegen Taufe ihrer Kinder den Stab brechen, andererseits das Gebot der Miloh so leicht nehmen. Dr. I. S a m u e l y wendet sich gegen die Bemerkungen des Herrn Adolf Böhm, daß es dem Programme der offiziellen Kandidaten au Ideen mangle. Es sei gar nicht schwer. Programme abzuschreiben, aber es komme gar nicht aus den Umfang und den Inhalt der Wahlprogramme an, sondern wie dasselbe in die Tat nmgesetzt wird. Sein Programm sei die ethische und soziale Erziehung besonders der unteren Schichten des jüdischen Volkes, und wie er dasselbe verwirklicht habe, dafür zeige seine bisherige Tätigkeit. Auch für die Zentralisierung des Armenwesens seien Redner und seine Freunde tätig gewesen und diese Frage sei gegenwärtig noch Gegenstand eingehender Studien. Dr. Isidor M a r g u l i e s polemisiert gegen jene Kandidaten, die die Forderungen der Opposition znm Teile anerkennen und trotzdem den Wahlaufruf des offiziellen Zentral- Wahlkomitee gezeichnet haben. Herr Carl S e l i g m a n n stellt sich als unabhängiger Kandidat vor, der gerne bereit ist, im Interesse der Gemeinde zu wirken. Herr Max Markus bespricht vertrauliche Vorgänge bei der Steuereinschätzung, wobei ec vom Vorsitzenden unterbrochen wird. Die Ausfälle des gleichen Redners gegen die Religionslehrer werden vom Herrn Religionslehrer Berger schlagfertig und überzeugend erwidert. Herr Gottlieb B e t t e l h e i m verteidigt als Mitglied des Zentral-Wahlkomitee dasselbe gegen die seitens der Opposition erhobenen Anwürfe. Das Zentral-Wahlkomitee hat sich nach jeder Richtung vollkommene Unabhängigkeit und Selbständigkeit gewahrt und ist auch in der Kandidatenfrage unabhängig vom Kultusvorstande vorgegangen. Für die Fassung des Wahlaufrufes könne er ruhig eintreten und wenn in demselben gesagt wird, daß die Opposition mit Schlagworten arbeite, so entspreche das seiner innersten Ueberzengung. An der Hand eines reichen statistischen Materiales weist er nun nach, daß die Einführung einer 10-Kronen-Steuer der Gemeinde ein kaum nennenswertes Erträgnis bringen würde und es sei auch nicht richtig, daß durch die Herabsetzung das Interesse für die Gemeinde wachsen werde; denn eine Steuer verschafft nicht Freunde sondern nur Feinde. Das Wort von der Steuerreform, wie es die Opposition gebraucht, sei also nur eine Phrase, der jede Begründung fehlt. Gegenüber der Forderung nach allgemeinem Wahlrechte verweist Redner darauf, daß gegenwärtig 650/g der Steuern der Wohlhabenden den Armen zu' Gute kommen, und er halte es für ein Unding, den -Pfründner, der im Genüsse der Wohltaten der Gemeinde steht, an der Verwaltung der Gemeinde teilnehmen zu lassen. Betreffs des Vorwurfes der Vergewaltigung der Minorität und daß mit der Opposition kein Kompromiß abgeschlossen wurde, müsse er schließlich konstatieren, daß er persönlich ein Mandat der Opposition angebolen habe. Herr Lucian B r u n n e r hat aber im Namen derselben erklärt, daß sie den Kampf vorziehe. Herr Redakteur H e r n f e l d erklärt die Indignation der Opposition darüber, daß man ihr Verbindungen mit dem „Deutschen Volksblatt" zumute, für vollkommen ungerechtfertigt. Er behauptet, daß jene Person, die dem genannten Blatte Mit-