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Die Wahrheit · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die äfeübrtifcu Nt. 45. in folgender Weise; Ich will Sie, meine Herren, nicht länger langweilen; von der Ausübung des Mandates hat man, das werden'Ihnen alle meine Kollegen bestätigen, nur Mühe, Plage uttd Verdruß, aber ich fühle Mich verpflichtet und wünsche all den Arbeiten des Vorstandes weiter teilnehmen zu können. WeNÜ Sie mir die Ehre der Wiederwahl erweisen, verspreche ich weiter meine Pflicht zu tun. Ich schließe, meine Herren, Mit der Bitte: Wählen Sie Männer unabhängig Nach oben und nach unten l Herr Samuel Steiner bewirbt sich um seine Wiederwahl njiter Hinweis auf seilte 33-jährige Tätigkeit itn Dienste der Gemeinde. Vornehmlich habe er sich der Armenpflege und den Agenden der Cheivrü Kadischa gewidmet und stets dafür gesorgt, daß auch der ärmste Jude ein würdiges Leichenbegängnis erhalte. Mit einem Appell an die Opposition, den Frieden in der Gemeinde nicht zu stören und gleich den Schwalben, die nach einem Midrasch bei dem Brande des Tempels zu Jerusalem im Schnabel das Wasser zmn Löschen brachten, die aufflaMmendeu Leidenschaften des Wahlkampfes löschen zu helfen, beendete der Redner seine Ansführungen. Als erster Kandidat der Opposition sprach Herr Börsenrat Adolf Brecher, der zunächst erklärte, daß die Oppoütiotlellelt nicht wilde unbändige Elemente seien, welche alles Bestehende niederznreißen beabsichtigen. Sie wollen Nur gewisse Mängel besettigen und schlechte Institutionen durch bessere ersetzen. Hierauf übte er scharfe Kritik au der Tätigkeit des gegenwärtigen Vorstandes, tadelte das Steueritnb Wahlsystem Nud beklagte den in Wien bestehenden Gegensatz zwischen Ost- und WestjudeutuM, der von geistlichen Funktionären der Gemeinde dllrch verhetzende Reden auf der Kanzel noch mehr verschärft wird. (Hier wird Redner vom Vorsitzenden, der gegen diese Aeußebung energisch protestiert, unterbrochen). Zum Schlüsse berichtet Herr Brecher über eine in Gegenwart von einigen Mitgliedern des Zentral- Wahlkomitee erfolgte Unterredung des Präsidenten der ..Union" Herrn Siegm. Mayer uitd des Vize-Präsidenten, Herrit kais. Rat A n N i n g e r, mit dem Präsidenten der Kültnsgemeinde betreffs des Wahlprogrammes, wobei Herr Präsident Dr. Stern die Vertreter der „Union" brüskiert haben soll. Präsident Dr. Stern berichtigt sofort die von Herrn Brecher im Aufträge der beiden genannten Herren von der „Union" gegebene Darstellung des Vorganges ttnd berNft sich auf die Zengenschaft des Obmannes der Bezirkskommission für den II. und XX. Bezirk, der bei der erwähnten Unterredung zugegen war. Herr Dr. WiuterNitz gibt folgende Erklärung ab: Bei aller Hochachtung und Wertschätzung für den Präsidenten der Union, Herrn Mayer, bei aller Hochachtung für Herrn kais. Rat Anniitger erkläre ich Ihnen unter meinem Ehrenwort, ttnd bin auch bereit vor Gericht zu bestätigen unter Meinem Eide, und ebenso jene Herren, die rechts und links vom Präsidenten gesessen sind, daß die Worte, die unser Präsident gesprochen hat, voll und ganz der Wahrheit entsprechen. Trotz dieser Erklärung bezeichnet der Sekretär der „Union", Herr Siegfried Fleischer, der an der erwähten Unterredung gar Nicht teilgenommen hatte, in lautem Zwischenrufe die Berichtigung des Präsidenten als itnwahr, was der größte Teil der Versammlung mit großem Unmut und mit den Rttfeü: „Abzug Union!" aufnimmt. Herr Dr. Isidor S a m n e l y stellt sich als homo novils vor, der keiner bestimmten Partei angehöre und vor allem ein Manu des Friedens sei. Es widerstrebe ihm wohl, über seine bisherige Tätigkeit, die er wvhl nicht im Dienste der Gemeinde aber für die Gemeinschaft des Judentums anfwendete, zu berichten, jedoch fühle er sich dazu gezwungen, da er vielleicht einem Teile der Versammlung NnbekaNNt sei, und so wolle er1 darauf Hinweisen, daß er in der Töynbeehülle, welche Institution wohl von den Zionisten gegründet würde, über von ihnen Nicht erhalten werden konnte, seit einer Reihe von Jahren tätig sei und hier wie durch Anteilnahme an der Verwaltung der jüdischen Kinderhorte für die Hebung der proletarischen jüdischen Bevölkerung wirke. Mit hervorragenden ausländischen Glaubensgenossen Wie Z aU g w i i l, Dr. PäNl Nütha tt, Dr. Kletz it stehe er belmfs Organisation der Emigration in Verbindung, in welchen Bestrebungen er auch von Seiten der Wiener Knltnsgemeinde tatkräftigst unterstützt werde. . Redner erklärt sich für eine Erweiterung des Wahlrechtes, resp. Herabsetzung des WahlzeNsus, hält aber gegenwärtig das allgemeine Wahlrecht in der Kültnsgemeinde für nicht durchführbar. Sollte ihm die Ehre zu Teil werden, iii beit Knltüsvorstanb gewählt zu werden, dann werde er fein besonderes Augenmerk dem Spital zuwenden: Der oppositionelle Kandidat, Herr Adolf B ö h in, entwickelt mit großer oralorischer Wirkung das oppositionelle Programm und läßt es auch nicht an scharfer Kritik der Gebahrüng des gegenwärtigen Vorstandes fehlen. Herr Karl S e l i g m an n erklärt, daß er sich aus Pflichtgefühl zur Kandidatur veranlaßt fühle. Nunmehr ins Privatleben eingetreten, ivolle er den Rest seines Lebens der Allgemeinheit widmen. Als gewefeiter Kaufmann werde er gewiß in der Lage sein, im Vorstände der Kültnsgemeinde mit Erfolg zu wirken. Zunächst werde er eine Äendernng des Steuersystems dahin anftreben, daß die Beteiligung großer Massen der jüdischen Bevölkerung am Gemeindeleben ermöglicht werde. — Als zweiten Programmpunkt möchte er die Erweiterung des Rellgionsnuterrichtes nennen, aber auch die Sorge für die Heranbildung würdiger Lehrer. Redner wolle, mit Rücksicht auf die begrenzte Redezeit, fein Programm nicht weiter entwickeln und nur die Versicherung geben, daß er, in den Knltnsvorstand gewühlt, bestrebt sein werde, dort fleißig zu arbeiten und feine kaufmännische Erfahrung zur Geltung zu bringen. Herr Beruh. H o f b a n e r stellt sich als Borstandskandidat für die Kültnsgemeinde, iusoferne sie für den Knltris zu sorgen hat, vor. Während die früheren Redner, dem modernen Prinzip der Arbeitsteilung folgend, erklärt haben, in einzelnen Zweigen der Verwaltung wirken zit wollen, wolle er im Interesse der religiösen Angelegenheilen arbeiten, aber in dem Sinne, daß dieselben demjenigen, dem die Befriedignug der religiösen Bedürfnisse Lebenselement sind, in benützbarer Weise geboten werden. Wenn auch die Herren Zionisten in manchem, ja in vielem Recht haben, so werden Sie doch zngestehen müssen, daß die Statistik die Lehrerin der Menschheit ist und daß eben die Statistik ihn seinerzeit, da er als Mitglied der Statutenkommissioil für eine bedeutende Herabdrücknng des Steuerzensns eintreten wollte, schließlich hievon nbgehalten habe. Denn die Statistik habe die bedeutende Anzahl von Exekntiousführnugen bei der Eintreibung von Stellern des niedrigsten Zensns ergeben. Redner schließt seine Ansführungen mil der Anekdote von dem Weinhändler, der, als er seine letzte Stunde herannahen fühlte, seine Söhne belehrte, mau könne auch ans Trauben Wein bereiten — und sagt: „Wenn Sie, meine Herren, der Meinung sind, daß man für die Knltnsgemeinde auch einen Jehndi brauchen kann, bitte ich mit Ihre Stimme. Kais. Rat Wilhelm P o l l a k erklärt, er habe die Aufstellung feiner Kandidatur in dem Wahlkreise, der ihn früher als Vize-Präsidenten gewählt habe, mit großer Freude angenommen, weil er hierin die AllerkennNng für sein 16-jähriges Wirken erblicke, und es scheine doch, daß' Wirken in öffentlichem Interesse nicht allgemein von Undank begleitet fei. Was den Zionismus betreffe, so könne man ihm nicht absprechen und ihm nicht dankbar genug dafür sein, daß er den Mut und das Selbstbewnßtsein der Jugend gestärkt habe, die nun einen gewissen Rückhalt und Grundstock für das Judentum bilden wird. Redner stehe zu keiner Partei so recht und echt, er stehe vielmehr zwischen denselben, und es scheine ans ihn das Bibelwort von der Stimme Jakobs und der Hand Esans zu passen. Die Wählerschaftkenne sein Programm, und er würde ztl weit ansholen müssen, wdllte Er dasselbe hier entwickeln und all das Vorbringen, was er in verschiedenen Versammlungen während 16 Jahren vertreten hat. Redner bekennt sich für Erweiterung des Wahlrechtes uüd die diesbezüglichen Forderungeil der Opposition. gnÜiöen sich ans den von ihm seit 16 Jahren, wenn auch Nicht so weitgehend progagierten Ideen. Die Opposition verlange iiur aus dein ÄrnNde Mehr, um wenigstens etwas zn erreichen, und sie werde wvhl wissen, daß sie düs üllgtzMeiNd, gleiche und direkte Wühl-

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