Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063463--05762-3072711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45. Die Wahrheit. Seite 7. nicht versagen können, daß ich alles getan habe, um mein Vorhaben einzulösen, daß ich redlich mitgearbeitet habe an dem gemeinsamen Werk. Und nun, meine sehr geehrten Herren, sollte ich Ihnen eigentlich mein Programm entwickeln, aber ich glaube, daß das Programm einer Knltnsgemeinde ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger ist, als jenes des Kandidaten. Und darüber möchte ich einiges mit Ihnen sprechen. Meine Herren! Wenn ich vorhin gesagt habe, daß wir Staatsbürger zweiter Klasse sind, so ist dies mit einer gewissen Einschränkung anfznnehmen; es wäre ungerecht, wenn wir Glicht anerkennen wollten, daß es Aemter in Oesterreich gibt, wo wir mit dem höchsten Freisinn behandelt werden, und wo wir uns über eine Zurücksetzung in keiner Weise beklagen können. Dies ist bei dem staatlichen Steueramte der Fall. Wir Juden dürfen genau so wie unsere nichtjüdischen Mitbürger Geld und Blutstenern entrichten, und wir haben diese Pflicht, es ist gewiß unsere Pflicht, stets getreulich erfüllt. Wie steht es aber mit den Pflichten, die der Staat uns gegenüber zu erfüllen hat? Da muß ich Ihnen sagen, meine Herren, daß uns das schreiendste Unrecht zngefügt wird, welches wir jemals erdulden mußten; ich will mich ganz kurz fassen und nur sagen, während alle anderen Kulten vom Staate auf das kräftigste unterstützt werden, während der katholische Kultus über 22 Millionen erhält, wovon nur 8 Millionen durch den Neligionsfond gedeckt sind, während die evangelische Kirchengemeinde 1 Million Kronen, während die Griechisch-Orientalischen K 270.000 erhalten, bekommen wir Suöeu auch nicht einen Heller, und wenn ich unsere Steuerleistung nur im Verhältnis unserer Bevölkerungsanzahl, die 50/0 betrügt, annehme, wobei ich bemerke, daß Statistiker unsere Steuerleistnng weit höher einschätzen, wenn ich also sage, daß wir nur 5% zu allen Steuern beitragen, so komme ich zu folgendem Schluß: Wir Juden zahlen mit unseren Steuergeldern eine Million Kronen für den katholischen. 50.000 Kronen für den evangelischen, 13.000 Kronen sür den griechischorientalischen Kultus und unseren Kultus dürfen wir uns selbst zahlen, und die Steuerschraube so sehr anziehen. als wir nur wollen. Das, meine Herren, ist aber ein unerträglicher Zustand, das ist das schreiendste Unrecht, welches uns zugefügt wird, ein Unrecht, welches wir unter keinen Umständen dulden dürfen. Das ist ein Programm, welches unsere Kultusgemeiude und alle Knltusgemeinden in wärmster Linie zu verfechten hat. Das ist ein Programm, an welchem alle Kandidaten, gleichviel welcher Partei sie aNgehören, gewiß mit vollem Herzen Mitarbeiten werden. Da unsere Redezeit so sehr beschränkt ist, so will ich znm Schlüsse eilen. Ich wollte noch über eine Regulierung der Stenerleistung sprechen, verschiebe dies aber auf die morgige Versammlung. Wenn Sie mich für den richtigen Mann halten, zum Wohl der Judenschaft weiter mitzuarbeiten, dann schenken Sie mir bei der Wahl Ihr Vertrauen. Hofrat Dr. R a p p 0 p 0 r t, der längere Zeit nicht zu Wort gelangen konnte, da die Opposition neuerdings, ebenso wie bei dem folgenden Redner für einen ihrer Redner das Wort verlangte, berichtet über seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Steiler- und Verwaltungsreform, sowie im Versorgungs¬ und Siechenhause und versichert, im Falle seiner Wiederwahl nach der angedeuteten Richtung wirken zu wollen. Kais. Rat Leop. Sachs: Als ich vor vier Jahren kandidierte und die Ehre hatte gewählt zu werden, herrschte vollkommenes Einverständnis. Es gab keine Opposition und Friede herrschte in der Gemeinde, ein Zustand, den zu erhalten ja unser eifrigstes Bestreben ist. Bei den Wahlen vor zwei Jahren begann schon die Opposition, die heuer die Gemeiudewelt ans den Angeln heben will. Warum der Lärm vor zwei Jahren? Warum heuer die orkangleiche Bewegung? Vor vier Jahren vollkommenes Einverständnis und seit zwei Jahren die Scheidung. Was hat der Kultnsvorstand seit 1904 bis 1906 und heute eigentlich verbrochen, das eine solche turbulente Bewegung rechtfertigt? Ich greife mir an den Kops, ich kann nichts finden. Wie Sie ans den Berichten, die Sie vor zwei Jahren und jetzt gelegentlich der Wahlen erhielten, ersehen können, hat der Vorstand wirklich alles getan, lim den seitens der Wählerschaft geäußerten Wünschen bezüglich Kultus und Unterricht nachzukommen. Ich will, um meineli Herren Mitkandidaten liicht die Sprechzeit fortzunehmen, nicht auf die Details eingehen und nicht von Subventionen sür Tempelvereine, die erteilten von der bald fertiggestellten Mikwah, von der Lehrerpräparandie, von den in rationellster Weise verbesserten Lehrplänen für die Volks- und Bürgerschulen nsw. sprechen. Nicht von den liberalen Spenden, bezüglich welcher ich nur wünschen möchte, daß die hochherzigen Spender zahlreiche Nachahmer finden mögen, nicht von den Spenden, die die Erweiterung unserer Wohltätigkeitsanstalten ermöglichten, nicht davon, daß wir uns an der Gründung eines neuen Knaben-Waisenhauses, welches demnächst Zustandekommen soll, beteiligten. Aber ick möchte erwähnen, daß wir die Finanzen der Gemeinde in Ordnung gehalten haben, daß wir uns nicht allein bestrebten auf administrativen! Gebiete unsere Pflicht zu tun, und uns nicht allein als Verwaltungsbehörde betrachteten, sondern wir haben — ich möchte sagen in politischer Beziehung — unsere Pflicht erfüllt. Da in Oesterreich keine jüdische Synodal- und keine Konsistorial-Versassnng besteht, also kein Zentrum, das offiziell überall dort einschreiten kann, wo Juden in ihren Rechten gekränkt werden, haben wir als die erste jüdische Gemeinde unseres Vaterlandes bei allen Gelegenheiten, wo es zu unserer Trauer leider nötig war. unsere Stimme erhoben. So ivar dies bei den russischen Pogroms der Fall, so auch bei anderen Gelegenheiten, die Sie ans den Berichten ersehen können, und ans die ich nur nicht weiter zurückkomme, um nicht die traurigen Erinnerungen bei Ihnen und bei mir wieder wachzurufeu. Freilich können wir nur protestieren, wir konnten nur unserer Entrüstung Ausdruck geben, aber wir haben uns gemeldet, marschieren können wir nicht lassen. Das Bestreben des Vorstandes ist ja fortgesetzt ans eine Zeutratorganifation der jüdischen Gemeinden Oesterreichs gerichtet. Ich bin gewiß dafür, daß reiches, volles Leben in der Gemeinde pulsiere, daß man den Vorstand kontrolliere, ich habe nichts aufrichtiger gewünscht, als daß sich Interesse für die jüdische Gemeinde zeige, daß man. um mit den jungen Herren von der Opposition zu sprechen, Leben in die Bude bringe. Stets bin ich der Ansicht gewesen, daß der Zionismus sich das unleugbar größte Verdienst erworben hat dadurch, daß ohne ihn manche unserer jungen Glaubensgenossen heute keine Inden mehr wären, vielleicht manche nicht, die jetzt gegen den Vorstand so wettern. Ich scheine aber freilich das Unglück zll haben, nur solche Wiener. Zionisten zu kennen, die von den gegenwärtigen Führern nicht als Zionisten anerkannt werden. Diesen letzteren Herren, nämlich, den Führern, darf ich ohne Ueberhebung sagen, daß ich, obgleich kein Zionist, aber in meiner Eigenschaft als Vize-Präsident des jüdischen Kolonisationsvereines sür Palästina in Wien, mehr für die wirklich interessanten Aufgaben des Zionismus getan habe, als mancher unter ihnen. Für den eben genannten Verein mache ich Propaganda und lade Sie alle, meine Herren, znm Eintritte in denselben ein. Als einer der Einbernfer des Kongresses jüdischer Natabeln der ganzen Welt, welcher kürzlich in Berlin stattgefnnden hat und bezüglich dessen nur wärmstens zu wünschen wäre, daß die dort in Angriff genommenen Aufgaben sich erfüllen, kenne ich die Ansicht der ausgezeichneten ausländischen, namentlich deutschen Zionisten, die einstimmig dahin geht, daß die Verwaltung jüdischer Gemeinden mit dem Zionismus nichts zu tun habe, eines mit dem anderen nicht zusammenhängt. Ich hoffe, daß die Opposition die einzelnen Punkte ihres Programms nicht als Dogmen betrachtet und es erlaubt ist über dieselben zu sprechen. Die Kenntnis der Verhältnisse der jüdischen Gemeinde meiner Vaterstadt, meine langjährige diesbezügliche Erfahrung und der Umstand, daß ich all mein Lebtag demokratischer Gesinnung war, geben mir das Recht, Ihnen meine innerste Ueberzeugung auszusprechen, daß auf die meisten der Desiderata der Opposition nicht eingegangen werden kann. Sie sind einfach nicht durchführbar und würden von der Staatsverwaltung absolut nicht bewilligt werden. Redner wendet sich nun insbesondere gegen die von der Opposition vorgeschlagene Wahl- und Steuerreform und schließt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.