Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Serie 6. Die Wahrheil Nr/ 45. Offizielle Miihlerverlfimmlnngen. Leidenschaftlicher und stürmischer als je zuvor gestaltet sich Heuer, besonders auf Seiten der zionistischen Opposition, der Wahlkampf für die Sonntag, den 22. d. M. staufindenden Wiener'Kultuswahlen. Handelte es sich hiebei blos um Prinzipien. so wäre diese Erscheinung zur Belebung des Interesses für die jüdischen Gemeindeangelegenheilen nur zu begrüßen. Aber ein Blick ans die Programme der Ossiziellen und Zionisten, die abgesehen von einigen utopistischen Forderungen der Oppositionellen, betreffs des praktisch Erreichbaren und Durchführbaren einander fast gleichen, muß jeden belehren, daß seitens der Opposition, trotz der wiederholten Versicherungen, nicht so sehr der Kampf gegen das System, sondern vielmehr ein Kamps gegen Personen geführt wird, und daher das vielfach Gehässige und Gewalttätige in der Agitation. Das zeigte sich auch in den offiziellen Wählerversammlnngen, deren der Vorstand, um die Kandidaten in größeren Kontakt mit den Wählern zu bringen, Heuer vier veranstaltete. Und während die Opposition in der ersten dieser Versammlungen, die unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten. Dr. Gustav K o h n. Samstag, den 14. d. M., im Hotel Gnth stattfand und gleich zu Beginn infolge terroristischen Vorgehens der Oppositionellen ansgelöst wurde, sich über Vergewaltigung des Präsidiums beklagte, wollte sie in der letzten Versammlung den Präsidenten vergewaltigen und machte so wieder die Verhandlungen unmöglich. Durch dieses gewalttätige Vorgehen gegen den Präsidenten, der auch den oppositionellen Rednern die größte Redefreiheit gewährte, hat sich die Opposition so manche Sympathien verscherzt, die sich ihrem jugendlichen Elan und ihrer Begeisterung für jüdische Ideen znznwenden begannen. Die Wiener Knltnswähler, die in ihrer Mehrzahl wohl eine fortschrittliche, aber ruhige und friedliche Entwicklung in der Gemeinde wünschen, werden sicherlich am 22. November mit dem Stimmzettel in der Hand gegen die Taktik der Opposition lauten Protest erheben. Wählerversammlnng im VI. Bezirke. Montag, den 16. d. M. fand im Hotel Savoy VI. Bez. Mariahilferstraße 81, eine zweite vom Vorstande der Knltnsgemeinde einberufene Wählerversammlnng statt, bei welcher Präsident Dr. Alfred Ster n den Vorsitz führte. Die einleitenden Worte des Vorsitzenden, daß er beabsichtige, zuerst den um eine Wiederwahl sich bewerbenden Vorstandsmitgliedern und abwechselnd je einem Kandidaten der Opposition und der ossiziellen Partei das Wort zu erteilen, rief bei der Opposition, die von Anfang an die abwechselnde Reihenfolge verlangte, , lärmenden Widerspruch hervor und fast schien es. daß auch i diese Versammlung das Schicksal der vorhergegangenen teilen werde. Aber der ebenso entschiedenen als korrekten Haltung des Präsidenten gelang es doch endlich, die Ruhe wieder herznstellen. und so konnten sowohl die Kandidaten des Zentral-Wahlkomitees : Salo Cohn, Professor Dr. E h r m a n n, Max Frau k, Hofrat Dr. R a p p a p o r t, kaiserl. Rat Leopold S a ch s, Samuel Steiner. Dr. Isidor S a m u e l y, Carl Selig m a u n und kaiserl. Rat Wilh. P o l l a k. sowie die Kandidaten der Opposition>: Adolf Brecher. Adolf B ö h m. Emil Fried. Sigin. K o h n, Dr. I. M a r g u l i n s und M. Markus ihre Kandidateureden halten. Im Nachstehendeit der Bericht: Herr Salo Cohn: Nach den bedauerlichen Vorgängen in der letzten Versammlung hatte ich weder Lust noch Absicht, heute das Wort zu ergreifen. Aber ich erachtete es als meine Pflicht, gerade in diesem Bezirke, an dessen Generalversammlungen ich seit einer Reihe von Jahren als Delegierter des Kultnsvorstandes teilznnehmen die Ehre hatte, zu erscheinen und bedauere es um so mehr, daß ich hier die Vertreter des Tempelvereines in diesem Bezirke, der so ausgezeichnet und so musterhaft verwaltet wird, vermisse. Nach nahezu 20jähriger Tätigkeit glaube ich mich der Entwicklung eines Programmes enthoben. Wie ich bisher gewirkt, werde ich es auch weiterhin tun und kann der Wählerschaft nur den Rat geben: Wählen Sie unabhängige Männer von klarem Verstände und warmem Herzen. Professor Ehrmann bespricht die einzelnen Gebiete, deren Pflege der Knltnsgemeinde obliegt. Dieses sind vor allem Angelegenheiten des Unterrichtes und kulturelle Angelegenheiten im allgemeinen. In elfterer Beziehung darf die eine .Richtung unter den Knltnsgemeindemitgliedern die andere nicht majorisieren und mundtot machen wollen. Die Bestrebungen nach intensiverer Pflege des Hebräischen, welche die einen vertreten, darf die Bestrebungen der anderen Seite, welche wesentlich ans den religiösethßchen, den geschichtlichen uub den idealen Wert des Religionsunterrichtes Gewicht legen, nicht vergewaltigen und umgekehrt dürfe es auch nicht fein. Die Aufgabe ist schwierig und läßt sich von der Rednertribüne herab nicht lösen, sondern bedarf ausgedehnten Studiums und gründlichen Nachdenkens. Zn den kulturellen Aufgaben gehört die Heranziehung der Erwawsenen und der breiten Massen, für unsere Sache und für die Kenntnis des Jitdentnms. Abgesehen von den Vortragszyklen. von der Pflege des Bibliothekwesens ist es namentlich Ausgabe der jüdiichen Allgemeinheit, gemeinsam mit der Knltnsgemeinde den Studenten, den schweren Kamps, den sie z>rr Zeit ihres Studiums führen, zu erleichtern. Redner verspricht, die schon von ihm tlnd einigen Freunden in Aussicht genommene Gründung eines Studentenheims energisch betreiben zu wolle». Zn humanitärer Beziehung und sozialpolitischer Hinsicht mißt derselbe dem vor etwa 1V2 Jahren in derselben Weise gegründeten, von der Knltnsgemeinde sehr ausgiebig geförderten Pflegerinnenheim, in welchem bereits 10 Pflegerinnen, teils schon am Gemeindespital tätig sind, teils Unterricht genießen, eine große Bedeutung bei. Es beweist, daß das Vorurteil, welches diesbezüglich herrschte, ein unberechtigtes ist, und daß jüdische Mädcheit und Frauen sich ebensogut zum Pflegeberuf eignen als Andersgläubige. In dieser Weise will Redner auch weiter wirken. Herr Max F r a u f beginnt seine Ausführungen mit der Erzählung einer Geschichte von einem Neger, der es bitter empfand, daß er von allen Weißen gesellschaftlich ausgeschlossen wurde, und den lieben Gott bat. ihn einen Weißen werden zn lassen. Die Bitte wurde ihm willfahrt unter der Bedingung, daß er ein tveißer Jude werde. Das lehnte jedoch der Neger ab und wollte lieber ein Neger bleiben. Das ist, fährt Redner fort, eine traurige Wahrheit, meine sehr geehrten Herren, die in. dieser Geschichte steckt, eine Wahrheit, der ich nichts hinznzufügen habe, denn daß wir Staatsbürger zweiter Güte silld, fühlen wir ja jeden Tag und jede Stunde. Aber ich weiß noch eine andere Wahrheit und die ist folgende: Wenn man uns sagen würde, Ihr könnet ja Euer Schicksal ändern, es hängt ja nur von Euch ab, warum wollt Ihr denn nicht „Weiße" werden? Da würden mir gewiß alle, die in diesem Saale anwesend sind, antworten: Nein und tausend mal nein; wir sind Inden und wir wollen Inden bleiben und jeden, der llns in diesen Zeiten der Not verläßt, betrachten wir als einen Charakterlosen, als einen Verräter. Wir sind stoß daraus, einem Volke anzngehören, welches das älteste Kulturvolk Europas ist, und welches man trotz aller blutigen Verfolgungen — und man hat es wahrhaft daran nie fehlen lasten — nicht ansznrvlten imstande war. Während andere große Völker, während die Römer, die die Welt beherrschte», spurlos vom Erdboden verschwunden sind, sind wir Inden heute noch da. und ich denke wir werden es immer bleiben. Und von diesem Gesichtspunkte, meine sehr geehrten Herren, habe icl> mich hauptsächlich leiten tasten, als ich mir vor zwei Jahren die Ehre erbeten habe, in den Vorstand der Ktiltnsgemeinde gewählt zn werdet!. Ich weiß, es ist eine hohe Ehre, und es ist die höchste Ehre, die die Jndenschast zu verleihen vermag, wenn sie jemanden als ihren Mandatar in den Vorstand der Gemeinde entsendet. Aber nicht um die Ehre war es mir in erster Linie zn tun, ich fühle in mir eine glühende Liebe zum Judentum, zur Jndenschast. und betrachte es al* ein höchstes Glück, als meine höchste Freude, für das Woh! dieses Judentums durch meine Arbeit etwas leisten zu können. Und wer von Ihnen, meine sehr geehrten Herren, die Vorgänge und Verhandlungen der Knltnsgemeinde während der letzten zwei Jahre verfolgt hat, wird mir, so denke ich, das Zeugnü