Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 44 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eue 6. Die Wahrheit Nr. 43. Gustav Karpeles. Am 11. November d. I. feierte der bekannte Heineforscher Dr. Gustav Karpeles fein 60. Wiegenfest. — Der in Envanowitz (Mähren)' geborene Literarhistoriker studierte Philosophie, Geschichte und Literatur an der Breslauer Universität und wandte sich bald nach seiner Promotion der Journalistik zu. — Er war nacheinander an der Redaktion von „Ans der Höhe", den „Breslauer Nachrichten", der „Breslauer Zeitung" und an „Westermanus deutschen Monatsheften" tätig, lebt seit 1883 als freier Schriftsteller in Berlin, woselbst er Vorsitzender des von ihm im Jahre 1891 gegründeten Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte nnd Literatm' ist. — Besonders als Leiter der seinerzeit von Leopold üou Sacher-Masoch als europäische Literatnrrevue gegründeten Monatsschrift „Auf der Höhe", die bald nach seinem Abgänge einging und der bekannten „Westermannschen Monatshefte" wirkte er segensreich. Durch eigene literarische Arbeiten über Heine, („Heine nnd seine Zeitgenossen", 1887, „Ans dem Leven Heines", 1899 rc.) machte er sich bereits frühzeitig bekannt. Aber auch seinem großen Gegner Ludwig Börne (1870) suchte er in einer eigenen Schrift gerecht zu werden, was er auch in Bezug auf Lenau (1873) tat. Kritische Essaysammlnngen wie „Unter Palmen", (1872), „Im Foyer", (1876) nnd besonders das die gesamte Weltliteratur umfassende „Literarische W a n d e r - buch", (1898, 2. Aufl.), bewiesen seine umfassenden Kenntnisse, die in seinen Studien über „Friedrich Spielhage n", (1884), „Goethe in Polen", (1889) und einer trefflichen Bühnenbearbeitung von Grab des „Don Juan und Fanst", immer deutlicher zutage traten. Daß der als Hei n ennd Schillerforscher in immer lveitere Kreise eindringende Literaturhistoriker nicht nur die ans Heines eigenen Aussprüchen basierende „Autobiographie", (1888) dieses Dichters, die kritische Gesamtausgabe seiner Werke, 1887, 2. Aust. 1893, heransgab, sondern auch mit einem Lustspiele, ..Deutsche Liebe", auf der Bühne festen Fuß fassen wollte, dürfte nicht allgemein bekannt sein. — Seine kritischen Skizzen über „Die F r a n e n nnd jüdische Literatur", (Berlin 1871) und seine „Geschichte der jüdischen Literatur", (Berlin, 1886 bei M. Oppenheim), sowie sein kleines Heftchen in der bekannten „Jüdischen Universalbibliothek", (I. B. Brandeis, Prag), unter dem Titel: „Ei n B l ick in d i e jüd is ch e Lit e r a tur", (1895) und feine Anthologie „Z i o n s h a r f e" 2c. bewiesen seine Liebe zum Judentume, dem er seilte beste Kraft widmete. — Es ist ein Zeichen seiner so vielseitigen Begabung, daß sein gediegenes Werk über „Moltke als Redner", (1888), eine Neubearbeitung von „O e s e r s ä st h e 1 i s ch en B r i e s e lt" (1890), eine kritische Ausgabe von „E i ch e n d o r s ss W e r k e n" (1896) und ganz besonders seine, drei mächtige Bände umfassende „Allgemeine Geschichte d e r L i t e r a t u r" (Berlin, bei Baumgärtel, 3. Anfl. 1901), aus seiner Feder herrührt. Wenli auch die letztgenannte Geschichte der Weltliteratur nicht die Theatergeschichte derart berücksichtigt, wie etwa die von Julius Hart, so hält sie sich von der vormärzlichen Engherzigkeit eines Johannes Scheu ebenso frei, wie die bekannten Hauptströmungen des XIX. Jahrhunderts von Georg Brandes, die aber eines geschichtlichen und streng politischen Hintergrundes nicht enbehren. Es bleibt zu wünschen, daß nicht nur obige reich illustrierte „Geschichte der Weltliteratur" in immer weitere Kreise dringe, sondern auch der Herausgeber der ..Allgemeinen Zeitung des Judentums", den der vielseitige Autor in einer Person vereinigt, noch ungezählte Jahre unserem Volke tatkräftig erhalten bleiben möge. Or. R. R. Leitende Ideen der allgemeinen jüdischen Kotouisationsorganisatian. Bon Dr. Adolf Roffig. Die K o il st i t u t i o n in der Türkei. Mau konnte um diese Zeit gegen den türkischen Orient als jüdisches Niederlassungsgebiet nur einen Einwand erheben: Die rechtliche Unsicherheit unter einem despotischen Willkürregime. Allerdings war dies keineswegs ein unüberwiiidliches Hemmnis. Es gab ein Mittel, um sich ans gewissen Gebieten die zum Gedeihen einer Kolonie notwendigen Sicherheiten zu verschaffen. Dieses Mittel waren nicht politische, sondern wirtschaftliche Konzessionen, waren Vertrüge mit der Regierung, betreffend die Exploitierung von Terrains oder Unternehmungen unter administrativen Ausnahmebedingungen. Daß dieser Weg gangbar war, daß man, um nur ein Beispiel zu neunen, bei langjähriger Pacht einer Snltansdomäne solche administrative Garantien erlangen konnte, werden alle Kenner der Verhältnisse bestätigen. Ja, auch weitergehende Erleichterungen seitens der antokratischen türkischen Regierung waren keineswegs ausgeschlossen. Wir Juden befanden uns in einem oirenlrm vitiosus: wir zögerten, unser Kolonisationswerk auszndehnen, weil wir keine administrativen Sicherheiten hatten, andererseits aber konnte sich die Pforte selbstverständlich nicht dazu herbeilassen, für eine Handvoll Juden administrative Ausnahmezustände zu schaffen. Es wäre nur eines nötig gewesen: entschlossen aus diesem oironlrm vitiosus herauszutreten, im türkischen Orient eine zahlreiche jüdische Bevölkerung zu schaffen, deren Ruhe und Loyalität dem Sultan Vertrauen eingeflößt, deren Fleiß und Unternehmungsgeist in der ganzen Provinz und vor allem auf den heute brachliegenden Domänen des Sultans für ihn ungeahnte Einnahmequellen erschlossen hätte — Einnahmequellen, deren Ergiebigkeit durch vernünftige administrative Reformen verdoppelt werden konnte — und der Sultan hätte sicherlich nicht gezaudert, diese Reformen in seinem eigensten Interesse, zu gewähren. Auf dieser Erwägung beruht die Sicherheit der jüdischen Orientkolonifation bei allen politischen Wechfelfällen und historischen Rückschlägen. Indes hat die Weltgeschichte, rascher als sie sonst es zu tun pflegt, unsere Wahl sanktioniert. Die Türkei hat eine Verfassung erhalten, vor unseren Augen verwandelt sie sich mit überraschender Schnelligkeit in einen Rechtsstaat. Die türkische Konstitution, die, wie es scheint, durch die ganze Wehrkraft des ottomanifchen Reiches gewährleistet ist, schafft für die jüdische Kolonisation ganz neue, hocherfreuliche Bedingungen. Wieder einmal zeigte sich die Wahrheit des Satzes: „Qui sait attendre, sait atteindre.“ Zunächst ein Punkt: Von manchen Seiten wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß die nationale jungtürkische Partei, die ans Ruder gekommen ist, der jüdischen Kolonisation erst recht einen Stiegel vorschieben würde. Auf Grund vieler persönlichen Beziehungen, die uns befreundete Herren im Anslande mit den Führern der jungtürkifchen $8etuegintg unterhalten, können wir bestimmt erklären, daß diese Befürchtung absolut grundlos sei. Die Jnngtürken würden es gern sehen, daß Palästina sich mit steuerkräftigen Inden fülle und sind bereit, ihnen volle Autonomie zu gewähren, wie jeder anderen türkischen Provinz. Was wir von dem neuen Kurs in der Türkei zu erwarten haben, beweist gleich die erste getroffene Maßregel, die sofortige Entfernung des der jüdischen Kolonisation seindlicheu Paschas von Jerusalem und seine Ersetzung durch einen judeufrenndlichen Funktionär. Diese Stellungnahme der Jnngtürken ergibt sich konsequent aus dem Geiste der ottomanifchen Verfassung und der inneren Politik, die für sie eine Notwendigkeit ist, wenn sie das türkische Reich wirklich stärken wollen. Der Artikel 108 der heute erneuerten ottomanifchen Konstitution vom Jahre 1876 lautet: „Das Prinzip der Verwaltung der Provinzen ist die Dezentralisation." Dieser Artikel ist einer der wenigen, die selbst während des dreißigjährigen Winterschlafes der Konstitution nicht unwirksam geblieben sind. Noch in der antokratischen Türkei gab es zwei Provinzen, die sich geregelter administrativer Verhältnisse, ja einer Art von Autonomie erfreuten: Die christliche Insel Samos unter einem vom Sultan eingesetzten Fürsten und — unmittelbar neben dem Gebiete der . jüdischen Ansiedlungen, gewissermaßen. als Vorbild für ihre Entwicklung — der christliche Libanon mit ' seinem von den Mächten bestätigten Generalgouverneur. Die Jungtürken stehen auf dem Stanbpmrkte, daß die Türkei nur