Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 44 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44. Die Wahrheit. Leite 5. gelegt, indem er bei Beratung des Pfarrer-Besoldungsgesetzes folgendes ausführte: Wenn man sich aber auf diesen Standpunkt stellt — und, wie mir scheint, tut es die große Mehrheit dieses Hauses —, dann muß ment auch konsequent sein, dann muß man meines Erachtens allen anerkannten Kirchengemeinschaften diese Beihilfen gewähren, dann darf man sie auch den leistungsunfähigen jüdischen Kultnsgemeinden nicht vorenthalten, wie ich hier mit aller Deutlichkeit betonen möchte, ohne im übrigen auf diese Seite der Frage näher einzugehen. Denn wir könne n doch von unseren jüdischen Mitbürgern nicht verlangen, daß sie z u u n s e r e n K i r ch e n l a st e n beitragen sollen, ohne daß wir unsererseits arme jüdische K u l t u s g e m e i n d e n nute r st n tz e n. Ich glaube, das ist unbestreitbar, und darum werden wir uns Anträgen nicht entziehen können, die von unterstützungsbedürftigen jüdischen Gemeinden zu dem Zwecke gestellt werden, dauernde staatliche Beihilfen zur Unterhaltung ihrer kirchlichen Einrichtungen zu erlangen. Ob diese anerkennenswerten Worte irgend welchen Erfolg haben,werden, das wird sich bald in den Kommissionsberatungen zeigen. Viel Hosinung ist dafür allerdings nicht vorhanden, derin leider ivird gegenwärtig gerade im größten deutschen Bundesstaate der ungetanste Jude in jeder Beziehung als Bürger zweiter Klasse behandelt. * * * Ueber das traurige Schicksal eines jüdischen jungen Mannes, das ob der im Hintergründe wirkenden russischen Brutalitätsgesetze ans dem Persönlichen ins Allgemeine übergreift, wird vom Odessaer Dumaabgeordneten N i k o l s k i folgendes berichtet: Der junge Mann, Fich mit Namen, fand nach glänzender Absolvierung einer Realschule und nach ebenso glänzend bestandener Konknrsprüfung am Kiewer Polytechnikum Aufnahme. Nach zweijährigen Studien machte er das lateinische Ergänznngsexamen und wollte sich feinen Anlagen gemäß iit der Universität immatrikulieren lassen. Trotz seiner ausgezeichneten Zengnisse war er jedoch dessen nicht sicher, ob ihm dies Glück so bald beschieden werden würde. Darum suchte er sich für jeden Fall als Einjährig-Freiwilliger eine Vakanz in irgend einem Regiment zu besorgen. Da er nunmehr keine Gefahr mehr zu laufen glaubte, daß er als einfacher Soldat zum langwierigen und peinvollen Militärdienst herangezogen werden würde, begann er seine Aufnahme in die Universität zu betreiben. Er lief zum Kurator des Odessaer Lehrbezirks, lief zum neugewühlten Rektor der Odessaer Universität und hatte mit seinen Bemühungen wirklich „Glück". Der Kurator erklärte, daß man mit solchen Zeugnissen nicht znrückgewiesen werden könne, der Rektor Lewaschow, obwohl ein Judenfeind, gab seine Zustimmung und ließ den Glücklichen seine ersten Kollegiengelder entrichten. Nun verzichtete Fich zugunsten eines Mitbewerbers auf die Vakanz als Einjährig-Freiwilliger. Zwei freudige Tage vergingen. Als jedoch der angehende Student nach der Universitätskanzlei kam, um die Erkennungskarte abzuholen, da bekam er statt deren seine 25 Rubel zurück, mit dem Bescheid, daß seine Aufnahme nicht erfolgt sei. Denn die Baronin Kaulbars, die Frau des Odessaer Militärkommandierenden, hatte kurz nach Fich den Rektor besucht nitb ihren jüdischen Kandidaten empfohlen, der zwar nidit über solche Zengnisse, aber über gute Beziehungen verfügt. In Odessa gilt es nämlich als Regel, daß Juden auch in den Grenzen der Prozentnorm nur vermittelst der Protektion der Behörden ausgenommen werden. Fich sollte infolgedessen einfacher Soldat werden. Dies bedeutete für ihn als verheirateten Mann, der noch dazu ein Kind besaß, außerordentliche Not und eine wahrhaft tragische Wendung. Mit dem Sturz von allen Hoffnungen verlor er auch sein seelisches Gleichgewicht und machte seinem Leben ein Ende. Als Leiche kam Fich in das gerichtlich medizinische Kabinett der Universität zwecks Obduktion. In dieser Form konnte die Universität Odessa dem Juden Fich die Aufnahme schließlich nicht mehr versagen . . . Zn den Wiener Knllnswnhlrn. Nach langwierigen Beratungen ist im Schoße des offiziellen Wahlkomitees betreffs der Kandidatenfrage schon so ziemlich Klarheit eingetreten. Im ganzen sind in der allgemeinen Kurie 9 Mandate zu besetzen. Die bisherigen Vorsteher Salo Cohn, Professor Ehr m a n n, Max Frau k, Hofrat Dr. R a p p ap 0 r t und kaiserl. Rat Leopold Sachs wurden zur Wiederwahl empfohlen und für die übrigen Mandate werden die Namen Dr. Isidor S am u el y, Carl S e l i g m a n n, Obmann des Tempeloereines im X. Bezirke, kaiserl. Rat Wilhelm P o l l a k. Dr. Jakob Engel, Obmann des Tempelvereines für den VI. und VII. Bezirk und das bisherige Vorstandsmitglied, Herr Samuel Steiner, genannt. Die endgültige Entscheidung, die hoffentlich auch seitens der Majorität der Wiener Kultuswähler vollste Zustimmung finden wird, wird in der Donnerstag stattfindenden Komiteesitzung getroffen werden. Von den bisherigen Borstandsmitgliedern werden, wie bestimmt verlautet, die Herren Dr. Adolf Stein und Dr. Hermann L ö w i ans Gesundheitsrücksichten nicht mehr kandidieren. Die erste offizielle Wählerversammlnng findet Samstag, den 14. November, 7 Uhr abends, im Restaurant G n th, II., Stefaniestraße 14, statt. Weiters Montag, den 16. November, 7 Uhr abends im Saale des Hotel S a v o y, VI., Mariahilferstraße Nr. 81, Dienstag, den 17. November, 7 Uhr abends im Saale „Z u r S ch ä feri n", IX., Sechsschimmelgasse 16, Mittwoch, den 18. November, 7 Uhr abends im Saale des Hotel „Z u r P o st", I., Fleischmarkt 16. Der Eintritt in die Versammlungen ist nur Wahlberechtigten gegen Vorweisung der Wahllegitimation gestattet. * * Ueber die geradezu verwerfliche Art, wie seiteus der zionistischen Opposition die Agitation gegen den gegenwärtigen Knltusvorstaud betrieben wird, erhalten wir folgende Mitteilung: In einer der letzten Wühlerversammlungen des unter der Führung der Wiener Zionisten stehenden oppositionellen Wahlkomitees leistete sich ein Redner Herr Lucian B r u n n e r folgende Aufforderung an das Auditorium: „Ich w i'l r d e mir gar nichts dar a u s m a ch e n, wenn uns die Antisemiten helfen w ü r d e n, jene Gesellschaft (den Kultus Vorstand) hinwegz u fegen". Die Rede des Genannten fand wiederholte lebhafte Zustimmung und am Schlüsse stürmischen Beifall. Unter den anwesenden „Oppositionsführern" waren die Herren Dr. Max B e r n h a r d, Dr.. Egon Zweig, Dr. Z i p s e r, P l a s ch k e s u. A. und nicht einer derselben erhob gegen jene Zumutung, sich bei den b e v o r st e h e n d e n K n l t n s w a h l e n der Hilfe der Antisemiten zu bedienen, auch nur den leisesten Einwurs; ebenso wenig fand aber auch das „Jüdischoppositionelle Organ", die „Jüdische Zeitung", welche einen ausführlichen Bericht über diese Wahlversammlung und die hiebei gehaltenen Reden enthält, gegen die merkwürdige Zumutung des neuesten Oppositionsführers, Herrn Lucian Brunner, irgend eine Einwendung. Wir aber richten an die Wähler der Kultusgemeinde die dringende Mahnung, sich aus solchen und ähnlichen Erscheinungen ein Bild über den Charakter der Opposition in unserer Gemeinde zu machen, danach ihre Stimmgebung bei den bevorstehenden Wahlen einzurichten und nicht etwa durch Saumseligkeit, einer solchen .Opposition" den Eingang in die Gemeindestnbe zu ermöglichen. -r- * Das „Deutsche Volksblatt," welches, sich als Wortführer für die Wiener Zionisten neuester Kouleur aufspielt, bringt in der Nummer vom 3. November die Mitteilung, daß die jüdische Knltusgemeinde Wien von den Zionisten Reverse sogar bei einer Gewährung von einmaligen Unterstützungen abverlange. Mau möge sich doch, so schreibt das „Deutsche Volksblatt," hierüber bei den Zionisten erkundigen. Wir ° sind zu der Erklärung ermächtigt, daß diese Mitteilung völlig unwahr, eine pure Erfindung ist.