Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 44 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 44. konfessionellen Zusammensetzung des bosnischen Landtages nur von den drei Kurien der mohammedanischen, der griechischorthodoxen und der katholischen Konfession gesprochen habe, woraus die Befürchtung abgeleitet werden könnte, das; den Bosniern jüdischer Konfession kein passives Wahlrecht in den Landtag zngedacht ist, erwiderte Baron B n r i a 11, daß die Juden in Bosnien diesbezüglich vollkommen beruhigt sein können. Sie werden alles, was die anderen Konfessionen bekommen, anch bekommen, und es bestehe keinerlei Absicht bei der Regierung, die die Juden Bosniens und der Herzegowina als ein fleißiges, Kultur und Wissenschaft förderndes Element kennen gelernt hat, dieselben bei der geplanten konfessionellen Vertretung im bosnischen Landtage zu verkürzen. Die Deputation hatte die Absicht, auch beim Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand um eine Audienz anzusuchen, doch da die Anmeldung znr Audienz nicht rechtzeitig erfolgte und die Zeiteinteilung des Thronfolgers für die nächsten Tage bereits festgesetzt war, ließ derselbe unter Ausdruck des Bedauerns, daß er die Deputation nicht empfangen könne, die Juden Bosniens seines vollsten Wohlwollens versichern. * . * * Die Deputation, die bereits Montag, den 9. d. M. nach ihrem Eintreffen in Wien im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde vom Präsidenten Dr. Stern und dem I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n namens der Wiener Kultusgemeinde begrüßt worden war. sprach Mittwoch 5 Uhr nachmittags abermals beim Präsidium der Kultusgemeinde vor, um über den Verlaus der Audienz bei Sr. Majestät und der Vorstellung bei Reichsfinanzminister Freiherrn v. Burian Bericht zu erstatten. Nach den Berichten der Herren Josua D. S a l o m, Dr. L ö w i und Dr. A l k a l a y verwies Präsident Dr. Stern aus die große Bedeutung der der Deputation an allerhöchster Stelle, sowie seitens des Ministers gegebenen Zusicherungen und schloß seine Ausführungen mit einem dreimaligen Hoch! ans Se. Majestät den Kaiser, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Namens der Deputation stattete Dr. L ö w i ans Sarajewo der Wiener Knltusgemeinde innigen Dank ab für die den bosnischen Glaubens- und Stammesbrüdern bewiesene Sympathie und Anteilnahme an ihren Bestrebungen. Eine Einladung des Präsidenten zu einem Bankett konnte die Deputation nicht annehmen, da die meisten Mitglieder derselben am selben Abend die Rückreise in die Heimat antreten mußten. Ans der Woche. Wie wir in voriger Nummer an dieser Stelle ausgeführt hat die durch Freiherrn v. B i e n e r t h eingeleitete Neubildung des Kabiuets eine weitere Stärkung des klerikal-antisemitischen Einflusses auf die Regierung mit sich gebracht, und es tritt jetzt ganz klar zutage, daß der Ministerpräsident Freiherr v. Beck einer Jntrigue der schwarzen Koalition zum Opfer gefallen ist. Die antisemitische Partei beansprucht nebst dem.Handelsininisterium, das ihnen bereits sicher gilt, noch ein zweites politisch bedeutsames Ressort und außerdem wird Prinz Liechtenst e i n als Minister ohne Portefeuille, mit der Anwartschaft auf ein nenzubildendes Ressortministerium, genannt. Bei diesem wenig erfreulichen Ausblick in die Zukunft sind die Kundgebungen, die anläßlich der Audienz der bosnischen Juden von allerhöchster Stelle ausgingeu, umso bedeutsamer, denn sie bieten die Beruhigung, daß es noch einen sicheren Hort im Staate gibt, an dem jede Ranke und Tücke zerschellen muß. Se. Maj e stät der Kaiser hat die bosnischen Juden unter Anerkennung ihrer patriotischen Haltung und kulturellen Bedeutung feine» v o l l st e n väterlichen Wohlwollens versichert und Reichsstnauzminister Baron Burian hat ihnen gleiches Recht wie den anderen Konfessionen Bosniens zugesagt. So dürste wenigstens in Neuösterreich das Prinzip der konfessionellen Gleichberechtigung keine leere Phrase bleiben. -k- * * Es ist ja ein bekanntes Manöver der Antisemiten, hervorragende und einflußreiche Persönlichkeiten als die Ihren zu deklarieren, und so mag es - auch dem zukünftigen Ministerpräsidenten ergangen sein, von dem man immer munkelte, daß er der Partei Lueger-Liechtenstein "sehr nahestehend sei. Nun hat Freiherr v. B i e n e r t h es unzweideutig und entschieden abgelehnt dieser Partei zugerechnet zn werden. Als ihm ein Abgeordneter, gelegentlich der Verhandlungen über die Kabinetsbildung sagte, daß man ihm, dem Ministerpräsidenten, eine gewisse Vorliebe für die Christlichsozialen zuschreibe,- erwiderte Freiherr v. Bieuerth ganz dezidiert, daß er Erziehung und Neigitng folge, wenn er nichts anderes sein wolle als Beamter, der herausgehoben sei aus der Umfriedung jedweder Fraktionspolitik. Er habe sich n i e m a l s mit d e n B e st r e b u n g e n irgend einer Gruppe identifiziert, niemals sich an ein Parteiprogramm gebunden, es sei also a n cf) n jemand berechtigt, ihm an sein A m t s k l e i d irgendwelche P a r t e i a u f s ch l ü g e zu heften. * * * Für die wackere Hilfsbereitschaft, welche die jüdisch-nationalen Studenten an der Wiener Universität beim klerckalen Ansturm ans die Freiheit der Wissenschaft ihren deutsch-nationalen Kommilitonen leisteten, haben die ersteren nur echt arischen Dank erhalten. Beim letzten Bummel ivnrden die jüdischen Studenten, die, pochend auf die ihnen seitens der akademischen Behörden erteilte Anerkennung, von einigen deutschnationalen Couleurstudenten Satisfaktion verlangten, von der arischen Uebermachl blutig geschlagen. Fürwahr die Dankbarkeit ist eine echt arische Tugend, die freiheitliche, deutsch-nationale und klerikale Antisemiten in gleicher Weise zu üben verstehen. Die jüngst durch die Tagesblätter verbreitete Mitteilung, daß der galizische Landesausschnß sich mit der Notlage der galizischen Juden beschäftigen wolle, darf nicht besonders ernst genommen werden und wahrscheinlich wird sich die ganze Tätigkeit desselben ans die Veranstaltung einer Enquete beschränken, die wohl wenig zur Abhilfe des großen Elendes beitragen wird. Wenn auch die im Lande allmächtig herrschende Partei dann und wann einmal Judenfreundlichkeit heuchelt, im geheimen bleibt sie doch immer antisemitisch gesinnt. Diese Tatsache findet auch in dem nachfolgenden Situationsberichte aus Galizien Bestätigung: Galizien war stets das Land des verkappten Antisemitismus. Hier wußte man von keinem offenen, offiziellen Antisemitismus. Immerhin wurde derselbe betrieben, allzu häufig belrieben, aber stets unter einem Deckmantel. Und dank diesem Umstande eben vermochten es unsere Feinde drinnen und draußen, das Vorhandensein des Antisemitismus einfach zu leugnen. Nun kam der berüchtigte Pater Stojalowski und deckte die Karten auf. Auf einer der letzten Sitzungen des galizischen Landtages erklärte er unumwunden, daß, obwohl er der einzige Antisemit im Landtage sei, dennoch Galizien Millionen Antisemiten zähle und sogar unter den Landtagsabgeordneten seien viele solche, die nur ihren (größtenteils jüdischen!!!) Wählern zuliebe den Antisemitismus nicht bekunden, im Herzen aber dennoch Antisemiten sind. — Und daß Stojalowski nicht Unrecht hatte, beweist folgende Tatsache: In Krakau wurde unlängst eine polnische antisemitische Partei begründet, deren Vorsitzender der Abgeordnete Dr. Stauiszewsky ist. Diese Partei, die äs facto schon lange existiert und ihren Antisemitismus im geheimen zn betreiben pflegte, verfügt über bedeutende materielle Mittel und über zwei Tagesblätter, von denen eines („G-los narodu") soeben vergrößert wurde. Sie begann ihre öffentliche Tätigkeit mit der Herausgabe zweier judenseiudlicher Broschüren, die, nachdem sie inzwischen eine große Verbreitung gefunden hatten, ihres aufreizenden "Charakters wegen von der Zensur konfisziert wurden. Für uns bewußte Inden sind diese Erscheinungen keine Ueberraschnng; für die Träumer der Assimilation vielleicht, nnb dann jedenfalls eine sehr angenehme. — — •j* *x* -k- Im preußischen Landtage hat der freisinnige Abgeordnete Eickhoff eine Lanze für die jüdischen Kultusgemeinden ein-