Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 43 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43. Die Wahrheit. Sete 7. 27.782 Einwanderern gegenüber 98.825 im August des vorigen Jahres, d. h. die Einwanderung betrug im August 1908 nur 28 Prozent der Einwanderung vom August 1907. Es ergibt sich nun, daß d i e j ü d i s ch e Einwanderung genau in demselben Maße, aber n i ch t st ä r k er, zurückgegangen ist wie die allgemeine. Die entsprechenden Ziffern der jüdischen Einwanderung sind nämlich für August 1907 13.526 und für August 1908 3767. das sind ebenfalls fast genau 28 Prozent. Eine noch u u g ü it st i g e r e n Rückschluß auf die Lage der Inden muß man ziehen, wenn man nicht die Ziffern der Gesamteinwandernng mit denen der jüdischen vergleicht, sondern nur die Einwanderung aus denjenigen Ländern zum Vergleich heranzieht, ans denen hauptsächlich Inden einwandern. Zieht man als solche Länder unter Weglassung derjenigen, welche wegen ihrer kleinen Ziffer nicht in Betracht kommen, O e st e r r e i ch, Ungar n, R u m änie n, Rußland sowie England heran, so zeigt sich, daß die allgemeine E i n- Wanderung dieser Länder vom August 1908 mit 11.866 Eimvanderern gegenüber 53.694 Einwanderern im August 1907 sogar nur 22 Prozent der Ziffer des Vorjahres erreicht. Die jüdische Einwanderung, die sich aus diesen Ländern fast ausschließlich rekrutiert, ist also nicht so st a r k ge s unke u wie die allgemeine Einwanderung ans diesen „Jndenländern". Ein analoges Bild ergibt sich auch, wenn man die jüdische Einwanderung im Verhältnis zu der allgemeinen Einwanderung aus den genannten Ländern betrachtet. Da zeigt sich, daß die jüdische Einwanderung im A u g n st 1907 n u r 25 Prozent der allgemeinen Einwanderung aus den genannten Ländern betrug, während sie im A u g u ft dieses Jahres 32 Prozent der allgemeinen! Einwanderung ans diesen Ländern ansmacht. Gerade diese letzte! Verhältnisziffer zeigt deutlich, daß, trotz des großen Rückganges? der allgemeinen Einwanderung nach Amerika und des damit > verbundenen Rückganges der jüdischen Einwanderung, doch die! Juden in diesem Jahre sogar noch st ä r k e r an der Ein-! Wanderung beteiligt sind als im vorigen Jahre. Daraus geht! zur Genüge hervor, daß alle optimistischen Schlüsse, die aus! einer ffüchtigen Betrachtung der Einwanderungsziffern gezogen! wurden, nicht nur an sich vollständig hinfällig sind, sondern . nicht einmal in diesen Ziffern die geringste Stütze finden. j * * i Im September sind 6229 jüdische Einwanderer in! New Jork gelandet gegen 9238 im gleichen Zeitraum des Vor-! jahres. Unter den Einwanderern befanden sich 2001 Männer, j 2433 Frauen und 1791 Kinder.! Den Herkunftsländern nach kamen: 4607 aus Rußland! 788 aus O e st e r r e i ch, 445 ans Ungar n, 273 aus! R n m änie n, 56 ans England, 29 ans Deutschland, > 19 aus der Türkei, 3 ans Holland, 2 aus Spanien > und 2 aus der Schweiz. Von den Neueingewanderten sind,! 4669 in New Jork geblieben.! Ans Unmiinien.! Daß wir in Rumänien jederzeit Gewaltakte gegen die! jüdische Bevölkerung zu erwarten haben, ist heute keine große > Neuigkeit mehr. Aber daß die Regierung es wagt, auch gegen! iolche Inden mit brutaler Gewalt vorzngehen, die sich im 1 blutigen Kriege ihre bürgerlichen und politischen Rechte erworben haben, die also richtige rumänische Staatsbürger sind, das war bisher doch noch selten der Fall. Mit der fort-! schreitenden Kultur sind wir aber auch dahin gelangt. Wie > seinerzeit auch an dieser Stelle berichtet wurde, ist im vorigen Jahre die Verstaatlichung der Wein-Ausschankstellen dnrchgeführt worden. Es wurden damals einige tausend jüdische Familien mit einem Schlage brotlos gemacht, da für die Uebernahme eines staatlichen Weinansschaukes der Besitz der staatsbürgerlichen Rechte Bedingung wurde. Da nun die Regierung den Inden diese widerrechtlich vorenthielt, so konnten die allermeisten bisherigen Inhaber der Weinverkaufsstellen solche nicht mehr übernehmen. In der.Praxis wird die Verstaatlichung nun w durchgeführt, daß die Weinschänken von den Dorfgemeinden verpachtet werden.. Kürzlich wurden in Daumanesti, einer Dorfgemeinde im Distrikte Bacau, zwei jüdische Weinschänker, die rumänische Staatsbürger sind, die den Krieg von 1877/78 mitgemacht haben und sich ihr Bürgerrecht dort sozusagen erkämpft haben, nicht zur Pacht zugelasfen, ja noch mehr, sie wurden ans dem Dorfe kurzerhand a u s ge w i e s e n. Die beiden Männer, die Familienväter find, sind nun nach Bukarest gekommen, um hier Gerechtigkeit zu suchen. Doch kann man ihnen wenig Hoffnung machen, daß sie sie finden werden. Sie beabsichtigen jetzt, eine Audienz beim König nachzusnchen, die ihnen aber wohl wenig helfen wird, selbst wenn der König sie empfängt, da in Rumänien der König nach einem bekannten Worte nur herrscht, während die Minister regieren. * Von anderer Seite wird geschrieben: Weshalb unsere Regierung und unsere Regierungspartei sich eigentlich noch immer „liberal" nennen, muß jedem unerfindlich bleiben, der sich die Taten dieser Regierung betrachtet. Ganz besonders in der Judenfrage zeichnen sich unsere „Liberalen", wie ja jetzt auch im Auslande ziemlich bekannt ist, durch einen so krassen und verstockten Antisemitismus ans, wie ihn nicht einmal die Konservativen hierzulande zeigen. Um rumänischer Staatsbürger zu werden, muß der betreffende Kandidat von der Kammer und dem L>enat die Zustimmung zu seinem Natnralisationsgesuch erhalten. Wie schwer das für Juden ist, beweist u. a. die Tatsache, daß bis heule seit dem Jahre 1878, dem Ursprungsjahre des heute ja vollständig durchlöcherten Berliner Vertrages, noch nicht einmal 150 Inden naturalisiert wurden. Und was das Aergste ist: Die wenigen Inden, die von der konservativen Kammer vor zwei Jahren ins Bürgerrecht ausgenommen wurden, bemühen sich jetzt feit zwei Jahren vergeblich, von der „liberalen" Regierung ihre Dekrete a n s g e f o l g t zu erhalten. Der einzige Jude, dem es unter der jetzigen liberalen Regierung gelang, mit Hilfe großer Protektion sein Natnralisationsgesuch überhaupt bis vor die Kammer und auf die Tagesordnung zu bringen, wurde von der Kammer e i n st i nt nt i g abgewiese n. So „liberal" ist man in Rumänien! Rabbiner Dr. K. Dobschntz. Freitag, den 30. Oktober wurde der Rabbiner der Gemeinde Skotschan in Schlesien, Hr. Dr. L. D o b s ch ü tz, am Wiener Zentralfriedhos zur letzten Ruhe gebettet. Ein tiefes, namenloses Weh erfüllt uns ob dieses herben Geschickes, das ein junges, schaffenssieudiges Menschenleben in den besten Jahren, unerbittlich zerstörte, einen liebevollen, zärtlichen Gatten von der Seite der jungen Gattin, den aufopfernden Bater von der Seite der kleinen Kinder, den pflichttreuen, beliebten Seelsorger der aufblühenden Gemeinde entriß. Dr. D o b s ch ü tz, in Brody in Galizien im Jahre 1366 geboren, war bis zum 14. Lebensjahre ein Talmudschüler bedeutender Gelehrter und bezog nach Absolvierung der Gymuasialstudien in Brody das Breslauer Rabbinersemiuar, wo er das Glück hatte, Kapazitäten wie Dr. Grütz zu hören; das Doktorat der Philosophie erhielt er von der alten Universität Halle aus Grund einer tiefdurchdachten, talmudischen Arbeit. Bald darauf wurde er mit vielen Ehren als der erste Rabbiner der jungen Gemeinde Skotschau installiert, wo er, ein bescheidener, ehrlicher Charakter, der nie nach eitlem Ruhm strebte, 15 Jahre sein Amt bis zum letzten Augenblicke mit unvergleichlichem Elfer und wahrer Liebe versah. Ein tückisches Leiden hatte ihn im Juli d. I. aufs Krankenlager geworfen, das er nicht mehr verlassen sollte. Tag und Nacht wachte seine treue Gattin an seiner Seite, stets auf Genesung hoffend; aber der Allmächtige hatte in seinem unerforschlichen Ratschlüsse anders gewollt. Am 27. Oktober, 9 Uhr abends wurde er vou seinen Schmerzen erlöst. Der greise Bater und die junge Gattin drückten ihm die Augen zu. Beim Leichenbegängnis sah man nebst der herzzerreißend jammernden Gattin und dem älteren Töchterchen, den greisen, tiefgebeugten Bater. den Schwager des Berstorbenen, Herrn Oberkantor Landau aus Wiener- Neustadt samt Frau und Sohn, Herrn Borsieher Spitzer aus Skorschau, Herrn L i n d n e r ans Bielitz. Vertreter der Wiener Chewra-Kadischa und zahlreiche distinguirte Trauergäste. Nachdem Erster Kantor Smo tritz ki unter Chorbegleitung in erhebender Weise die Trauergesänge exekutiert hatte, sprach Herr Rabbiner Meyersohn, ein Verwandrer der FrauDr. Dobschütz, indem er an die Worte des Wochenabschnittes: TTmrrvr a’ön pns V-rr rr: ro mbtn anknüpfend, das bescheidene Wesen des Verstorbenen schilderte, der sich, obwohl er hätte Höheres erreichen können, in eine kleinere Gemeinde zurückzog. um in Ruhe und Muße dem Bibel- und Talmudstudium obliegen zn können. Hieraus hielt der treue, ergebene Freund des Verblichenen, Herr Rabbiner Dr. D. T e m p l e r, eine ergreifende Trauerrede, in welcher >..yv -tfjT'?■• w-ä-j