Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 43 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 43. sichern. Man arbeitet überall fleißig. Wir selbst und andere Besucher haben das Gedeihen mehrerer unserer Kolonien konstatiert." Und weiter: „Es hat genügt, den Juden Acker und Arbeitswerkzeuge zu liefern, um sie zum Erfolge zu führen — nach den Erfahrungen kaum eines Vierteljahrhnuderts eine feststehende Tatsache. Das ist ermutigend und gestattet vorwärts zu gehen. W i r suchen nach u e u e n K o l o u i s a t i o n s g e b i e t e n. Wir haben in diesem Jahre durch unseren Landwirtschaftsinspektor, Herrn Niego, verschiedene Gegenden im Orient erforschen lassen." Sie sehen also, daß selbst die Jka, obwohl der Orient keineswegs ihr Spezialgebiet ansmacht und obwohl sie sich dort wesentlich nicht aus den Fonds der Stiftung, sondern mit den von Baron Rothschild ihr zur Verfügung gestellten Mitteln betätigt, angesichts der guten wirtschaftlichen Aussichten der Ansiedlungen an eine Erweiterung des Kolontsationsgebietes denkt. In der Tat wird man schwerlich ein Gebiet finden können, das für eine sofortige jüdische Ansiedlungsaktiou in etwas größerem Maßstabe günstigere Voraussetzungen bietet, als Palästina. Schon die außerordentliche Nähe dieses Landes an das Auswauderungsgebiet, die Billigkeit des Transportes, fallen bei Massenübersiedlnngen sehr ins Gewicht. Die heute ganz nnbezweifelbare Fruchtbarkeit des Bodens im Verein mit den noch gar nicht ausgenützten Wasserkräften und dem erheblichen Miuenreichtum gestatten es, anzunehmen, daß in Palästina allein, das etwa den Umfang von Belgien besitzt, bei intensiver landwirtschaftlicher und industrieller Entwicklung viele Millionen unserer Glaubensgenossen leben könnten. Erwägen Sie nun weiter, daß hier fruchtbare Nachbargebiete von unbegrenzter Fassungskraft sich eröffnen, wie Mesopotamien; daß dieses Land bei seiner exzeptionell günstigen geographischen Lage an der Pforte dreier Kontinente, am Krenznngspnnkre der großen Welthandelsstraßen, wenn es von Inden bewohnt sein wird, ein Handels- und Kulturzentrum ersten Ranges werden muß; daß es das einzige Gebiet ist. wo mit Rücksicht auf die Geschichte die nichtjüdische Bevölkerung gegen die jüdische Einwanderung nicht protestieren kann; daß die Einwanderer hier bereits eine jüdische Bevölkerung vorfindeu, die sich seit den Siebzigerjahren verfünffacht hat — etwa 100.000 Seelen — sowie alles, was sie zur Ausübung ihrer religiösen Pflichten bedürfen; erwägen Sie, daß der Orient, in dem alle jüdischen Organisationen sich betätigen, ob wir wollen oder nicht, heule tatsächlich das hervorragendste jüdische Kolonisätionsland ist — und Sie werden zngeben, daß es eine verhängnisvolle und unbegründete Krüftezersplitternng wäre, wenn wir heute ein ganz neues Gebiet erschließen wollten. Die spontane Kolonisation. Von großer Bedeutung war für die Wahl dieses Gebietes auch der Umstand, daß seit mehreren Jahren, von dein Zeitpunkte an, wo ein günstiger Umschwung in der wirtschaftlichen Lage der Kolonien sich bemerkbar machte, zahlreiche jüdische Familien aus dem Osten aus eigenem Antriebe nach Palästina emigrierten und ohne von irgend jemandem unterstützt zu sein, aus eigenen Mitteln sich dort eine Existenz gründeten, ja, industrielle Etablissements schufen, die viele ärmere Emigranten ernähren. Ein ganz genaues statistisches Bild dieser höchst interessanten spontanen Einwanderung läßt sich leider nicht Herstellen, immerhin aber haben wir lehrreiche statistische Anhaltspunkte in den Listen, welche der Odessaer Kolonisationsverein über diejenigen russischen Emigranten führt, die sich vor ihrer Uebersiedluug von dem Verein Informationen erbitten. Nach den Angaben dieses Bureaus trafen z. B. im ersten Halbjahr 1906 1747 russische Emigranten in Palästina ein. Nur ein Teil der Reisenden entschloß sich. Angaben über mitgenommene Barmittel zu machen, wobei die Meisten eine geringere Summe als die wirklich in ihrem Besitz befindliche nannten, weil sie zu weitgehende Ansprüche seitens ärmerer Glaubensgenossen befürchteten: trotzdem ergaben die Verzeichnisse, daß diejenigen Personen, die sich überhaupt über ihre Vermögensverhältuisse äußerten, zirka 2,000.000 Francs an Kapital mitbrachten. Im Jahre 1907 wanderten wieder ca. 1746 Personen ein, im ersten Halbjahr 1908 924 Personen. Von diesen gaben nur 207 Personen (22°/0) Auskunft über mitgenommenes Kapital. Laut ihrer Angaben besaßen sie ca. 1V2 Millionen Francs, demnach ca. 7000 Francs (2755 Rubel) pro Kopf. Die Kosten einer landwirtschaftlichen Niederlassung pro Familie lverden bekanntlich nur auf 6000 Francs angeschlagen. Unter den Uebersiedelnden gab es einen nicht unbedeutenden Prozentsatz von Personen, die 30.000 Francs und mehr Mitnahmen. Wichtig ist es, daß unter den Einwanderern durchschnittlich 50—70°/0 sich als Ackerbauer oder Gewerbetreibende niederznlassen gedachten, demnach produktive Elemente repräsentieren; daß ein gewisser Prozentsatz als das Motiv der Uebersiedlung die Absicht angab, seine Kinder in Palästina zu erziehen; schließlich daß ca. 34% sich ans die Aufforderung der in Palästina lebenden und wirtschaftlich prosperierenden Verwandten dorthin begaben. Wir haben da eine Einwanderung und spontane Kolonisation vor uns, die vorläufig sicherlich noch in bescheidenen Grenzen sich vollzieht, aber dafür alle Kennzeichen einer gesunden Bewegung anfweist. Es mich erwogen werden, daß die über Odessa auswandernden Personen, die sich bei dem Kolonisationsverein melden, nur einen Bruchteil der aus Rußland nach Palästina übersiedelnden Familien bilden, und daß neben den russischen Juden auch zahlreiche Glaubensgenossen ans Rumänien, ans Buchara und Jemen, ans Oesterreich, ja ans Amerika, ebenfalls unter Mitnahme von Barmitteln in Palästina sich niederlassen. Man kann bei vorsichtiger Schätzung annehmen, daß heute schon mindestens 3000—4000 Inden pro Jahr einwandern, die zirka 7000 Francs pro Kopf, demnach etwa 20—30 Millionen Francs ins Land bringen. Hierbei sind die in die in hen letzten Jahren entstandenen Kolonisationsgenossenschaften, wie Achusath Nachla, Genlah, Agudath Netaim oder Palestine Land Develop. Co. gar nicht in Betracht gezogen. Welch schlagender Unterschied von der Proletarier-Masseneinwanderung nach Amerika! Es ist eine langsame, vorsichtige, nicht überstürzte, spontane Kolonisation, die dank ihrer soliden Grundlage und ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit die besten Aussichten hat. Wir stehen vor der bedeutsamen Tatsache, daß unsere Glaubensgenossen, welche früher Palästina nur als das Land der Vergangenheit betrachteten, wohin sie pilgerten, um dort zu sterben, nun nach Palästina gehen, um dort zu leben, daß sie ihre Kinder dort erziehen wollen, weil sie es als das Land der Zukunft betrachten. Diese erfreuliche freiwillige Kolonisation bedarf nur der Regelung und des Schutzes, um sich in jeder Weise gedeihlich zu entwickeln. Sie muß durch eine unaufdringliche, vernünftige Leitung vor der Wiederholung schlimmer Erfahrungen bewahrt werden. Es muß durch Einführung der genossenschaftlichen Formen der Ansiedlung dafür gesorgt werden, daß soziale Auswüchse, wie sie die spontane jüdische Einwanderung in London und New-Iork erzeugt hat, nicht platzgreifen. Und schließlich muß ein autoritativer Faktor den Verkehr der Kolonisten mit den Behörden vermitteln. Mit allen diesen dringenden, zeitgemäßen Aufgaben befaßt sich gegenwärtig noch keine Organisation. Schon dieser Umstand im Verein mit den wirtschaftlichen Vorzügen des Landes, hat das vorbereitende Komitee veranlaßt, bereits der Konferenz vom 29. März den Orient als Kolonisationsgebiet vorznschlagen. _ (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Ginnmitdernirg nach Amerika. Es ist vor kurzem im Anschluß an die Einwanderungsziffern aus den ersten acht Monaten dieses Jahres der Schluß gezogen worden, daß, da die jüdische Einwanderung nach Amerika so sehr viel geringer sei als im vorigen Jahre, wahrscheinlich auch ein Teil der Ursachen der jüdischen Emigration weggefallen sei oder sich minder schwer geäußert habe. Das ist aber (wie von der „N. I. K." damals bereits betont wurde!) eine durch nichts gerechtfertigte Anschauung. Die Ziffern der jüdischen Einwanderung gewinnen natürlich erst dann eine Beweiskraft, wenn man sie mit den Ziffern der allgemeinen Einwanderung vergleicht. Diese Ziffern liegen für den Monat August 1908 jetzt vor, und sie ergeben die Ziffern von