Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 43 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Hx. 43. Die Wahrheit Seite 5. dem sich zahlreiche, sorgfältig ausgewählte Erzählungen seiner magyarischen Landsleute befinden — zum Vorschein kommt. Der verstorbene Bruder des Jubilars, Dr. Alexander Kohilt, der Verfasser des „Aruch completum", war einer der hervorragendsten Orientalisten. Seiner ererbten Liebe zum wahren Judentnme verdanken die bekannten Werke des Jubilars, „Geschichte der d e u t s ch e n I n d e n" (Berlin 1899) und „Berühmte israelitische Männer und Franett in der Kulturgeschichte der Menschheit" (Verlag von A. H. Payne in Leipzig 1901) ihre Entstehung. — Es ist sehr bedauerlich, daß dieses durch kleinlichen Brodneid einzelner „Vergessener" oder etwa nicht ausreichend Gewürdigter auch in seinem tiefen ethischen Werte herabgesetzte Werk tiicht ein jüdisches Hausbuch geworden ist. Ist es denn nicht an und für sich erstaunlich, daß ein einzig er Mann so unzähligen geistigen Helden unseres Stammes, wie Künstlern jeder Art und Aerzten, den Philosophen wie den Naturforschern, den Männer der Feder wie den Geldmännern gerecht zu werden strebte, wiewohl das Werk statt des ersehnten Lobes und klingenden Lohnes oft nur Hohn und Spott selbst bei jüdischen Schriftgelehrten erntete! — Gewiß mag man mit dem Autor über die Aufnahme von Convertiten, wie Heine und Börne re. rechten, aber werden nicht gerade diese zwei getauften Juden von unseren Gegnern unserem Glauben einverleibt resp. znrückgegeben? Gerade wie dieses Buch durch sachliche und materielle Unterstützung Berufener einer Neubearbeitung unterzogen werden sollte, damit es der Jugend zum Vorbild, dem Alter zur Erinnerung, uns allen aber zum Tröste in dieser schweren Zeit gereicht, so möge anch endlich einer unserer oft für Unwürdige wirkenden Maecene dem vielgeprüften Jubilar den Kamps ums Dasein derart erleichtern, daß ein sonniger Lebensabend ihm das sorgenlose Glück zurückerstatte, welches ein widriges Geschick ihm bisher nur zu oft versagt hat. vr.IL.1L. Keilende Ideen der allgemeinen jnd ische» Ko lonisationsorgaui sation. Von Dr. Adolf Noffig. Die Kolonisation als h i st o r i f ch e Notwendigkeit. Dem Entdecker Amerikas werden die Worte in den Mund gelegt: II mondo e poco, die Welt ist klein. Die Devise des Kolumbus ist heute leider auch die der Jildenheit geworden. Unsere Glaubensgenossen wohnen in allen Ländern, sie wohnen in dem ungeheueren Rußland, aber dieses unermeßliche Gebiet ist für sie zu klein. Sie flüchten nach dem neuen Erdteil, aber selbst in diesem noch enormeren Gebiet sagt man ihnen schon, daß ihrer zu viele wären. Für den Juden ist die Welt zu klein. Das ist der Ausgangspunkt unseres Unternehmens. Wir halten die Arbeit an der geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden in ihren heutigen Wohnsitzen nicht nur für segensreich, sondern für unentbehrlich, wir stehen ihr mit vollem Verständnis und mit aller Sympathie gegenüber: aber wir haben uns für die neue Organisation als spezielles Arbeitsfeld die Kolonisation erwählt. Die Kolonisation erscheint uns als die dringendste, konkrete Aufgabe, vor die die heutige Zeit die Judenheit stellt und für die noch lange nicht genügend gesorgt ist. Es ist sicherlich kein Zufall, daß diese Notwendigkeit des Kolonisierens hetlte an uns Juden herantritt. Es ist vielmehr der Ausdruck eines weltwirtschaftlichen Prozesses, der uns. wie alle anderen Gemeinschaften, erfaßt hat. Vor unseren Augen vollzieht sich eine neue Verteilung der Welt für unabsehbare Zeiten. Bei der energischen kolonialen Expansion aller Völker wird es für uns Juden bald überall zu eng werden, wenn auch wir uns nicht , rechtzeitig ein Plätzchen an der Sonne sichern, wo wir als Majorität im Lande vor Prohibitivmaßregeln gesichert sind, wo wir, ohne irgend welche politische Ziele zu verfolgen, eilt wirtschaftlich geeignetes Asyl für unsere Brüder finden. Die Gebietsfrage. Da müssen wir uns denn zunächst die Frage vorlegen, welches Land für die geplante kolonisatorische Tätigkeit das entsprechendste fei. Es war uns von vornherein klar, daß bei dem langsamen Tempo der Kolonisation in ihren ersten Stadien einerseits und den enormen Dimensionen der jüdischen Auswanderung andererseits ein einziges Kolonialgebiet nicht genüge. Wir sind nun an die Gebietsfrage gänzlich voraussetzungslos herangetreteil und haben sie ausschließlich vom volkswirtschaftlichen und kolonialpolitischen Standpunkt aus geprüft. Und da sprang uns denn in die Augen, daß unter allen geplanten oder versuchten Gebieten nur zwei sich tatsächlich wirtschaftlich bewährt haben: Argentinien und Palästina. Die argentinische Kolonisation ist in den besten Händen. Ihren Satzungen gemäß widmet sich die Jka in erster Linie der argentinischen, daun aber der amerikanischen Kolonisation überhaupt. Da wir unter allen Umständen ein Konkurrieren mit anderen Organisationen vermeiden wollen, haben wir dem uns von Mitgliedern des Conseils der Jka nahegelegten Gedanken, auf eine Kolonisation in Amerika völlig zu verzichten und unsere Wirksamkeit auf den Orient zu beschränken, um so lieber stattgegebeu, als bei näherer Untersuchung der Bedingungen dieses Gebiet uns in vielen Hinsichten als das aussichtsreichste erscheinen mußte. Der O r i e n t. Wenn nur vom Orient sprechen, denken wir allerdings an den Orient in einem weiteren Sinne, an einen geographisch zusammenhängenden Länderzng, der Syrien, Palästina, Mesopotamien und das nordöstliche Egypten umfaßt. Aber selbst wenn wir das schon jetzt für die jüdische Kolonisation erösinete Gebier, das alte Palästina, betrachten, können wir uns seinen außerordentlichen wirtschaftlichen Vorzügen nicht verschließen. Das früher verbreitete Vorurteil von der Unfruchtbarkeit des Landes ist zunächst durch die deutsche, dann aber durch die jüdische Kolonisation völlig beseitigt worden. Wir wissen heute, daß hier die Getreidekultur, die Weinkultur, sowie alle Zweige der intensiven Gartenknltnr, insbesoudereOrangennndOelbanmpflanzungeu mit größtem Gewinn sich betreiben lassen. Ein Beispiel für viele: die Pflanzungen in der Kolonie Rechoboth bringen mehr als 400/oigen Ertrag. Wir wissen auch, daß die unentbehrliche Nenbewaldung des Landes sich in relativ kurzer Zeit ohne allzu große Kosten bewirken lassen wird. Von der größten Bedeutung ist es, daß die jüdische Kolonisation sich hier schon seit mehr als einem Vierteljahrhunderr betätigt. Jede Kolonisation muß eine Periode von Versuchen und Krisen durchmachen. Heute gestatten die im Orient von unseren Ansiedlern teuer erkausten Erfahrmigen, die weitere Kolonisation auf einer sickeren wirtschaftlichen Basis zu führen. Jedes andere, völlig neue Gebiet wäre eine unbekannte Wüstenei, in der man erst von neuem durch ein Vierteljahrhnndert Erfahrungen hinsichtlich der richtigen Knlturzweige sammeln müßte. Wenn wir heute im Orient kolonisieren, führen wir nur ein Unternehmen weiter, das eben in die Phase des wirtschaftlichen Emporblühens getreten ist. Wir haben uns übrigens, um völlig sicher zu gehen, an eine kompetente Ausknnstsstelle gewendet. Wir haben an die Direktion der Jka, die die Rothschildschen Kolonien verwaltet, die vertrauliche Frage gerichtet, was von dem wirtschaftlichen Wert des Landes und von dem Stand der Kolonien zu halten sei. Die Auskunft war die günstigste. Nur die unbezweiselbaren. ausgezeichneten Qualitäten des Bodens und des Klimas, die die wirtschaftliche Zukunft der Kolonien sichern, haben es rationell erscheinen lassen, diese Kolonien in den schweren Zeiten der Krise nicht zn liquidieren. Heute beglückwünscht man fick zu dieser Ausdauer. Sehr lehrreich sind einige Stellen in dem letzten Jahresbericht der Jka (pro 1907). Der Vorsitzende, Herr Narcisfe Leven, sagt u. a.: „In den Kolonien von P a l ä st i u a ist der wirtschaftliche und moralische Fortschritt, der schon im vorigen Jahre konstatiert werden konnte, noch deutlicher h e r v v r getreten. Seit zwei oder drei Jahren ist die Ernte gut gewesen. Die wirtschaftliche Lage der Kolonisten hat sich befestigt. Sie hoffen auf Erfolg, der zumeist von ihrer Initiative und ihrer Anstrengung abhängt. Immer weniger brauchen sie fremde Hilfsarbeiter. Die persönliche Arbeit vermehrt ihre Einkünfte und sie selbst sind es, die die eigene Existenz