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Die Wahrheit · 1908-11-06 · Heft 43 (6.11.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 43 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Dis Wahrheit Nr. 43. getroffen iüirb._ Wir können nicht leugnen, daß die Täuflinge, die — nicht von einer inneren Ueberzengung gedrängt, sondern aus äußerlichen Motiven — in schmachvoller Feigheit dem Judentume den Rücken kehren, uns wenig geeignet erscheinen, Gefühle der brüderlichen Liebe in uns wachzuhalten. Ja, wir bekennen sagar mit reuiger Zerknirschung, daß es uns überaus schwer fällt, eine Regung höchsten Behagens ob des Mißgeschickes zu unterdrücken, welches allmählig in immer höherem Maße die von dem Judentum Abgefalleneu ereilt. Die Verräter und Verräterinnen am Judentum, diese Fahnenflüchtigen, die in Kriegszeiten ihre bedrängten Stammesgenossen im Stiche lassen, glaubten durch den Schritt zum Taufbecken die Erinnerung an den Jordan zu verlöschen und zumindest ihre gesellschaftliche Position wesentlich zu verbessern. Sie vermeinten, die Last der Mißachtung und Geringschätzung, die ihnen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentume von so mancher Seite aufgebürdet wird, mit einem Sprunge von sich schleudern zu können. Sie sehen sich jetzt immer mehr und mehr hierin getäuscht. Die christliche Gesellschaft erblickt in dem getauften Juden immer noch mehr den Juden als den Getauften und es zeigt eigentlich von gutem Geschmack, daß ihnen der neue Christ noch unsympathischer als der frühere Jude erscheint. Wenn die jüdischen Kreise — leider! — dem „ausgetretenen" Verräter noch immer nicht das gebührende Maß von Verachtung entgegenbringen, so bleibt es doch wahr, daß der „Bekehrte" zwischen zwei Stühlen zu sitzen kommt. Er hat sich keineswegs eine geachtete Stellung erworben, und wenn der getaufte Jude sicher sein will, Hohn und Spott zu vermeiden, daun ist er hauptsächlich auf den Verkehr mit seinesgleichen, das heißt wieder mit getauften Juden angewiesen. Da siudet er verständnisvolle Würdigung. In Spanien haben einst viele Juden, allerdings unter einem grauenhaften Zwange, denn sie hatten nur die Wahl zwischen Taufe und Exil, das oft gleichbedeutend mit Hunger und Tod war, die Religion ihrer Väter verleugnet; aber nach hunderten von Jahren wurden noch deren Abkömmlinge von den Spaniern nicht als vollwertige Christen angesehen mib die eheliche Verbindung mit ihnen nmrde perhorresziert. Sie mußten unter einander heiraten. Vielleicht kommt es in Oesterreich, das ja in mancher Beziehung au spanischen Beispielen sich bildet, auch noch dahin. Inden sollten gewiß sich nicht mit — getauften Juden verschwägern. * Während so viele Inden, die Grund hätten, auf große jüdische Ahnen mit Stolz zu blicken, sich beseligt fühlen, wenn irgend ein Abkömmling eines alten Ranbrittergeschlechtes ihnen herablassend die Hand oder auch nur zwei Finger reicht, begegnen wir auch der erfreulichen Erscheinung, daß große Männer arisch-christlicher Abstammung sich verehrungsvoll vor dem Judentum und seinem Geiste beugen. Ein solcher Mann war Nietzsche, der, möge man auch über seine letzten Werke wie immer denken, doch zweifellos zu den mächtigsten Denkern seiner Nation, ja seiner Zeit zählt. Nietzsche nannte, und wohlgemerkt nicht etwa in den letzten Jahren' seines Lebens, als sein einst so hellleuchtender Geist im dunklen Niedergänge war, sondern als er aus der Höhe seines Schaffens stand, die Juden „das Adelsvolk der Menschheit". Wie sehr Nietzsche den Antisemitismus verabscheute, ist aus seinen Schriften bekannt. Einen neuerlichen Beweis für seine Beurteilung dieser geistigen Epidemie finden wir in den Briefen an seine geliebte Schwester, den Schutzengel seines - Lebens, die soeben der Oeffentlichkeit mitgeteilt werden. Diese Schwester hatte, obwohl sie die humanen und vornehmen Gesinnungen ihres großen Bruders teilte, den Antisemitenführer und Kolonisator F ö r st e r geliebt und geheiratet. Sie sagte, daß sie den Kolonisator und nicht den Antisemiten kennen und lieben gelernt. Wie Nietzsche, der das Recht der Persönlichkeit über alles stellte, die Wahl seiner Schwester beurteilte, ist so charakteristisch für seine Stellungnahme gegen den Antisemitismus, daß wir hier einige Auszüge aus den Briefen mitteilen wollen. Er schreibt im Jahre 1887 zum Beispiel u. a.: „Eine der größten Dummheiten hast Du, mein armes Lama, gemacht — für Dich und mich. Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein, aüs, die mich immer von neuem mi Groll oder Melancholie e r f ü I f t." Aber noch klarer und unzweideutiger drückt er sich in dem folgenden Passus eines späteren Briefes hierüber aus: „Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für mich, nach Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehn e n d, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich in den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht: mein Widerwille vor dieser Partei ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner, bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören." * * * Nein, Nietzsche gehörte nicht zu ihnen und die züchtigende Peitsche seines Hohnes traf das ganze antisemitische Gelichter, seinen Schwager Förster nicht ausgenommen. Was die Antisemiten ihm aber am allerwenigsten verzeihen und vergessen werden, das ist sein Wort: „Die Juden sind das Adelsgeschlecht der Menschheit." Es wäre gut, wenn sich auch manche — Juden mitunter an diesen Ausspruch erinnern wollten, wie auch an einen diesen ergänzenden Ansspruch eines nicht geringeren deutschen Mannes, Mommsens, der da in loderndem Zorn einst erklärte: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille." * * 4- Uebrigens erinnern sich auch die Antisemiten mitunter in freundlicher Weise der Juden. Nämlich wenn es sich um das Geld der Inden für wohltätige, oder auch für — eigene Zwecke handelt. Der Eisenbahnminister, Herr v. Derschatta, genießt in den Atltisemitenkreisen das wohlverdiente Renommee, ein strammer „Gesinnungsgenosse" zu sein, der getreulich sein Wort, keinen Juden anzustellen, einhält. Man darf nicht zweifeln, daß die Gemahlin eines solchen Mannes dessen edle Gesinnungen teilt, und ebenso gewiß deucht es uns, daß sie nur mit seiner Zustimmung handelte, als sie jüngst bei ihren Vorbereitungen für ein Wohltätigkeitssest auch an die Mithilfe jüdischer Damen appellierte. Frau von Derschatta veranstaltet nämlich ein Fest, dessen Erträgnis den Hinterbliebenen von Staatseisenbahnbediensteten zugute kommen soll und in dem von ihr zur Mithilfe geladenen Damenkomitee befanden sich etwa zehn Jüdinnen. Wie liebenswürdig, wie vorurteilslos gegenüber jüdischem — Geld! Da sind die Juden doch viel kleinlicher, engherziger, unduldsamer! Ob sich je Juden einfallen ließen, zu einem Wohltätigkeitsseste, das sie veranstalten, an notorische Antisemiten heranzutreten! Dr. Adolf Kohnt als Jubilar. Zu der spärlichen Zahl jener tapferen Männer, die zeitlebens für das Judentum in Wort und Schrift gekämpft miöv ihren Glaubensgenossen leuchtende Denkmäler errichtet haben, gehört der bekannte Literar-Historiker Dr. Adolf K o h lt t, der am 10. d. M. sein 60. Wiegenfest feiert. Seit 40 Jahren gehört dieser überaus fleißige Journalist, dessen Feder bereits über 100 Werke entstammen, zu den Zierden der reichsdeutschen Kritik. Der am 10. November 1848 in Mindszent in Ungarn geborene Jubilar hat nach überaus wechselvoller journalistischer Laufbahn sich seit 1890 dauernd in Berlin angesiedelt, woselbst er an der Seite der ehemaligen Primadonna Elisabeth Manstein in glücklichster Ehe lebte. Seine Werke aufznzählen oder nur in kurzen Worten zu charakterisieren, ist bei der Fülle derselben fast unmöglich. Seine vielfach aufgelegte „Naturgeschichte der Berlinerin", seine verschiedenen Werke über Bismarck, seine zahlreichen musik-geschichtlichen Bücher und Sammelbände, ja selbst seine bei Reclam erschienenen Musikerbiographien, besonders über Meyerbeer rc. kennzeichnen ein rastloses Schaffen. Zn dieser Riesenarbeit zwang ihn oft genug der Kampf ums tägliche Brot. — Nur daraus erklärt sich die gelegentliche Flüchtigkeit, die zuweilen — z.B. in seinem „Ungarischen Novellenbuche", in

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