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Die Wahrheit · 1908-11-06 · Heft 43 (6.11.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 43 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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■Mrbaflioii li. Sibmmiiti nttoiiV Wieu;- U/, 3hniflrni]fl|jf.‘27. dc> Dinckrr-! 158»- j fl. t. österr. Postsparkassa- Scheck-Koilto Nr. i0«.St8. Zulcratr Dir viermal geivalteilc NoiivnreiUe-^jeile 25 Heller. »VoniiclliciilStt. A»I«> llonSbelrä-e und m Lliie» jutjlbav ii»d flnubttt. Aeiischrist für Mische [titereßfetL Erscheint jeden Kreitug. Mott«: „Das Biegul Gotte» ist Wahrheit!“ jj ia,,»»>av> >a . . jf 14.— jj H.iinjül,,,« .ft 7 - j ftiii (iiiltiGheiiiiite: j j 'l'.iiMMÖi l.l ft 10. jviir AiiSluud: >| <MiniitiiiOi iq ■| ti »lilvel »der . S UM ii 11 i 16 ifc* * I _i! Ur. 48. Wie». 6. Uovember I»08. Inhalt: Aus der Woche. — Dr. Adolf Kohut als Jubilar. — Leitende Ideen der allgemeinen jüdischen Kolonisations-Lrganisation. — Die jüdische Einwanderung nach Amerika. — Aus Rumänien. — Rabbiner Dr. L. Dobschütz. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Moses. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Die Krise, in welche das Ministerium Beck infolge der nationalen Exzesse in Böhmen geraten ist, wird voraussichtlich zu einer weiteren Stärkung des klerikal-antisemitischen Einstnsses in der österreichischen Regierung führen uni) man hört bereits, daß die Antisemiten, denen der Kamm durch ihre Wahlsiege in Niederösterreich noch mehr geschwollen ist, drei Ministerportefeuilles, und zwar das Justiz-, Handels- und Arbeits¬ oder Ackerbauministerium für ihre Partei in Anspruch nehmen. Welch' drangvollen Zeiten die österreichischen Juden entgegengehen, wenn Justiz und Handel von antisemitischen Parteimännern geleitet werden, braucht wohl nicht näher erörtert zu werden, und gebieterischer als je tritt an jeden Juden die Pflicht heran, den inneren Frieden zu fördern und alles Trennende hinwegzuränmen, um zur gemeinschaftlichen Abwehr der etwaigen Angriffe auf die politische und soziale Existenz der Juden bereit zu sein. Angesichts dieser traurigen Perspektive für die nächste Zukunft sind die Erscheinungen, welche den in allernächster Zeit stattsindenden Wiener Kultnswahlen präludieren, um so bedauerlicher, indem durch den leidenschaftlichen persönlichen Kampf, den das zionistisch-oppositionelle Wahlkomitee gegen das gegenwärtige Regime in der Kultnsgemeinde führt, der Friede und das Ansehen der Gemeinde arg bedroht wird. Wir glauben wokch daß nur ein geringer Bruchteil der Wiener Kultuswähler dem Schlachtrufe der Opposition Folge leisten wird, aber die Gemütlichkeit, mit welcher das offizielle Wahlkomitee vorgeht, das vierzehn Tage vor der Wahl die Kandidaten noch nicht nominiert hat, erscheint uns denn doch nicht am Platze. Allerdings wird diesmal die Kaudidatenfrage noch schwieriger dadurch, daß einzelne Bezirke eine Vertretung im Kultusvorstande fordern und die Zahl der Mandatswerber die der zu besetzenden Mandate weit übersteigt. Aber in so ernsten Zeiten kann nicht die Zugehörigkeit zu irgend einem Bezirke oder zu einer bestimmten religiösen Richtung, sondern einzig und allein die Würdigkeit des Kandidaten und seine Fähigkeit, für das Interesse und für das Wohl der Gemeinde zu wirken, bei der Mandatsbesetznng richtunggebend sein. Wenn das offizielle Wahlkomitee sich nur von diesem Gesichtspunkte wird leiten lassen, dann werden auch die richtigen Männer — hoffentlich aber nicht zu spät — gefunden werden. ■s- * Mait hat dieser Tage in Wien viel von den Regeln gesprochen, wie die Karten beim Spielen gemischt werden müssen, wenn die Spieler nicht Gefahr laufen sollen, der Verdächtigung , des „unkorrekten" Spieles anheimzufalleu. Gewiß eine sehr l wichtige Sache. Wir möchten aber ans dem Prozesse, der diese : Frage zur allgemeinen Diskussion stellte, noch eine andere, viel-! leicht auch nicht ganz unbedeutende Lehre abgeivinnen: Ist es! gut, wenn sich Juden, mögen sie sich finanziell und sozial noch , so hochgestelll fühlen, in Gesellschaftskreise mischen,! in denen man sie doch nicht als voll anerkennt? Man sieht, auch eine Frage des Mischens. Es bleibt geradezu rätselhafi, : wie jemand eine Freude, ja eine Ehre daran finden kann, in - einer geschlossenen Gesellschaft sozusagen als Mitglied zweiter! Klasse geduldet zu werden, während es ihm doch möglich wäre,? in der Sphäre, der er angehört, ans der er hervorgegangen,! eine geachtete, ja oft bevorzugte Stellung einznuehmen. Ist diese! Bemerkung auch eine ganz allgemeine, so trifft sie doch ganz j besonders gewisse Abkömmlinge emporgekommener jüdischer; Millionäre, geadelter und ungeadelter. die nichts sehnlicher eri wünschen, als Mitglieder von Vereinen, Klubs re. zu werden, in denen sie neben den finanziell oft herabgekommenen Abkömm- lingen hocharistokratischer Familien Sitz und Stimme finden.! Eine sehr fragwürdige Ehre, für die sich manche feiner geartete! Natur bestens bedanken würde. Eine Ehre, die mit unaufhöri licheri kleinen Demütigungen erkauft und bezahlt werden muß. Von! den kleinen und größeren Darleihen ganz abgesehen, die — mit | einer kleinen Variante — die Erhaltung einer solchen Freund- , schüft häufig voraussetzt.! * *! *8* Man spricht in dem antisemitischen Jargon von „jüdischer Unbescheidenheit", wenn es sich um den Kampf der Juden für das gleiche Recht im öffentlichen Leben, in den öffentlichen Stellungen, in Aemtern zc. handelt. Wir nennen das nur Selbstbewußtsein und werden stets daran erinnern, daß das primitivste I Ehrgefühl diesen Kampf den Juden zur unerläßlichen Pflicht macht. Wir wünschten aber aufrichtig, daß die Juden samt und sonders so unbescheiden wären, sich k e i n e E h r e aus dem g e s e l l s ch a f t l i ch e u V e r k e h r e mit jenen zu machen, die sie nicht als vollkommen Gleiche a n s e h e n. Je unbescheidener die Inden in dieser Beziehung sein werden, um so mehr werden sie die Achtung der Andersgläubigen gewinnen. Obzwar, aufrichtig gesprochen, die Selbstachtung, die nur auf diese Weise gewonnenZwerden kann, uns höher als alles dünkt. * tjc * Die Religion der Inden gebietet zwar nicht, den Feind zu lieben, aber sie verpönt auf das strengste jedes Gefühl der Schadenfreude angesichts des Mißgeschickes, von dem der Feind

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