Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 42. Stammesgenoffen, so s ch r e i e u wir durch die Presse zum Fenster hinaus, und — im befielt Falle bekommen wir Mitleidsausdrücke. Kondolenzkarten. Und wir können an niemanden appellieren ans dem einfachen Grunde, weil niemand von unseren zwölf Millionen Juden berechtigt ist, im Namen der Opfer zu sprechen. Weil wir keine Vorsteher unseres Volkes haben, deshalb werden wir auch zurückgesetzl und drangsaliert, werden die Massen verfolgt und gemordet: weil wir herrenlos f i n d. „Wir brauchen Volksvertreter, wir muffen eine Repräsentanz des Zwölf-Millioneu-Iudenvolkes haben. Eine wahre, echte und wirkliche Repräsentanz, aber keine Pseudo-Repräseutanz . . Die Repräsentation des jüdischen Volkes muß eben und soll ein jüdisches Volkskabinet sein, das mit den Mächten und Regierungen un Namen der jüdischen Gesamtheit und für diese verhandeln und wirken soll. In ein solches K ab in et gehören Kenner des Volkes und Staatsmänner, nicht aber zufällige oder berufsmäßige Nur-Philanthropen .... „Ferner: Kommt eine Repräsentanz des jüdischen Volkes . aus den Vorständen der philanthropischen Vereine zustande, so werden die russischeil. österreichischen und rumänischen Juden kaum in diesen Vorstand hineinkommen könneli. Die Juden Osteuropas. Asiens und Afrikas, die doch drei Viertel der Ges amt - Iudeuheit ausmachen, werden in der Repräsentanz nicht vertreten sein, weil sie nicht reich genug sind, um in den Wohllätigkeitsvereineu eine ausschlaggebende Rolle spielen und sich an der großzügigen Wohltätigkeit aktiv beteiligen zu können. Und gerade diese Inden, die Unterdrückten und Verfolgten, die wissen es doch, am besten, was den Juden not tut. „Vorsteher des jüdischen Volkes müssen von diesem und nicht von einzelnen Vereinen gewählt werden. Ein Plebiszit, ja ein Plebiszit kann einzig und allein uns die richtigen Vertreter geben." Darauf folgt ein Vorschlag zur Schaffung einer Gesamtvertremng, der im einzelnen zu diskutieren wäre. Mit der Verbreitung dieses Artikels, der von einem d e r ä l t e st e n und a n g e s e h e n st e n j ü d i s ch e n B l ä t t e r gebracht wird, könnte sich die gesamte jüdische Presse das größte Verdienst erwerben. Denn dieser Gedanke darf nicht zur Ruhe kommen, bis er in einer befriedigenden Form zur Durchführung gelangt ist. * * * Der allgewaltige Gouverneur von Odessa, General T o l m a t s ch o w, der sich durch seine bisherige administrative Tätigkeit als Protektor des Verbandes der „echtrussischen Leute" gezeigt hat, hat auf einmal sein Herz für die Juden entdeckt und wendet in neuester Zeit seine liebevolle Fürsorge den religiösen Institutionen der jüdischen Einwohner von Odessa zu. So entdeckten eines Tages seine Agenten, daß es eine Anzahl jüdischer Schlächter gibt, die auf ihren Schildern zwar das Wort „koscher" führten, in Wirklichkeit es aber mit den rituellen Vorschriften nicht allzuernst nahmen. Die Folge war, daß die gottlosen Schlächtermeister kurzerhand mit Geldstrafen bis zu lausend Rubeln und mehr bedacht wurden. Ein anderesmal ereilte dasselbe Schicksal den Restaurateur Brunstein, der es ebenfalls nach den Feststellungen dieses neuen „Rabbi in Generalsuniform" gewagt hatte, mit dem Ritus in Speise und Trank etwas nachlässig umzugehen und dies mit einer zweiwöchentlichen Freiheitsstrafe abbüßen mußte. Dieses gottgefällige Werk krönte aber unser eifriger Generalgouverueur dieser Tage durch eine neue Maßregelung, die noch mehr als die andern beweist, wie sehr er um das künftige Heil der Odessaer Israeliten besorgt ist. Für eine der größten Synagogen dieser etwa 175.000 Israeliten zählenden Stadt (bei einer Gesamtbevölkerung von 650.000) wurde nämlich ein neuer Kantor engagiert. Dieser Herr, Jrfchanski ist sein Name, soll eine vorzügliche Stimme besitzen und hatte auch bei seinem ersten Austreten die Herzen seiner Gemeinde im Sturm erobert. Der Synagogenvorstand engagierte den Vorbeter und schloß mit ihm einen Vertrag für mehrere Jahre ab. Allein die Rechnung war ohne den Generalgouverneur Tolmaischow gemacht. Dieser fand nämlich heraus,, daß der neue Kantor auf seiner Reise von Cherson nach Odessa sich vom allgemeinen Büfett auf dem Dampfer beköstigen ließ und damit seiner Qualifikation als Vorbeter in einer Synagoge verlustig ist. Alles Ein- und Zureden der interessierten Personen half nichts, und der Sänger mußte mit Schimpf und Schande die Residenz Tolmatschows verlassen. Hoffentlich nimmt sich der Generalgouverneur auch der Menschenrechte der Juden ebenso warm, wie ihrer Speisegesetze an. Ans der Wiener Kultusgemeinde. In der am 25. d. M. stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes hat sich ein bisher in der Wiener Kultusgemeinde unerhörter Vorfall ereignet, der eine erschreckende Perspektive dafür bietet, in welche Niederungen der Gesittung und Moral die von der zionistischen Opposition angesichts der bevorstehenden Kultuswahlen aufgestachelten Leidenschaften führen und welcher Ton in den Verhandlungen des Kultusvorstandes einreißen könnte, wenn es dieser Opposition gelingen sollte, einen oder anderen Vertreter ihres Programms bei den Wahlen dnrchzusetzen. Der Präsident Dr. Alfred Stern wurde nämlich in der Erstattung seines Berichtes durch einen beleidigenden Zwischenruf aus der Zuhörerschaft unterbrochen und der Zivischenrufer (Dr. Egon Zweig, ein Führer der zionistischen Opposition und Kandidat derselben sür die Kultuswahlen) wurde unter großer Erregung der Versammlung veranlaßt, den Saal zu verlassen. Die Peinlichkeit dieses Vorfalles wurde noch dadurch erhöht, daß Herr Vertreter Wilhelm Kuffner, in allerdings leicht erklärlicher Indignation über die unerhörte Jnvektive gegen das Oberhaupt der Gemeinde den Provokateur mit einem Zuruf bedachte, der au so ernster Stätte auch nicht gebraucht werden sollte. Im Nachfolgenden der Bericht: Nach Bekanntgabe der Spendenliste gelangt im Einlaufe eine Entscheidung des Magistrates über die Beschwerde des Dr. Alfred Lanzer und Genossen betreffend die Zusammenstellung der Wählerlisten für die Kültnswahlen zur Verlesung, bezüglich welcher der Präsident Folgendes bekannt gibt: Mit Bezug auf die vorstehenden Wahlen wurden seitens der Opposition, vertreten durch die Herren Drs. Zipser, Margulies. Egon Zweig, Lanzer und Konsorten, und zwar bald durch die einen, bald durch die anderen, Beschwerden beim Magistrate und bei der Statthalterei eingebracht. Die letzte enthält das Verlangen, daß die Wahllokale und Wahlkommissionen nach dem rein territorialen Prinzip eingeteilt, für einzelne Bezirke (ohne Rücksicht auf deren Wühlerzahl) separate Wahlkommissionen bestimmt werden. Der Magistrat hat diese Beschwerde abgewiesen mit Rücksicht darauf, daß auf Grund der Statutes die diesfälligen Bestimmungen dem Ermessen des Präsidenten anheimgegeben sind. Auch hat der Magistrat darauf hingewieseu, daß ohnehin bereits durch Anordnung des Präsidenten 15 Wahlkommissionen (gegen 13 un Jahre 1906) für die Gesamtheit der Wähler gebildet und die Wähler der Brigittenau einem in unmittelbarer Nähe gelegenen Wahllokale in der Malzgasie zugewiesen werden. Hieran knüpft der Präsident noch die Bemerkung, daß die Gemeinde über eine darüber hinausgehende Anzahl von Kommissionen und Wahllokalen nicht verfügen könne. Der Leiter des Wohltätigkeitsamtes der Kültusgemeinde, Herr Rudolf Kraus entschuldigt seine Abwesenheit aus dem Bureau an einem vorangegangenen Tage. Er mußte nämlich bei Gericht erscheinen, da er in einer Zivilrechtsaugelegenheit des Vereines ..Kinderschutzstationen, charitativer Verein für arme Kinder" als Zeuge geführt wurde. Er habe bei diesem Anlasse in Erfahrung gebracht, daß ohne sein Wissen der Verein ihn als Leiter^ des Wohltätigkeitsamtes der israel. Kultusgemeinde im Jahresberichte als Rechercheur des Vereines namhaft gemacht habe. Dies sei nnn eine Unrichtigkeit und zwar schon deshalb, weil statutarisch dem Vereine nur Katholiken als Mitglieder angehören können und aller Wahrscheinlichkeit nach der Verein seine Tätigkeit nur auf christliche Kinder einschränkt. Es werde hier unberechtigt von dem Namen der Kultusgemeinde .Gellrauch gemacht, vermutlich um auch bei unseren Glaubens-