Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'E- ./V-; Nkdattioil u. Sldnunisti nuou: Wien. lljt »iouaragnife 27. Trlflibuit der Di »ck-rel 15SOS K. k. öfterr. Vostsparkassascheck-Koilto Nr. 100.918. •lulcviUc Die viermal geilmUeue Nonpareille-Zeile sä Heller. NdonncnicillS- H. Z»Ic> llouLbelräqe und in Allien zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitschrift für jübische Inierejfen^ K r sch 11 ii t jeden Areitng. Motto: „Das öiagel Uocte» iat Wahrheit! |{ ^ernü»pnei». jj fl lH»„ziavrig . . . » 14.— j; jj Halbjährig; . . » 7 - j! ij . .!> i Vfiti (iiiltn5beuiiite: \’!i fl jj <u»iMiAbria . . » NI. .;j j\iir NiiSlniid: | j <a»>izlilvrig . . . s lvlark j I li »Ii>vel oder >6 )sr4. > Ar. 42 Wien, 30. Oktober 1908 Inhalt: Aus der Woche, — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — „Al-Charisi 1899". — Rabbiner Dr. L. Dobschiitz s. A. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Moses. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Wache. Die Landtagswahlen in Wien und Niederösterreich haben jenen Ausgang genommen, wie er von allen nüchtern denkenden Politikern erwartet wurde. Stärker denn je zieht die klerikalantisemitische Liga, die bei dem immer wachsenden und vielleicht von ihr selbst genährten Nationalitütenstreit auch in der Reichspolitik als mächtigster Faktor gilt, in die Landstube ein, das liberale oder freisinnige Programm, das nach dem Abschwenken der christlich-bürgerlichen Parteien in das Lager Luegers fast ausnahmslos nur von jüdischen Wählern akzeptiert wird, hat keinen einzigen Vertreter durchgesetzt, und auch die Erfolge der Sozialdemokraten sind Himer den gehegten Erwartungen zurückgeblieben. Aber gerade weil das Resultat von vorneberein feststand, ist die von den antisemitischen Führern in den letzten Jahren stets beobachtete Taktik um so erbärmlicher, die darin besteht, daß sie in den Wählerversammluugen über die angebliche Knechtung des christlichen Volkes durch die auf allen Gebieten fühlbare Macht des Judentums jammern und Judenhaß in der rüdesten Form predigen, um die Reihen ihrer Anhänger noch mehr zu stärken. Daß die Klagen der antisemitischen Volksverführer selbst jeden Scheines von Berechtigung entbehren, darüber nachzudenken, fällt niemandem ein. Das alte Wort vom „dummen Kerl von Wien" ist jetzt mebr denn je am Platze. Gedankenlos taumelnd folgen die Massen dem beliebten Schlagworte, und Ernüchterung wird erst dann eintreten, wenn einmal der Rausch ansgeschlafen ist. Allerdings nicht überall zeigen sich die Herren Antisemiten als Judenfresser, bei Juden verschmähen sie mich Liebesworte nicht und treiben jüdischen Stimmenfang, wo es ihnen in den Kram paßt. Man sollte kaum glauben, daß ihnen dabei Juden ans den Leim gehen, aber faktisch soll es vorgekommen sein, daß in einem Wiener Bezirke jüdische Stimmen dem antisemitischen Kandidaten zum Siege verholfen haben. Eine solche Entartung ist nur in der gegenwärtigen Zeit möglich, da eine Partei die Herrschaft führt, der Moral und Anstand in der Politik vollkommen fremd ist. * * * Während in Oesterreich die Vorarbeiten für die auf dem Wege der Gesetzgebung anzustrebende Repräsentanz der österreichischen Judenschaft ins Stocken geraten zu sein scheinen, wird in Deutschland der Gedanke einer allgemeinen R e prüfe n t a n z der Juden publizistisch angeregt. Zu dieser in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vor kurzem diskutierten Idee wird der „N. I. K." aus Breslau geschrieben: Es gibt doch auch im politischen Leben Leitgedanken, die immer wiederkehreu, bis sie sich schließlich einmal dnrchgesetzl haben. Seit der Gründruig der „Alliance Jsraclite Universelle" ist in der Judeuheit der Gedanke lebendig, daß sie gegenüber der geschlossenen Phalanx ihrer Feinde auch einer einheitlichen und in sich geschlossenen Repräsentanz bedürfe. Hundertmal und mir hundert Gründen wurde diese Idee von ängstlichen oder von allzu optimistischen Leuten ad acta gelegt. Die Rücksichtnahme auf das Urteil des Feindes oder dessen Unterschätzung haben ja schon so viele mögliche Aktionen gehindert — und so ging es auch der Vertretungsidee. Die Alliance und die Zionisten waren eigentlich die einzigen, die es überhaupt versuchten, im Namen des Gesamtjudentums aufzutreten und zu handeln. Aber ihrem Wollen entsprach der Erfolg nicht, weil es zu klar war, daß sowohl die oligarchisch regierte Alliance als auch der auf demokratischer Basis stehende Zionistenkongreß nur gewisse Teile der Judeuheit vertreten, nicht aber Repräsentanten der ganzen Judenheit sind. Immerhin hat das ständige Bohren in der Richtung dieser Idee den Erfolg gehabt, daß sie auch solchen Kreisen sich aufdrängte, die bislang stets sich allen derartigen Bestrebungen grundsätzlich ferngehalteu hatten. Heute sind wir io weit, daß die „Allgemeine Zeitnng des Judentums", eines der vorsichtigsten und zurückhaltendsten jüdischen Organe, in einem Artikel „Philanthropie und Repräsentanz" von S. Bloch schreibt: „Die Notwendigkeit einer solchen Repräsentanz ist so selbstverständlich, daß es wohl kaum eines Wortes der Begründuug bedarf." Und weiter heißt es — und diese Worte sind so sehr wahr und so sehr selten gehört, daß es sich verlohnt, sie ausführlich wiederzugeben: „Zwölf Millionen Juden und-kein einziger, niemand kann noch darf im Nametl des Millionenvolkes sprechen. Zwölf Millionen Stiefkinder, und niemand kann das Recht für sich in Anspruch nehmen, ihre Interessen wahrznnehmen. Niemand kann oder darf als Anwalt dieser zwölf Millionen Verfolgter und Unterdrückter cruftreten. Wir dürfen uns auch nichts weiß machen und uns nicht selbst betrügen: Unser ganzes Volk, unsere ganzen zwölf Millionen Juden sind und werden verfolgt, unterdrückt, entrechtet, zurückgesetzt, in dem einen Lande mechr. in dem anderen weniger: in den meisten Ländern aber sind wir im besten Falle auch nur die Geduldeten. Wir haben keine Vertreter, die im Namen unseres Volkes sprechen költnlen .... Wenn wir uns entrüsten, Penn unser Gewissen sich empört ob der Folter, ob der Massenmorde an unseren Bi