Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063459--05716-3072661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 41. Tie Wahrheit Lette 11. sein m ü s s e n § lt frag e.u, o b jede r, der ü b e r j ü d i s ch e L i t e r a t it r das Wort z u s ü h r e n sich h e r a u s n i m in t, a u ch das Recht h a t, ü berhanpt hier dreinznrede n." Wien, 13. Oktober 1908. Die uene Indische Kolonisnlions- Organisntion. Wir sind henle in der Lage, das vertrauliche Exposä, welches das vorbereitende Komitee der Berliner Konferenz vom 20. September.verschickte, im Worllanl zu veröffentlichen. Die jüdische Massenemigration. welche unter dem Drucke der im europäischen Osten herrschenden Verhältnisse unablässig vor sich gehl, bringt durch Bildung neuer Anhäufungen in bereits dicht bevölkerten Gebieten die Gefahr einer Hebe rtragun g der j ü d i s ch e n Fr a g e nach den liberalen, überseeischen Ländern mit sich. Jil der Tat sehen wir, daß diese Länder durch strenge Hindernngsmaßregeln für die jüdischen j Einwanderer immer mehr sich verschließen. Angesichts dessen sieht sich die jüdische Wohlfahrtspflege zn einem System von Tätigkeiten gedrängt, die in ihrer Gesamtheit — aber eben n u r bei gleichmäßig e r Pstege aller Zweige — zur Lösu u g der jüdischen Frage führen dürften. Diese Tätigkeiten bestehen: 1. in der Verbesfernng der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in ihren Heimatsländern, j 2. in der Regelung, d. h. in der zielbewnßten Verteilung des Emigrautenstromes, 3 in der planvollen Ansiedlitiig geschlossener Gruppen der jüdischen Auswanderer, und zwar auf noch dünn bevölkerten Gebieten, wo sie als bodenbesitzende und fulnir» fördernde Bevölkerung eine nnangreisbare Stellung erringen können. Während mm die ersten zwei Tätigkeitszweige die Hanptaufmerksamkeit der großen Organisationen ans sich gezogen haben, ist das jüdische Ansiedlungswerk bis jetzt bekanntlich nnr von zwei großen Philanthropen, Baron Edmund Rothschild und Baron Hirsch, in großem Stil in Angriff genommen worden. Wohl wurden in Rußland, Deiitschland und Oesterreich auch Kolonisationsvereine geschaffen, doch sind die durch sie vertretenen Leistililgen der jüdischen Gesamtheit aus dem Gebiete der Ansiedlung trotz aller Verdienstlichkeit des Wirkens über enge Grenzen nicht hinansgegangen. Ergibt sich schon daraus die Notwendigkeit der von der Konferenz Jüdischer Notabeln (Berlin, 29. März 1908) ins Auge gefaßten Vereinigung, so lassen andere Tatsachen ihre Schaffung als überaus zeitgemäß erscheinen. Nach der bei jeder Kolonisation nnvermeidlichen langjährigen Verslichsperiode, die nur dank hochherzigen Opfern Überstunden werden konnte, beginnen die jüdischen Kolonien in Amerika und im Orient unter der gemeinsamen, rationellen Leitung der I. C. A. infolge der erfreulichen Allsdauer und der nicht mehr bezweifelbaren Eignung der Kolonisten zum Ackerbau bemerkenswerte wirtschaftliche unb moralische Erfolge zu erringen. Nun ist der Augenblick gekommen, wo auch die jüdische Gesamtheit, an die Pionierarbeit Einzelner auknüpfend, das.^Kolonisationswerk mit Kollektivmitteln ausznballen verpflichtet ist. Dieser Pflicht werden heute auch die vorsichtigsten Elemente gern Nachkommen, da es sich nicht mehr um Versuche mit ungewissem Ansgange handelt, sondern um ein genau bekanntes, vielfach erprobtes wirtschaftliches Unternehmen, das ans geschäftlicher Basis mit Aussicht ans Verzinsung des investierten Kapitals betrieben werden kann. Bei ihrer Betätigung wird die neue Kolonisations-! gesellschast darauf bedacht sein müssen, im engsten Einvernehmen mit ben bestehenden Organisationen und in Anlehnung an die vorhandenen Entwicklungszentren in planvoll ergänzender Weise zn wirken: mit einem klar umschriebenen konkreten Arbeitsprogramm auf bescheidener Grundlage zu beginnen und nur nach Maßgabe erreichter Resultate zu höheren Aufgaben aufzusteigen. Von diesen Prinzipien ausgehend läßt sich zunächst über das Gebiet der kolonisatorischen Tätigkeit der neuen Organisation folgendes sagen: Das amerikanische Kolonisationswerk ruht in den Händen der I. C. A.. die auf Grund ihrer Satzungen ihren Wirkungskreis speziell auf diesem Kontinent planmäßig erweitert. Hier ist das Eingreifen einer neuen Organisation nicht von Nöten. Um so dringender ist es ans dem zweiten jüdischen Kolonisationsgebiet, nämlich im Orient, erwünscht. Wohl betätigen sich hier die meisten jüdischen Organisationen, jedoch nur auf humanitärem und kulturellem Felde. Für die wirtschaftliche Existenz der einheimischen jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Einwanderer ist bis jetzt nicht genügend gesorgt. Dieses Gebiet tritt gerade in der letzten Zeit mehr in den Vordergrund, da der Westen für die jüdischen Emigranten unzugänglicher wird, während hier ein Kreis fruchtbarer, äußerst schwach bevölkerter Länder der Einwanderung und kulturellen Entwicklung harrt. Neben Syrien und Palästina, wo es bereits emporblühende jüdische Dörfer gibt, gilt es jetzt auch die nordöstlichen Grenzstriche Aegyptens für unsere Glaubensgenossen zn erschließen. Als Hinterland von beinahe unbegrenzter Aufnahmefähigkeit kommt daun Mesopotanien! in Betracht. Die dringende Notwendigkeit, neben den bereits überfüllten überseeischen Judenzeutren ein zweites Abflnßgebiet für die Massenemigration zu schaffen, die geringe Entfernung des orientalischen Länderkreises von den Ausgangspunkten der Auswanderung. die daraus resultierende Billigkeit der Uebersiedlung — kostet doch die Reise von Odessa nach Jaffa nur 24 Mark, j nach New-Iork 150 Mark — vor allem aber die günstigen Bedingungen, die unsere Glaubensgenossen notorisch unter der jildenfrenndlichen türkischen und englisch-ägyptischen Regierung finden, hat denn in den letzten Jahren eine spontane j ü d i s che Ei n w a n d e r u n g und Kolonisation in diesen Ländern veranlaßt. Damit ist die jüdische Kolonisationsbewegung in ein neues Stadium getreten. Hier eröffnen sich nene und wichtige Ausgaben, mit denen sich keine der bestehenden Organisationen besaßt. Betrachten wir den Charakter dieser spontanen Orientkolonisation. so fallen uns nachstehende bedeutsame Merkmale ins Auge: es handelt sich um die Einwanderung ziemlich bemittelter Elemente, die gewisse Fachkenntnisse mitbringen ilnd vorwiegend nicht landwirtschaftliche, sondern industrielle Betriebe gründen. Wir stehen heute an der Schwelle der i n d n st r i e l l e n Kolonisation, der sich erfreuliche Aussichten zn eröffnen scheinen. Dies ergiebt sich nicht nur ans dem Erfolge der neugeschaffenen Etablissements, sondern auch ans der Erwägung der vorhandenen Bedingungen. Während die landwirtschaftliche Produktion im türkischen Reiche mit den höchsten Abgaben belastet wird, ist die Industrie völlig steuerfrei. Der früher allzu niedrige Einfuhrzoll von 8% wurde durch Erhöhung aus 11% znm wirksamen Schutzzoll, während gleichzeitig der Binnenzoll auf 8% erniedrigt wurde. Während ferner die landwirtschaftliche Kolonisation bei erheblichem Kapitalanfwande nitr einer relativ geringen Menschenzahl in langsamem Tempo zur Existenz verhilft, vermag die industrielle unter Investierung geringerer Mittel einer größeren Anzahl von Familien rascher em auskömmliches Dasein zn sichern. Schließlich eignet sich das answandernde Meuschenmaterial zunächst wesentlich besser fürdie Industrie als für die Landwirtschaft. Die russisch-jüdische Bevölkerung hat sich bekanntlich in gewissen Industrien, wie die Kleidermanufaktur, die Zucker-, Bürsteti-, Schuh- und Zigaretlensabrikation spezialisiert. In Rußland haben die kleineren Unternehmer uitD Arbeiter mit unerträglichen Bedingungen zu kämpfen. Ihre Verpflanzung nach den großen! Industriezentren von London und New-Aork führt zn der verwerflichen Ausbeutung in Form des Schmitzsystems, zur llilterbietendell Konkurrenz und zn bedrohlichen Konflikten mit der einheimischen Arbeiterbevölkerung. In den Ländern des Orients dagegen können diese russisch-jüdischen Volks-Jndnstrieen mit größtem Nutzen für das Kolonisationsgebiet ungehindert und in der blühendsten Weise sich entwickeln. Erst durch die Uebertragung solcher Industrien aber würde tatsächlich ein erheblicherer Menschenstrom nach dem neuen Einwanderungsgebiet gelenkt werden, würde die Kolonisation dem ra*%l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.