Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 41 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063459--05714-3072659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 41. Die Wahrheit Seite 9. erstmaligen kritischen Ansgabe dieses ältesten nachtnlmudischen Werkes ist, nicht auf morscher Grundlage bauend, sondern rationell prüfend, einmal einen erreichbar znverlässigen Text herznstellen. Er weiß nicht, daß unsere besten'Editoren, wenn sie über wertvolle Handschriften verfügten, sich immer an diese und nicht an eine korrupte Edition hielten; daß z. B. nach dieser Methode Salomon B n b e r seine Midraschim, Z u'ck e r m a n d e l die Tosephta, Hildesheimer die Halachoth Gedoloch (wobei dieses Werk nnr eine einzige Handschrift an Stelle des früheren Druckes setzt!) edierte und Dr. Theodor jetzt Bereschith Rabba heransgibt. Um für nichthevräische Werke das Beispiel eines anerkannten Philologen von Fach anznführen, so sei auf die musterhafte, mit unvergleichlicher Akribie hergestellte Edition der Werke Philos durch die Professoren L. Cohn und P. Wendlaud hingewiesen, wo (in der kraetadio zur sä. min. Vol. I) der Grundsatz gegeben wird: „A librorum manuscripfcorum auctoritate, nisi causis gravissimis commoti, nusquam recessismus. — Eas conj ecturas quas non satis certas esse nobis persuasimus. in texfcum recipere noluimus.u dlach demselben Grundsatz halte auch ich mit möglichster Konsequenz an der ältesten, zugrunde gelegten Handschrift fest (einem Pergament-Mannskript, das, wie mir Herr Abraham Epstein sagt, nach Prof. Dr. C h w o l s o n s Schätzung über tausend I a h r e alt ist und nach der technischen Beurteilung durch Herrn Baurat S t i a ß n y spätestens aus dem elften Jahrhundert stammt!) und bin beim besten Willen nicht imstande, Sätze und Worte, die unecht sind und erst in jüngeren Handschriften (wahrscheinlich auf Grund von Marginalglossen) auftancheu, in den Text anfzunehmen, wie es der ungeschnlte Rezensent wünscht,- sie werden unbarmherzig zu den Varianten unter den Text verwiesen. Mit welchem — um seine Worte zu gebrauchen: „durch keinerlei Sachkenntnis getrübten" — Urteil aber der Herr Kritikus die von mir schon aus formellen Gründen ansgeschiedenen Worte als „zweifellos zum Texte" gehörend verteidigt und welche Ignoranz dabei hervordringt, muß doch ein wenig beleuchtet werden. Seite .1, Zeile 7, will er justament bei den Kleidern des R. Jochanan, aiif die er soviel hielt, die durch ein Mißverständnis eingeschlichenen Worte: „die er am Sabbath trug" trab mm »nattn erhalten. Armer Rezensent! Nicht einmal den einfachen babylonischen Talmud hat er noch im Gedächtnis und weiß es nicht, da i ch aus Raninersparnis in den Anmerkungen diese Stelle nicht beifüge, daß außer Sabbath 113 auch noch tu Baba Kama 91b davon die Rede ist und dort in nicht mißzuverstehender Weise von Kleidern ü b e r h a u p t, absolut ohne Beziehung auf Sabbath, das Wort R. Jochanans zitiert wird, dazu noch, um ein Mißverständnis avsolnt unmöglich zu machen, ein Analogon von R. Chisda, daß er einst, zwischen Dornen und Disteln wandelnd, die Kleider mit dem Bemerken hochhob, daß es besser sei, die heilbare Haut zu verletzen, als unheilbaren Schaden den Kleidern zuznfügen.*) Er weiß auch nicht, da ich es nicht anmerke, daß das Wort auch, wie in der Glosse von meinem Pariser Kodex in Sanhedrin 94 a vorkommt, wo das Gewand deutlich nnr als Gegensatz zum Körper erwähnt wird. Zweites geistiges Armutszeugnis, das er sich selbst ansstellt: er weiß, daß zu Seite 3, Zeile 19, meines Textes in drei Manuskripten zu lesen ist nav anb uan a*na rc. Woher weiß er das? Aus m eine m kritischen Apparat. Da sollte er doch das schöne Talmndwort beherzigen: „In den Brunnen, ans dem dit trinkst, sollst du keinen Sand werfen!"**) Aber statt dankbar für die Belehrung zu sein, stolpert er wieder über sein v e r m e i n t e s Besserwissen. „Jeder A n f ä n g e r," sagt er, „der nur einigermaßen mit der talmudischen Diktion vertraut ist, erkennt sofort, daß nur die s e r Text der richtige ist. Dr. K. hat die verstümmelte Lesart seiner (!) Handschrift vorgezogen." Ja, aber ich bin eben glücklicherweise kein Anfänger und der Grundtext meiner (d. h. der ä l t e st e n und wertvollsten) Handschrift, den der Rezensent nicht verstanden *) am mmaa xuab mp j mr nn an *a um nnn ubn unxan •-i nanu nbitö nt niau m-Juab mb 'bna mm am mn "jcö um na unom **) Ich lese ubm nicht ubp, wie die Kundigen aus der Parallele tan im Midrasch wissen. hat, sagt eben etwas ganz anderes. Ich sehe wieder, wie gefährlich der Rat meiner gelehrten Freunde in Kopenhagen und Berlin war, den Kommentar zu kürzen; nein, es kann nicht genug kommentiert werden! Da versteht ein Rezensent nicht, daß die Scheelta an dieser Stelle, wie so oft, einen selbständigen Gedanken in den Vortrag einflicht itnb daß nach dem alten Grnndtext. nicht ans der Analogie von „lechem mischne“, sondern ans der Kombination von „B.euu um p by ...tun anb aab sni2 (..Sehet, daß Gott euch den Sabbath gegeben, daher gibt er auch das D o p p e l b r o t") und „n:wa anb* Sonderbrot" der Gedanke hervorgeht, daß das Sabbathbrot nunaal ajaa mtoa auch dem Ange sichtbar sich unterscheiden muß. Eine dritte Verirrung ist das dritte Beispiel, das, wie der Kritiker treuherzig meint, beweisen soll, daß der vorgelegte Druckbogen „voller Lücken und Mängel" sei. Seite 7. in der Geschichte des Sabbathverehrers Joseph, gefällt ihm gerade, wie einem launenhaften Kinde, das, was es nicht berühren darf, die unechte Schlnßzeile, wonach der Heide, nachdem er sah, daß fein ganzes Vermögell durch die im Bauche des Fisches gefundene Perle an Joseph übergegangen, S e l b st m o r d verübte. Der Satz stehe in Drnckansgaben mit) „Manuskripten"! Bitte, aber das ist nicht w a h r. Mau sehe den kritischen Apparat. Der alte Cod. M., den ich jedem zeigen kann, weiß nichts davon, Oxford und Paris protestieren dagegen, Frankfurt verwahrt sich gegen diesen Unsinn. Selbst in der jüngeren, über vorzüglichen E-Handschrift, die jedermann bei mir einfehen kann (Faksimiles der wichtigeren Handschriften werden übrigens voraussichtlich beigegeben werden können), ist dieser phantastische Zusatz nnr eine R a n d g l o f s e (im kritischen Apparat gezeichnet „e“); was aber in Druckwerke alles aus Randglossen der Abschreiber überging, hat mit dem Text nichts zu tun. Aber inhaltlich wird der Rezensent — soviel gesunden Menschenverstand träne ich ihm zn — doch selbst nicht glauben, daß dieser sonderbare Zusatz mit dem eigentlichen Märchen etwas zu tun hat. ans dessen Verwandtschaft mit dem Ring des Polykrates bei Herodot und der Perle im Bauche des Fisches in „Tausend und Eine Nacht" ich in der Anmerkung 31 Hinweise. Er wird wohl auch selbst nicht glauben, daß man zur Verherrlichung des Sabbaths jemals auch nur habe die Geschichte so erzähle n können, ein Heide, der sein ganzes Vermögen. 30.000 Golddenarien, mit eigenen A n g e n mühelos in d e n B e s i tz d e s I n d e u übergehen sah. hätte absolut nichts gegen ihn versucht und nur sich das Leben genommen! Das sei die „eigentliche Pointe"!! Zn dieser brutalen und dazu in unseren Tagen wirklich gefährlichen Rücksichtslosigkeit mit Bezug auf das Leben der Nichtjnden, welche der Herr Rezensent dem alljüdischen Märchen, g e g e n die Textzengen und sicher auch gegen sein besseres Gewissen, bloß aus Nörgelei an meiner kritischen Edition, hier impntieren will, steht in schreiendem Gegensatz das Pathos, welches er ganz rätselhafterweise plötzlich aufbringt, um mir sozusagen einen „Scheker-Bilbnl" anzudichten. IV. Literarische Minenlegnn g. Bei diesem Punkte muß ein schärferes Wort gesprochen werden. Das geht schon über den Rahmen selbst einer gehässigen, dilettantischen Kritik wissenschaftlicher Art hinaus und nähert sich einer bekannten journalistischen Art. die ich zn qualifizieren unterlasse. Ohne jeden Schatten eines wirklichen Grundes, absolut o h n e sachlichen Zusammenh a n g. ich weiß nicht ans welcher Schwüle des Hasses heraus oder durch welche Jdeen-Association der Eitelkeit des Rezensenten werden auf einmal der Prozeß Rohling-Bloch und die Kontroverse über die gojimfeindliche Tendenz des R. Simon den Jochai gegen mich geschlendert und den unerfahrenen Lesern, die gar nicht wissen, um was es sich handelt, suggeriert, ich hätte irgend eine Stelle „mit derselben Oberflächlichkeit wie Prof. Rohling" interpretiert. Durch die Marke dieses bei den Haaren herbeigezogenen Themas gibt sich zunächst der Antor knnd. Wenn ich es selbst nicht als böswillige Insinuation, als absichtliche Verleumdung ansehen will, sondern als Aeußernng Ata