Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 41 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 41. Anfechtungen Widerstand leistete und auf einen Aufstieg verzichtete, wenn der Weg zu ihm von einer morastigen Pfütze versperrt war, deren Kot zwar nicht die Stiefel, wohl aber die Schmetterlingsflügel seiner reinen Psyche bemakelt, den Schmelz abgewischt hätte? Mosers Individualität hatte besondere Eigenart; neben scharf analysierendem mathematisch und logisch geschultem Denken wies sie Idealismus — aber einen ängstlich gehüteten — ans. Manche Menschen verstecken in seelischer Scham ihre edleren Gefühle sorgsamer, als viele ihre Missetaten. Als ich am Schluß der während des ganzen Winters gehaltenen Vorträge, gegen Ostern mich anschickie, ihm im Namen der Hörerschaft unseren Dank in Form eines von mir verfaßten Gedichtes abzustatten, meinte er spöttisch: Was soll ein Gedicht in der Mathematik, Herr Poet! Nachdem ich jedoch meine Verse mit ungekünstelter Empfindung vorgelesen hatte, konnte er seine Bewegtheit nicht verhehlen und er dankte mir in herzlicher Weise. Schon die volle Ueberzeugung Mosers, daß der höhere Kalkül, der heute nicht einmal an den Mittelschulen unterrichtet wird, dereinst in der Elementarschule der Zukunft gelernt würde werden, war eine liebenswürdige Schwärmerei und trug utopischen Anstrich; seine Bemühung die Infinitesimalrechnung auch Personen mit fehlenden algebraischen Vorkenntnissen mundgerecht zu machen, blieb in den meisten Fällen erfolglos trotzdem er es an unsäglicher Geduld nicht fehlen ließ. Der Satz, daß das Beste fürs Volk gerade gut genug fei, muß gleichwohl mit einer gewissen Einschränkung gelten und will cum grano salis verstanden sein. Wohl hat der Revisionist Bernstein, der Marxistische Geistesantipöde, Recht, wenn er einen kulturellen Umschwung unserer heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse hervorzurufen für aussichtslos erklärt, wenn man sich lediglich mit der Verbesserung der materiellen Lage der gesellschaftlich Enterbten begnügt und leibliche Wohlfahrt nicht zugleich mir geistiger Hand in Hand gehen läßt: Aber sollte man sich vorerst nicht damit zufrieden geben dem Volk des Sonntags sein geistiges Huhn in den Tops zu legen, müssen es gerade die sitblimsten intelektnellen Feinheiten und Leckerbissen, muß es Kaviar sein, den mau auftischt? Doch wir wollen diesem leisen Tadel Schweigen gebieten. Wenden wir uns nun einer anderen Frage zu. über die ich seither viel nachgedacht, der nämlich, was das Motiv war, welches Moser so treu zum Judentum halten ließ. Wars nur ein Feingefühl, die Scheu, das Odium der Feigheit aus sich zu laden, das Judentum gerade jetzt, da es so vielfache Anfeindungen erfährt, im Stich zu lassen, welche natürliche Empfindung viele Edeldenkende ausharren läßt, oder wars einfach Religiosität? Nun ich bekenne, ich hatte denn doch zu wenig Gelegenheit in Mosers innerstes Seelenleben zu blicken, um dies mit Sicherheit entscheiden zu können. Es wäre nichts so Ungewöhnliches, als es ans den ersten Blick scheint, daß Naturforscher, Astronomen und Mathematiker Religion hätten. Religion bedeutet dem Wortsinn nach Verbindung, Verknüpfung, also den Zusammenhang zwischen dem Göttlichen und Menschlichen, der nur vermittelst des Gefühls bewerkstelligt werden kann. Die auf Mathematik beruhenden Naturwissenschaften enthalten hingegen Gleichungen zwischen lediglich sinnlichen Dingen und der Verst a n d, der rechnende und vergleichende, dominiert dabei ausschließlich. Allein, die feindlichsten, einander ausschließenden Gegensätze wohnen nicht selten friedlich zusammen. Wer war gläubiger als Goethe, der Vorläufer der modernen Biologie und Vorgänger Darwins, wer religiöser als Darwin selbst? Es tut hier nichts zur Sache, daß Goethe ans gewissen Gründen aus die Mathematik nur wenig Gewicht legte. Paskal, der große französische Mathematiker, schrieb eines der religiösesten Bücher der Welt, seine „Gedanken" (p6U8668), Kartesins, der Erfinder der analytischen Geometrie und Vater der neueren Philosophie war hervorragend gottesgläubig. Newton, der große Entdecker derGravitation, starb in religiösem Wahnsinn, Spinoza, der alles in Gott sah und Gott in allem, schrieb seine Ethik in geometrischer Methode. Doch wozu die vielen Beispiele, es ist eine bekannte Erfahrung: Halbbildung führt von Gott weg, geläutertes Wissen zu ihm zurück. Dozent Moser ließ einst in seinen Vortrügen die Bemerkung fallen, die höhere Mathematik bilde in gewisser Hinsicht eine Weltanschauung. Ganz klar wurde mir diese Aeußerung erst einige Zeit hernach, als ich zufällig Mendelssohns Phädon wieder einmal znr Hand nahm. Da wird, was ich zwar schon längst gelesen, inzwischen aber vergessen hatte, die Unsterblichkeit der Seele ans dem, der höheren Mathematik zu Grunde liegenden Begriff der Stetigkeit hergeleitet. Die Unendlichkeit der Zeit, die Unmöglichkeit sie in ihre kleinsten Teilchen zn zerlegen, kurz, ihr stetiger Fluß verwehren es zn bestimmen, die Seele sei in ihrem Entstehen und Vergehen an die Zeit gebunden, sei in einem doch niemals zn fixierenden Zeitpunkte entstanden oder vergangen. Die Seele sei daher gleich der Zeit stetig und unzerstörbar. Dies scheint nun in der Tat Mosers philosophisch-religiöses Kredo gewesen zu sein. In der höheren Mathematik wird das unendlich Kleine mit einem französischen Ausdruck gsuarckits negligeable bezeichnet, eilte so verschwindend kleine Größe, daß man sie füglich vernachlässigen kann und mit ihr zn rechnen, überflüssig wäre. Dozent Moser sagte uns, daß ein französischer Staatsmann, der früher Ingenieur gewesen, diesem Terminus eine Stelle im Lexikon des politisch-diplomatischen Idioms kreierte- Der Ausdruck kann auch ans unser Thema mit Vorteil angewendet werden. Immer enger schließt sich der Kreis, innerhalb dessen sich heute ein Jude in Oesterreich betätigen kann. Es mag als Kuriosum bemerkt werden, daß in jüngster Zeit zur Erlangung einer Stelle im Beamtenchor der Wiener Börse die Beibringung eines Taufscheines unerläßlich ist, wo man dieses Institut doch als spezifisch jüdisches anzusehen sich gewöhnt hat. Die Fahnenflucht aus dem Judentum findet daher en masse statt. Der ererbte Glaube der Väter, die Zugehörigkeit zn einem der ältesten Kulturvölker, diese früher mit Opfern au Gut und Blut verteidigten höchsten Güter wandern mm in die Rumpelkammer nnb sind znr quantite negligeable herabgesnnken. Das waren sie aber Moser nicht, deshalb Hütte er diese wenigen flüchtigen Zeilen der Erinnerung anch dann verdient, wäre er ein viel weniger hervorragender Forscher gewesen, als er es in der Tat war und hätte er auch nicht einen Universalapparat erfunden, den man zerlegen und zn den verschiedensten physikalischen Experimenten benützen konnte. „Moser nannte dies atomisieren", schrieb die „Nene Freie Presse" und jammert: Leider muß dieser Apparat nach Mosers letztwilliger Verfügung nach England. Er hat diesen Nachruf verdient, schon weil wir in einer Zeit der laxen Moral leben, die derjenigen gleichen mag/ in welcher der altarabische berühmte Lyriker Motenebbi (Mutanabbi) seine Klage in die Worte faßte, die wir an die Spitze dieser Zeilen gestellt und die — wenn anch mit einiger Verrenkung — wie folgt variiert werden können: Wir sind in einer solchen Zeit, wo es den Meisten an- Zurechnen ist als Wohltun, wenn die Taufe nicht getan. 8. Vineta. Meine Edition, der „ScheMoth des Und Acha." Eine Erwiderung an die „Oesterreichische Wochenschrift" von Rabbiner - Dr. A Kaminka Es genügt nicht, viele Jahre hindurch in stiller Hingebung seine spärliche Muße einem Werke zn widmen, das, lediglich zur Förderung der Wissenschaft bestimmt, ans Dank oder anch nur Beachtung seitens der breiten Massen niemals rechnen kann; das, nicht znr Plakatiernng und Anpreisung geeignet, nur von wenigen Fachgenossen gewürdigt werden wird. Man muß noch darauf gefaßt sein, eines Tages in die Arena herabgezerrt zn werden, um das Werk bei der Volksmenge, der der Gegenstand Heknba ist, vor Verunglimpfung und Schmähung zn verteidigen. Denn was die Liebe nicht vermag, bringt der glühende Haß zustande. Während ich selbst es mir niemals träumen ließ, daß meine „Sche8ltoth"-Edition mit dem von mir in hebräischer