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Die Wahrheit · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 5. Interessant dürfte es allerdings sein, das Gehaben und Gebaren in einer Gesellschaft, die ans lauter getauften Inden besteht, zu beobachten, und noch mehr die dort geführten Gespräche zu belauschen. Ich glaube, daß ein Fremder, ob Jude oder Christ, der in eine solche Gesellschaft plötzlich geraten würde, ohne deren Charakter zu kennen, eher die Empfindung haben würde, sich unter abgestandenen Inden als unter frischgebackenen Christen zu befinden. Vielleicht aber ließe sich den bedauernswerten Leuten auch noch ans eine andere Art als die im Inserat angegebene helfen. In dem letzten (VII.) des mit „Liberales Judentum" überschriebenen Artikel der ..Wahrheit" sagt Claude G. Montefi ore: „Die Männer jüdischer Nation brauchen durchaus nicht allein Mitglieder ein und desselben Typus jüdischer Religion oder der jüdischen Religion überhaupt zu sein" und „es kann sehr wohl Inden dem Glauben nach geben, die es nicht der Nationalität nach sind, und solche hinsichtlich der Nationalität, die nicht Inden dem Glauben nach sind". Monlefiore sagt das mit Bezug auf die nationalistische Bewegung im Judentum, mit Bezug ans die Zionisten. Wenn dem nun wirklich so wäre, so könnten ja die sich so einsam und verlassen fühlenden Getauften in die Gesellschaft der Zionisten eintreten. Dort würden sie Anregung und Unterhaltung genug finden. Ich zweifle aber, ob die letzteren sie ohne weiteres als gleichwertige und gleichberechtigte Mitglieder in ihre Gemeinschaft aufnehmen würden. Wohl haben berufene und noch mehr unberufene Vertreter des Zionismus des öfteren mündlich und schriftlich erklärt, daß den Zionisten die Religion ganz gleichgiltig sei, dennoch aber werden in deren Organen die Namen der ans der jüdischen Religiousgenossenschaft Ausgeschiedeuen veröffentlicht, was wohl das Gegenteil bezeugt. In einem vor kurzem in Böhmen vorgekommenen derartigen Falle hat in der Tat der Betroffene dagegen remonstriert und er klärt. bei den Deutschen ausgespielt haben und in ihrer Mehrheit auch nicht mehr im deutschen Lager zu finden sind. Dozent Dr. James Moser, ein nngelanfter Jude. Ein G e d e n k b l a t t. Molto: Wir sind in einer solchen Zeit, wo es den meisten an- Znrechnen ist als Wohltun. wenn sie übel nichr getan. M u t a n a b v i. Vor wenigen Wochen lief durch die Tagespresse die Nachricht vom Tode des Dozenten Moser. Ans der ..Neuen Freien" erfuhr man, daß der Verblichene spät erst sich dem Studium gewidmet, nachdem er schon im Bankfach tätig gewesen, daß er Ingenieur und der Erste war, der in Europa das von Edison erfundene Telephon dem Publikum demonstrierte, und zwar ans der Pariser Wettansstellnng, daß er ferner drei wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben, die von Akademien in Druck gelegt wurden und daß sein wissenschaftlicher Ehrgeiz durch seine Ernennung zum Privatdozenten in Wien gekrönt worden sei. An dieser letzteren Stelle angelangt, mußte ich über die wohlorientierte Zeitung lachen, trotzdem mich die Todesnachricht aufs tiefste erschüttert hatte. Daß der blühend anssehende Mann schon seit Jahren an Arterienverkalkling litt, hätte ich zwar nicht für möglich gehalten, aber ob dessen Ehrgeiz zur Ruhe gelangt sei oder nicht, das wußte ich denn doch besser; ist es nur doch noch in frischer Erinnerung, wie unsagbar ironisch er lächelte, als bei den Vortrügen über höhere Mathematik im Volksbildungsverein ein Hörer ihn ..Professor" titnlierte, wie er diese Apoftrophiernng spöttisch ablehnte und wie er ans meinen daß er nach wie vor als nationaler Jude und echter Zionist sich fühle. Als aber die Redaktion des betreffenden zionistischen! Blattes eine Bemerkung zu dieser Erklärung machte, so nahm! der Sohn des ans der israelitischen Religionsgenossenschaft! Ausgetretenen in dem Blatte das Wort und sagte kurz und > bündig, daß nicht allein privatim, sondern auch im offiziellen l Baseler Programm der Zionismus als ganz unabhängig von , der Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten Glanbensbekenntnisse! erklärt worden ist. Das Blatt machte zwar wieder eine Bemerkung. j Ans dieser war aber nur zu entnehmen, daß schon taktische j Gründe es den Zionisten zur Pflicht machen, Mitglieder der 1 jüdischen Knltnsgemeinde zu bleiben. Jedenfalls wäre es gut, wenn von berufener zionistischer! Seite einmal eine jeden Zweifel ansschließende Erklärung über! diesen Punkt abgegeben würde. In dem einen Falle würden! wahrscheinlich viele, die dem Zionismus jetzt noch ferne stehen, sich demselben anschließen, in dem anderen Falle möglicherweise; so viele Zionisten sich taufen lassen, daß die christlichen Mächte > keinen Anstand nehmen, wenn die Türkei sich entschließen würde,! Palästina den „christlichen Juden" zu überweisen. Einmal im j Besitze Palästinas, könnten ja die christlichen Inden dann wieder! jüdische Inden werden. Hoffentlich aber kommt es dazu doch! nicht, und wird der Zionismus nicht einmal zum Zwecke der! Erlangung von Palästina und auch nur zum Scheine von der ' jüdischen Religion sich losmachen-, vielmehr nach durchgemachler; Gärung und eingelretener Klärung sein jüdisch-religiöses Bewußtj sein stärker als jetzt hervortreten lasset! und dadurch die festeste; Stütze eines geistig und moralisch hochstehenden Judentums j werden. Von den Assimilanten ö. tont prix hingegen ist das j nicht zu hoffen, denn deren Endziel führt doch zur Taufe, wenn auch bei vielen erst im zweiten oder dritten Geschlecht. In den Sudetenländern und besonders in Böhmen ist noch das Schlimme damit verbunden, daß jene Assimilanten, soweit sie auf deutscher! Seite stehen, damit den Tschechen den Grund, wenn auch nur! den scheinbaren, znm Antisemitismus hergeben. Daß eine jüdische Frau bei den Exzessen in dem deutschen Bergreichenstein die Tschechen hochleben ließ, wird gewiß letztere nicht abhalten, bei ähnlichen Vorfällen in vorwiegend tschechischen Städten ihr Mütchen in erster Reihe an den dortigen Inden zu kühlen, ohne Rücksicht, daß die Juden seit einigen Jahren schon ihre Rolle scherzhaften Zwischenruf, vom Dozenten znm Professor sei es doch nur ein Schritt, wörtlich replizierte: „Ja. nach meinem Tode!" eine Falte des Leidens hatte sich währenddem scharf in seine Züge eingegraben. Dies gab mir zu denken, meine Phantasie begann zu arbeiten. Was konnte den Gelehrten an der Vorrückung gehindert haben? Bei zureichender Leistung und eminentem Können doch nur das Proteklionswesen, der Nepvtismlls. bei mittelmäßig wissenschaftlicher Qnalifikaiion doch nur eben diese allein, Tertinm non datnr. Wenigstens gab es für mich damals kein drittes. An der noch allenfalls möglichen, übrig bleibenden dritten, relativ am nächsten liegenden Ursache, daß nämlich Moser Jude sein könne, dachte ich vorbei: nicht im entferntesten ließ ich es mir beisallen, daß der Mann auf dem Podium vor mir. mit seiner vollendet weltmännischen Haltung, mit seinem scharfen, norddeutschen Akzent. Jude sei. Nicht mir die Christen hegen Vorurteile gegen uns, wir selbst besitzen sie und richten selbstmörderische Waffen gegen unsere eigene Brust. Nietzsche sagte: „Was könnten die Juden für eine Rolle in Europa spielen, wenn sie bessere Manieren hätten;" er steht mit dieser Halbwahrheit nicht allein, wir selbst sind von ihr durchdrungen und bedenken nich:, daß es auch viele blonde und gesittete Juden gibt; wir vergessen, daß B o g u m i l D a v i s o h n, der polnisch posensche Judenjnnge, einer der größten deutschen Schanspieler wurde und wir sind geneigt, in jedem gut sprechenden Menschen den Arier zit vermuten. Ich will es nur bekennen: als ich des nächsten Tages ans dem Partezettel die Konfession Mosers erfuhr, war meine Ueberraschung, die schon so hoch gestiegen, grenzenlos. Manches, was mir aus meinem Verkehre mit dem Gelehrten dunkel erschien — ich begegnete ihm oft des Winters im Prater — verlor nun sein Rätselhaftes. Wenn ich unter anderem von mehreren Schriftstellern sprach, als wären sie Christen, meinte er wegwerfend: „Das sind ja alle getaufte Inden;" verdienen solche Individuen auch gewißlich Verachtung, so glaubte ich nun dennoch aus dieser Aeußernng einen gewissen Antisemitismus heraushören zu sollen, ein Unbehagen, diese neugebackenen Täuflinge als Glaubensgenossen betrachten zu müssen. Wie Schuppen siel es nunmehr von meinen Angen, Moser also ein Jude, dies änderte meine Perspektive völlig. Wer war mehr berechtigt über schnöden Glaubenswechsel und schmutzigen Gewissensschacher herbe abzuurteilen, als jemand, der solchen vt-’ f*vTv

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