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Die Wahrheit · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 41 Eine Stelle dieses Artikels verdient auch einem größeren jüdischen Publikum mitgeteilt zu werden. „Die ungarische Geschichte hat der Nachkommenschaft die unbestreitbare Wahrheit hinterlassen, daß der ungarische Jude für sein ungarisches Vaterland auf dem Schlachtfelde heldenmütig zu kämpfen und, wenn es sein muß, auch zu sterben weiß." Was aber die Fragestellung anbelangt, so ist es mehr als selbstverständlich, daß die Jndenhcit mit den Herren Wellner und Konsorten keine Art von Gemeinschaft hat. ❖ Die kürzlich erfolgte Ernennung eines jüdischen Feldmarschalls in Oesterreich veranlaßt die „Voss. Ztg." zu folgenden Bemerkungen: Franz Joses L, Kaiser von Oesterreich, apostolischer König von Ungarn, hat den General Ritter v. S ch w e i tz e r zum Feldmarschallentnant mit dem Prädikat Exzellenz ernannt. Was kümmert das die deutschen Leser? Doch, es kümmert sie. Ist ihnen der General v. Schweitzer unbekannt und gleichgiltig, so werden sie für seine Beförderung das nötige Interesse gewinnen, wenn sie erfahren, daß der General Jude ist. Feldmarschalleutuant v. Schweitzer ist Jude und scheut sich so ivenig seinen Glauben zu bekennen, daß er am jüngsten Bersvhnungsfest, angetan mit der Generalsunisorm und allen seinen Orden, in der Synagoge seine Andacht verrichtet hat. So geschehen in der habsbnrgischen Monarchie, die man einst als Hort der Reaktion im Gegensatz zu Preußen, dem Lande des Fortschrittes, anzufehen gewohnt war. In Preußen hat es einmal einen jüdischen Major in der aktiven Armee gegeben. Aber lang, lang ist es her. Als „der König ries und alle, alle kamen", im Jahre 1813, da eilte mit vielen seiner Glaubensgenossen auch ein junger Mann, namens Burg, zu den Fahnen. Er wurde Offizier, wurde fpäter Lehrer an der Artillerie- und Ingenieurschule, seine Bücher wurden in allen Artillerieschnlen des Staates eingesührt, und als ein jüdischer Portepeefähnrich bei der Beförderung übergangen wurde, verfügte Prinz August von Preußen, daß er sofort eingegebeu werde; denn es sei die Religion kein Hindernis, „so wie solches bei dem Leutnant Burg, der auch Jude ist, nicht der Fall war. und es hat sich dieser Offizier so bewährt, daß er keinem seiner christlichen Kameraden nachsteht." Burg wurde schließlich Major. In vormärzlicher Zeit. Er bezeugt in der Geschichte seines Dienstlebens, daß ihm in seiner militärischen Laufbahn sein Glaube niemals ernstlich geschadet habe. Aber als die Verfassung erlassen war, die den Inden die Gleichberechtigung verbürgte, schrieb Burg, im Jahre 1853, das hin und wieder sich zeigende Vorurteil rverde sich llicht mit einemmal beseitigen lassen. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Zahlreiche Juden haben für ihr deutsches Vaterland gckämpft und geblutet. Ihrer mancher ist von den französischen Schlachtfeldern nicht heimgekehrt; manchen anderen schmückt das Eiserne Kreuz. Aber es gibt seit Menschengedenken keinen aktiven jüdischen Offizier mehr im preltßischen Heer, und seit bald dreißig Jahren wird auch kein Jude mehr Reserveoffizier. Allerdings, als die mörderischen Kämpfe in Südwestasrika ausgebrochen waren, war einer der ersten, die als Blutzeugen patriotischer Pflichterfüllung fielen, eilt jüdischer Offizier. Der Regierungsbanmeister Josef Bendix blieb in dem Gefecht von Ovikokorero, am 13. März 1904. Aber nicht in Preußen hatte er die Epauletten erhalten. Um sie zu erlangen, hatte er nach Bayern gehen müssen, tlach dem Süden, dem Preußen, wie einst Bismarck glaubte, viel zu liberal ist. Es gibt immer noch eine Mainlinie in Deutschland. Das Vorurteil wuchert üppig in Preußen weiter. In Oesterreich ist ein Jude Feldmarschallentnant geworden; in Frankreich gibt es jüdische Oberste und Generale; in Italien hat der Jude Ottolenghi Kriegsminister sein können und als solcher vom deutschen Kaiser das Großkreuz des Roten Adlerordeus erhalten; in Preußen aber vermag seit einem Menschenalter kein Jude es zum Reservelentnant zu bringen. Nahezu allenthalben in der Knlturwelt gilt für die militärische Laufbahn der Grundsatz: Glaube, was du willst, und tue, was du sollst! Für diesen Grundsatz ist in seiner Kabinettsorder Wilhelm II. eingetreten. Wann aber wird der Tag kommen, wo in Preußen der Augenschein zeigt, daß die Gleichberechtigung auch in der Praxis zur allgemeinen Anerkennung gelangt ist? * Bulgarien, das jetzt im Zentrum des Interesses steht, hat eine interessante jüdische Geschichte auszuweisen. Die erste Judengemeinde des Landes wurde vor etwa 1600 Jahren gegründet, und ihre Zahl mehrte sich ständig. Als das Bulgarenreich im 12. Jahrhundert mit Venedig, Ragnsa und Genna in Handelsverbindungen kam, gründeten viele jüdische Kanfleute dieser Städte Niederlassungen in den bulgarischen Donanhäsen und der jüdische Einfluß kam aus diese Weise zu immer größerer Geltung im Lande. Als um das Jahr 1290 die Tataren in Bulgarien einfielen, wurde ihr Heerführer bei der Belagerung von Tirnowo von einem Inden getötet. Vierzig Jahre später nahm Zar Iwan Alexander eine schöne Jüdin, namens Sarah, zur Frau, die als Zarin Feodora einen wesentlichen Anteil an der Regierung nahm. Beim Tode Iwan Alexanders kam der Sohn der jüdischen Zarin, Iwan Tschitschmann, zur Regierung, der zahlreichen jüdischen Flüchtlingen ans Ungarn Ausnahme in sein Reich gewährte. Unter der Türkenherrschaft lebten die Inden Bulgariens ebenso wie die der anderen Provinzen des Reiches, und wir haben keine Kenntnis von irgendwelchen besonderen Vorkommnissen. Dagegen haben die Inden im Jahre 1877 bei dem großen Brande von Sofia sich um die Rettung der Stadt sehr verdient gemacht, und in Anerkennung dieser Tatsache bestimmte Fürst Alexander im Jahre 1879, daß die Feuerwehr von Sofia ans jüdischen Bürgern gebildet werden sollte. Im Kriege gegen Serbien (1885) fochten die bulgarischen Inden mit großer Anszeichnnng. und Fürst Alexander hob ihre Verdienste besonders hervor, indem er sie „echte Nachkommen der alten Makkabäer" nannte. Gegenwärtig besitzen die Juden zwar nominell alle Bürgerrechte, tatsächlich aber unterliegen sie allen möglichen Beschränkungen, und noch vor wenigen Wochen hatten die Ausschreitungen und Rechtsbeschränkungen einen solchen Umfang angenommen, daß zahlreiche Juden Bulgariens nach der Türkei answauderten, eine Bewegung, die angesichts der gegenwärtigen Vorkommnisse wohl itvch weiteren Umfang annehmen dürste. Getaufte Jude»». In einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes war ein Zeitnngsinserat reproduziert, mittelst dessen ein speknlativerJude jemanden sucht, der ihn für Geld und gute Worte einen hochgestellten und einflußreichen Taufpaten verschaffen würde. Sie, Herr Redakteur, haben die Absicht erkannt und waren darüber nicht verstimmt, da Sie dieselbe in launiger Weise anseinandersetzten. Ich denke, daß das Inserat seine Wirkung bereits getan hat, denn es gibt ja Leute genug, die für Geld alles vermitteln und auch reiche und hochgestellte Herren, die, um eine jüdische Seele zu fangen und dem Heile znznführen, Geld zu opfern bereit und mit Versprechungen noch splendider sind als mit diesem. Dieselben lassen zwar Hunderte und Tausende ihrer als Christen geborenen Glaubensbrüder in Not und Elend vergehen, vor welchen sie sie durch rechtzeitige Hilfe oder auch nur durch Zahlung besserer Arbeitslöhne schützen könnten; aber eine Jndenseele hat bei ihnen einen höheren Wert. Ob der betreffende Inserent anch schon die Taufe empfangen hat, weiß ich nicht. Gleichwohl will ich ihm ein Inserat bekanntgeben, welches ein bereits Getaufter am zweiten Tage des jüdischen Neujahrsfestes im „Prager Tagblatt" veröffentlicht hat. Dasselbe lautete: Israeliten, welche aus der jüdischen Gemeinschaft ansgetreten sind und sich taufen ließen, werden behufs freundschaftlicher Bereinigung gebeten, ihre Adressen unter Chiffre „L i e b e 20" eiuznsenhen, wo ihnen Näheres mitgeteilt wird. Hauptpost restante gegen Schein. Ans diesem Inserate wird er und seinesgleichen entnehmen können, daß die Getauften eine gesellschaftliche Klaffe für sich bilden müssen, da sie sowohl von Christen als auch von Juden gemieden werden, oder auch, weil sie wegen des Zwiespaltes in ihrer Seele sich weder bei diesen noch bei jenen behaglich fühlen.

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