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Die Wahrheit · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Slrbaftion 11. Ulbminilti iUtou: Wie». 11/, Shntara^afje 27.1 Tflfl>D»ii bfv Tnuttrss löSlli | fl. f. österr. Postsparkassa-! Scheck-Konto Nr. 100.918. j Unl'cvats.* Dir viermal geivnNeiie Stonvareilie-.'teile L5 Heller. NovniiciiiciitS- >!. Huieiltout- Bfträij; und in SNiei, zadldar imb (luabnc. Unabhängige Heiifchrift für jüöischl Aniere^eu. Erscheint jeden Kreitn»;. Motto: „Das Ölegel Uoctes lsL Wahrheit!“ ' MiuislitOvirt ...» 14.—; Önlbjnbria' 1k 7 — ftiit CiiltnSbemnte: <M.iiilliiit)ii,i » la. Für NuSliiud: >a„iijitchrla ...» ivk.irc 6 Nudel oder I« ,scr. Ar. 41. Wie». 23. Oktober 1908. Inhalt: Aus der Woche. — Getaufte Juden. — Dezent James Moser, ein ungetanster Jude. — Meine Edition der „Schetzltoth des Nab Acha". — Die neue jüdische Kolouisationsorganisation. — Unerbauliches aus unseren Verkäufern. — Auswanderung nach Amerika. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Austritte ans dem Judentum. — Feuilleton: Moses. Ans der Woche. Die am 26. Oktober stattfindenden Wiener Landtagswahlen i bieten vom Standpunkte ,des jüdischen und fortschrittlichen , Wählers nur wenig Interesse. Wien liegt noch immer im Banne! der christlich-sozialen Partei und nur in dem einen oder anderen 1 Bezirke, wo Sozialdemokraten und Inden die Majorität bilden,! hat der fortschrittliche oder sozialdemokratische Kandidat, salls! die Wahlgeometrie des Rathauses ihnen nicht einen Strich durch j die Rechnung macht, einige Aussicht auf Erfolg. So liegen die! Verhältnisse namentlich in der Leopoldstadt, wo in jüdischen j Kreisen, die für die Majorität ausschlaggebend sind, für die! Kandidaten der freisinnigen und sozialdemokratischen Partei! Stimmung gemacht, wird. Viele jüdische Wähler können sich j wohl weder für die einen noch für die anderen besonders er-! wärmen, denn mit den ersteren teilen sie nicht den exponierten ' Standpunkt in der Ehe- und Schulfrage, und von den letzteren trennt sie die breite Kluft, die zwischen den bürgerlichen Parteien : und der Sozialdemokratie überhaupt besteht, aber im Kampfe gegen den Antisemitismus werden wohl alle Juden am Wahltage ihre Pflicht zn erfüllen wissen. * * Der Termin für die Wiener Kultnswahlen ist auch nicht mehr ferne und die Wahlbewegnug beginnt bereits lebhafter zu werden. Die zionistische und nationaljüdische Opposition gibt sich diesmal großen Hoffnungen hin, die aber kaum in Erfüllung gehen dürften. Einerseits ihre ntopistische Forderung nach allgemeinem Wahlrecht in der Kultnsgemeinde, andererseits die rüden Angriffe gegen den Knltnsvorstand, die von den antisemitischen Blättern mit breitem Behagen wiedergegeben werden, können in ernsten Wählerkreisen keine Billigung finden, und so wird wohl auch bei der Henrigen Wahl die offizielle Liste durchdringeu. * Daß die galizischen Behörden sich bemühen, in ihrer Politik den Inden gegenüber russische Muster nachznahmen, ist seit langem bekannt. Wie geschickt sie praktisch die hier nichtvorhaudeneu russischen Judengesetze zu ersetzen wissen, zeigt das Verhalten j gewisser Schuldirektoren. Obwohl die berüchtigte Resolution j Schmid im österreichischen Reichsrat bekanntlich abgelehnt wurde, die, ganz wie in Rußland, die Juden zu den mittleren und höheren Schulen nur nach einer bestimmten prozentualen Norm zulasfen wollte, führen diese Direktoren den Willen des Herrn Schmid und seiner Gesinnungsgenossen praktisch aus. indem sie jüdischen Eltern, die ihre Kinder an dem betreffenden Gymnasium oder der Mittelschule usw. nnterbringen wollen, mit bedauerndem Achselzucken die Antwort geben, die A n st a l t sei bereits überfüllt. Und da helfen weder Bitten noch Proteste. Wenn der Herr Direktor sagt, daß die Anstalt überfüllt ist, dann ist sie eben überfüllt. — auch wenn hinterher noch eine ganze Anzahl christlicher Schüler ausgenommen werden! Dieses Schauspiel wiederholt sich in einer ganzen Reihe von Anstalten Jahr für Jahr, und die jüdischen Eltern müssen von einer Schute zur andern wandern, um ihre Kinder irgendwo unterznbringen. Ans diese höchst einfache Art ersetzt man in Galizien die nichtvorhandenen antisemitischen Gesetze. Am verflossenen Stefauslage haben in der Hauptstadt Ungarns große katholische Prozessionen, und auch stürmische sozialistische Demonstrationen stattgefunden. Leider arteten letztere in Tätlichkeiten aus, so daß die Polizei Ordnung schaffen mußte, wobei dieselben nicht gerade mit Glacehandschuhen angefaßt haben soll. Leider befanden sich unter den verhafteten Demonstranten auch einige halbreife jüdische Jünglinge, was aber noch bedauerlicher, stehen an der Spitze der, diese Katholikenhetze veranstalteten Sozialisten auch einige Demagogen jüdischen Namens, denn daß diese Herren nur noch dem Namen nach dem Inden rum angehören, und zum Teil sogar getauft oder kousessiouslos sind, die sämtlich aber den Heiligtümern ihres Stammes gegenüber ebenso feindlich gesinnt sind, wie z. B. der katholischen Kirche gegenüber — ist eine allbekannte Tatsache. Doch nahmen bedauerlicherweise hieraus gewisse antisemitische Blätter Anlaß, die ganze Demonstration den Juden in die Schuhe schieben zn wollen, die doch in ihrer überwiegenden Mehrheit ebensowenig Gemeinschaft mit den demagogischen Umtrieben einiger den Traditionen ihres Stammes völlig fremd gewordenen Hitzköpfe haben, wie z, B. die an der Prozession beteiligten Laien und Geistlichen mit den sie mit gröbsten Insulten nmbraufeuden der katholischen und protestantischen Religion angehörenden sozialistischen Arbeitern. Selbst das politische Blatt „Nemzeli Allam", dessen Chefredakienr der Reichstagsabgeordnete Julius Hody ist. welcher der Judenheit gegenüber gewiß nicht feindlich gesinnt ist, — war er es doch, der eine Deputation der sabbathaltenden jüdischen Kauflente in Angelegenheit der neuen Regelung der Sonntagsruhe zum Handelsminister Franz Kossuth geführt und für ihr Ansuchen plädiert hat, — selbst dieses Blatt sieht sich infolge erwähnter Demonstration veranlaßt, an die Judenheit Ungarns die Frage zu richten, ob dieselbe sich mit den internationalen Sozialisten identifiziert rc.

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