Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 11. *7 Rr, 40 Die Wahrhen waren darunter gar manche Leidensstationeu, aber auch solche voller Ehren, Anerkennung und Auszeichnung für den „Wunderknaben", an denen sich der Mut und die Schaffenskraft des seine hohe Aufgabe nie ans den Angen verlierenden Kunstjüngers stets aufrichtete, und wie die von dichten Wolken verdeckte Sonne dieselben siegreich durchdringt, um dann desto Heller zu strahlen, besiegte auch der genial veranlagte junge Mann all die seinem ernsten Streben sich entgegenstellenden Hindernisse, um am Ziele seiner Wanderung sich die Herzelt einer ganzen, großen hervorragenden Gemeinde zu erobern und zufolge seiner eminenten Eigenschaften, feines musterhaften, seinem hohen Berufe entsprechenden Lebenswandels und biederen, männlichen Charakters die ungeheuchelte Hochachtung einer ganzen Stadt zu erringen und zu erhalten. So möge denn das Jubiläum Oberkantor Goldsteins sowohl für ihn, als auch die Gesamtgemeinde ein ehren- und freudenreiches sein! Möge es dem wackeren Jubilar gegönnt lein, noch eine lange Reihe von Jahren im Vollbesitze seiner Körper- und Sangeskraft zur Ehre Gottes, zur Freude seiner unzähligen Freunde und Verehrer in Nah und Fern, und zum Stolze seiner Bernfsgenossen segensreich zu wirken und mit neuen Schöpfungen feiner erhabenen Muse tausende Herzen zu entzücken! I. H e i t l e r. Fenilleton. ßhaim'l Dziendoöry. Ein Kulturbild aus dem Osten von Oberkantor M. A. Landau, Wr.-Neustadt (Schluß.) Die Gefühle, die mich damals beseelten, kann ich Ihnen nicht schildern. Ich machte mir ob meines Schrittes die bittersten Vorwürfe; was mußten meine Eltern von mir denken? Ich wollte ihnen alles, alles erzählen, sie um Verzeihung stehen, mich zu ihren Füßen werfen. Als ich aber im Orte ankam — d a würben mir zwei frisch aufg eworfene Grabhügel gezeigt. Ich warf mich wie wahnsinnig zu Boden, ich schrie und wimmerte, weinte und jammerte — aber es war unnütz, es war zu spät! Mit eigenen Händen habe i ch das Grab meiner geliebten Eltern gegraben!" Ein heftiges Schluchzen ließ den armen Alten wieder innehalten. Lange weinte er vor sich hin, dann sprach er wieder weiter, aber in ganz anderem Tone, lvie getstesabwesend; dumpf klang seine Stimme, wie ans einem Grabe. „Seit der Zeit hat das Leben jeden Reiz für mich verloren.- Ich bin ein Feind jeder Freude und möchte nur Rache üben, Rache an der ganzen Menschheit. Hätte ich nur in dem Fleische dieses Ungeheuers wühlen können, das die Ursache meines Unglückes, die Ursache des jähen Todes meiner Eltern war. Dieser saubere Patron wurde aber kurz vor meiner Taufe am Dachboden erhängt aufgefnnden — ein Betrngsprozeß stand ihm unmittelbar bevor. So hat er sich selbst gerichtet. Nun begab ich mich, um allen Bekannten anszuweichen, nach Lemberg, wo ich bald mit Jakob B o d e k, Mendel Mohr und Nachman F i s ch m a n n bekannt wurde und mit ihnen in den ,J e r u s a l e mheften* mitarbeitete. Auch der Dichter des Mg.88v Zufon£, Goldberg und Samson Bloch, der Verfasser des ,Schewile Olam4, wurden meine intimen Freunde; keiner wollte es glauben, daß ich getauft sei.*) Ich hätte infolge des anregenden Verkehres bald an alles vergessen, aber leider sind die Folgen der Aufregung und der fortlvährenden inneren Schmerzen nicht ausgeblieben. Ich verfiel plötzlich in ein schweres Nervenleiden, bekam auch Tobsuchtsanfälle und wurde in der Landesirrenaustalt *) Hier will ich einer kleinen interessanten Episode aus jener Zeit Erwähnung tun. Tarier, der in Lemberg einen Bier- und Weinschank hatte, wurde von einem der jungen Leute mit den Worten apostrophiert: „Nozri, gib Bier her!" worauf Tarier ohne auch nur zu überlegen antwortete: „A d schelo nozarti eno kdaj, weachschow achenozarti k’ilu lo nozarti.“ Ein gelungenes Wortspiel mit Bezug auf Nozri (Nazaräer). Zu deutsch etwa: Solange ich kein Nazaräer war, war ich nichts; jetzt, wo ich einer bin, bin ich erst recht keiner! untergebracht, von wo ich aber als geheilt entlassen wurde. Im Jahre 1848 trat ich öffentlich zum Judentum über und begab mich, da ich von allen verlassen ward, hieher nach Krakau. Was hatte ich zu verlieren? Nur die Wunde, die mir jenes Ungeheuer geschlagen, der plötzliche Tod meiner geliebten Eltern, das wollte, das konnte nicht vernarben. So ging ich denn in mich gekehrt herum mtd weil ich jedermann höflich grüßte, wurde ich zum Spott der Großen und Kleinen; deshalb heiße ich auch wohl ,Dzien dobry*. Warum das Grüßen etwas Anstößiges sei — das zu begreifen bin ich nicht imstande. Wahrscheinlich gehört auch dies in jenes Kapitel des U nb e g r e i f l i ch e lt in der Bestie des Menschen! Jetzt ist mir schon alles gleichgiltig, mich kann nichts mehr irritieren, nur datm, wenn so ein feistes Bürscherl mit goldenen Ringen unter der Maske des Wohltätigen und Herablassenden mit mir seinen Spott treiben will — d a erwacht der alte Grimm lvieder, da möchte ich ihm vor Witt das Gesicht zerfleischen n n d d i e A u g e n a u s k r a tz e n. Ich wurde auch hier eine Zeitlang nt Verwahrung gehalten, aber nun ich schon alt und schwach bin, läßt man mich in Ruhe." Das ewige Licht stackerte in dem schaurig-düsteren Raume und ich blickte unwillkürlich auf meinen Nachbar. Da saß nicht mehr Chaim'l, da saß eine geknickte, grauenhaft aussehende Person, die aus dem Grabe gestiegen zu sein schien. Die Hände lagen schlaff und nachlässig in seinem Schoß, der Kopf war auf die Brust herabgesnnken, die sich in schwerem Atem bewegte und jedesmal stieß er herzzerbrechende Seufzer ans. „O, ich habe meinen Schritt der Uebereilnng bitter.gebüßt, bitter bezahlt mit einem Leben voll Qual und Marter. Wer weiß, wie lange dieses Dasein noch dauert; vielleicht bewahrheitet sich gar an mir die Sage vom ewigen I n d e n und auch der Tod wird mich fliehe lt! Merkwürdig! Manchmal empfinde ich Mitleid mit meiner Frau, obwohl sie doch auch einen großen Allteil an meinem Unglücke hat. Nur einmal habe ich etwas von ihr gehört; damals, als das Haus und Vermögen ihres Vaters versteigert wurde, soll sich ein Bruder ihrer Mutter in der Türkei ihrer angenommen haben. Was alts ihr dort geworden? Ich weiß es nicht. „Sehen Sie, mein lieber Freund, das ist das Los eines galizischen, jungen Mannes. Infolge der schlechten Erziehung durch Seine, die selbst unerfahren sind, infolge falscher Scham und dummer Rücksichten galizifcher Eltern müssen soviele arme Seelen unter der Last des ihnen aufgebürdeten schweren Kreuzes zusammenbrechen. Wie viele Talente, wie viele bedeutende Genies findet man unter diesen verkannten und verlachten Klausjünglingen? Aber, niemand will diese Talente e n t d e ck e n helfen, li i e m a n d k ü m m e r t s i ch u m s i e, die von L e i d e n s st a t i o n z u L e i d e n s st a t i o n ihr ganzes Leben wandern nt ü s s e lt!" Es wurde wieder ganz ruhig. Leise erhob ich mich und bedankte mich für das seltene Vertrauen, das er in mich gesetzt. Da faßte er meine Hand und drückte sie herzlich. „Es ist auch mir unbegreiflich, daß gerade Sie mich so interessierten und ich das Bedürfnis fühlte. Ihnen mein verwundetes Herz auszuschütten. Wahrscheinlich ist auch dies eine göttliche Bestimmung. Nun aber bleibe ich allein, allein mit mir und meinem bitteren Weh. Leben Sie wohl, junger Mann, leben Sie wohl und denken Sie auch an mich. Wer weiß, ob wir uns jemals Wiedersehen!" Ein heißer Tränenstrom rann ihm über die gebräunten Wangen herab, während ich mit einem unsagbaren Gefühl wieder auf die Gasse trat. Es war bereits tiefe Nacht und schwere, schwarze Wolken jagten am Himmel dahin, wo der Vollmond vergeblich durchzubrechen suchte. Da blies der Wächter vom Martenturme sein Lied, es war schon die elfte Stunde. Warum klangen die sonst so schönen Flügelhornröne so dumpf, so düster? Waren dies wieder die Grabestöne, die sich der schwer atmenden Brust des Greises entrangen? Mich beschlich plötzlich ein Gefühl solcher Trauer und auch mir perlten Tränen herab. Soll ich mich dieser Tränen vielleicht schämen?- hu