Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063458--05702-3072646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Nr. 40. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, das Abonnement sür das am 1. Oktober begonnene, wie auch die eventuell restlichen Abonnemeutsbeträge umgehend eiuzusenden. Oberkantor Mar Goldstein. Zu seine m 25j ä h r. A m t s j u b i l ä u m in der Kultusgemeinde Szombathely (Steiuamanger). Am 18. d. M., dem Festtage der Thorafreude, findet das 25jährige Anusjubiläum unseres m den weitesten Schichten der Stadtbevölkerurig geschätzten und beliebten Oberkantors, Herrn Max G o l d st e i u, statt und bei der freudigen Bewegung, der sich sür diesen Anlaß im Schoße der Gemeinde knndgibt, ist sicher anzunehmen, daß die an der Spitze der Gemeinde stehenden Männer mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen werden, um einem Mann gegenüber, der ein Vierteljahrhnndert lang im Dienste der Gemeinde steht und seinen Platz so glänzend aussüllt, den Dank und die Anerkennung der Gesamtgemeinde in einer nicht nur den Jubilar, sondern auch die Kultnsgemeinde ehrenden Weise würdigen Ausdruck zu verleihen. Die 25 Jahre der Wirksamkeit des Oberkantors stehen mit der Entwicklung und dem Fortschritte der Kultnsgemeinde in engster Verbindung und gewinnt dieses Jubiläum schon aus diesem Grunde auch sür diese selbst eine hohe, wichtige Bedeutung. Es wäre eine dankbare, aber auch interessante Aufgabe, einen Rückblick zu werfen auf all die Entwicklungsphasen, die diese während dieses langen Zeitraumes durchgemacht, ein Bild ihrer An- und Bestrebungen, ihrer Mühen und Kämpfe um ihr Dasein, der vielen großen materiellen Opfer, die sie dem Aufschwünge aus bescheidenen Anfängen der Gemeinde gebracht, zu entwerfen. Das überlassen wir dem späteren Chronisten. Wenn die heutige Szombathelyer isr. Kultusgemeinde einen Ehrenplatz unter den hervorragenden Gemeinden im Vaterlande einnimmt und sich auch im Anslande eines besonders guten Rufes erfreut, hat sie diese ehrende Anerkennung nicht nur ihrer musterhaften Organisation, ihren edlen, philantropischen Institutionen und Wohltätigkeitseinrichtungen, dem gesunden, zielbewußten, den Anforderungen der Zell Rechnung tragenden Fortschritte und ihren Musterbildungsanstalten zn danken, sondern auch ihrem herrlichen, würde- und weihevollen Gottesdienste und dem Schöpfer desselben, ihrem tüchtigen, durch und durch musikalisch gebildeten Oberkantor Max G o l d st e i n, der als Meister des Gesanges und genialer Komponist weit über die Grenzen seiner Wirksamkeit bekannt und berühmt ist. Ueber den Wert seiner Kompositionen, an denen sich auch unzählige Tempelbesucher so oft erquickten, sei uns gestattet, das Urteil eines gewiegten und strengen Kunstkritikers, Herrn Oberkantor I. Singe r in Wien, hier zn registrieren, der sich über dieselben in diesem Blatte folgendermaßen äußerte: „Von Oberkantor Goldstein liegen uns 5 Hefte von Synagogengesängen vor, deren Inhalt einen wahrhaft erquickenden Einblick in die Musikwerkstätte eines endlich einmal vollwertigen jüdischen Kantortomponisten gewährt. Gestehen wir es nur unumwunden zu, daß uns die Durchsicht dieser in strenge Gruppen gesonderten Kompositionen viele angenehme Stunden bereitete, indem wir zum erhebenden Bewußtsein gelangten, daß das jüdische Kantorat noch nicht verwaist ist, sondern immer wieder Männer heraureifen läßt, die mit musikalischem Zielbewußtsein ausgerüstet, auch ein ideales Verständnis für unsere heilige Liturgie ihr eigen nennen." Und dieser brave Mann wirkt seit 25 Jahren still und bescheiden, einzig und allein seinem hehren Berufe lebend, der ihn ganz erfüllt, in der hiesigen isr. Kultusgemeinde, und seine ausgezeichnete Wirksamkeit hat es bewirkt, daß die Begeisterung, mit welcher er bei seinem Amtsantritte hier empfangen wurde, nicht abgenommen hat und seine Beliebtheit von Tag zu Tag zunahm. Noch heute ist er gleichsam ein wundertätiger Magnet, der nicht nur seine Glaubensgenossen sondern häufig auch viele Bekenner anderer Konfessionen ins Gotteshaus zieht, die mit tiefer Andacht und unverhohlener Ergriffenheit seinem bestrickenden Gesänge lauschen. Wie denn nicht! Das Menschenherz ist wohl das schönste und kunstvollste Musikinstrument und nur wirklich von Gottbegnadigten ist es vergönnt, dasselbe richtig und verständnisvoll zu handhaben, und aus den wundervollen Saiten die in ihnen schlummernden Töne hervorznzaubern. Und Oberkantor Goldstein versteht diese seltene Kunst wie nur Wenige! Nach dem Sprüchworte lehrt Not beten. Doch eines Goldstein Gesang vermag das besser! Er ergreift die Herzen mit mächtiger Gewalt! Wenn er in mächtigen Tönen das Lob des Höchsten erschallen läßt, in welches die himmlischen Chöre ihren Sphärengesang mit einznstimmen scheinen, da jubeln all die Herzen der Zuhörer tief ergriffen ans, als fühlten sie die Nähe des höchsten Geistes sie umschweben, und auch wer seinen Gott längst wegphilosopdiert hat, stammelt: „Vater vergib! Herr wir loben Dich!" Und wenn bei der Seelengedächtnisfeier der stillwehmütige Gesang mit seinem süßem Zauber das Ohr der Andächtigen trifft, als würden all die ewigen Schläfer in der Mutter Erde unter dem Einflüsse dieser Wnndertöne erwachen, da erfüllt dieses Weh, himmlische Sehnsucht nach den Verklärten alle Herzen, und in das Auge, das da draußen im Kampfe des Lebens die Segnungen der Herzerleichterung durch Tränen verlernt, stiehlt sich unwillkürlich ein verräterisches, wohtnendes Naß, — es weint, schöpft Tränen aus dem unerschöpflichen Borne des Herzens, Trost und Ruhe, Glaube und Hoffnung, ja auch die große, edle Liebe zu den Menschen ziehen mit wonnigem Schauder in die Menschenbrust. Und das hat nicht die „Loreley", sondern der edle, erhebende Gesang des Oberkantors, unterstützt, von den brausenden, ergreifenden Tönen der Orgel und des Mitgesanges eines braven, tüchtig geschulten Chors getan! Viele junge, vom Genius der Kunst zu ihren bevorzugten Lieblingen auserkorene und mit einem ganzen Füllhorn reicher Gaben ausgestattete Sänger pflegen, namentlich am Anfänge der Laufbahn, wenn das Künstlerblut mächtig durch die Adern saust und der Sangesdrang sich nnr schwer eindämmen läßt, gleich jungen, mit großen Reichtümern gesegneten, heißblütigen Verschwendern, ihre Geistesschätze mit vollen Händen auszustreuen und von der Gier der Menge, mit der diese nach denselben hascht und vom heißen Verlangen nach „Jmmermehr" verleitet, von süßen Schmeichelworten begeisterter Verehrer gefangen genommen, vergessen sie oft weise Mäßigung im Ansteilen dieser Schätze und bedenken nicht, daß selbst die reichsten Quellen versagen, die ergiebigsten Bergwerke bei unrationeller Behandlung anstatt edlen Metalles oft minderwertiges liefern. Glücklich Derjenige, der noch zur rechten Zeit zur Erkenntnis dieser Wahrheit gelangt und klug und weise die ihm von Gott verliehenen Gaben zu hüten und zu gebrauchen weiß; er wird stets einen reichen „Reservefoud" dieser geistigen Schätze im Vorrat haben und braucht vor geistigem Fiasko oder Bankerott nicht zu fürchten, wenn auch die wetterwendische, verwöhnte Menge in der haushälterischen Einschränkung der Verabreichung dieser köstlichen Gaben einen solchen zu erblicken glaubt. Diese weise Zurückhaltung, die sich Oberkantor Goldstein zeitweise auserlegt, dürfte bei Manchem die irrige Meinung einer Verminderung der reichen Sangesschätze, über die er verfügt, Hervorrufen. Aber da öffnet der Oberkantor seine reiche Schatzkammer ganz unerwartet, da schimmerts und flimmerts, da findet man nicht nur den früheren, zauberischen Goldstein, sondern echte Brillanten, blendende Juwelen echter Kunst, an denen Augen, Ohren und die Herzen sich weiden, und laut und begeistert kündets einer dem andern: „Der Mann ist noch immer reich an unvergänglichen Schätzen, verfügt noch immer über frühere Reichtümer, nur ein bischen — geizig ist er geworden." Der Werdegang des geehrten Oberkantors, dessen „Lehr- und Wanderjahre" bieten eine Fülle interessanter Momente, und bedauern wir aufrichtig, uns das Vergnügen versagen zu müssen, diese für jetzt näher zn beleuchten. Der Weg von Jassy, dem Geburtsorte Goldsteins bis nach Szombathely, seiner jetzigen Heimat, war durchaus kein mit Rosen bestreuter; es