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Die Wahrheit · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit Leite 7. Es. ist eine Beschwerde erhoben worden gegen einen Beamten des Friedhofamtes. gegen einen nnserer bravsten, tüchtigsten rechtschaffensten, nnbedingt znverlüffigen Beamten, ich nenne ihn mit Namen: Heinrich Engel. Wir können nns zn den beiden Beamten, die wir hente nn der Spitze des Friedhofamtes haben: Freistadt nnd Engel, nnr beglückwünschen (Bravo, Bravo!). Sie sind ansgezeichnete Lente, ich erwähne nnr diese beiden Beamten, ich könnte anch andere nennen, aber in diesem Falle kommen nnr diese beiden in Betracht. Es hat sich folgender Fall ereignet: Zn einem Leichenbegängnisse waren 8 Wagen bestellt. Sie sind gekommen. Ein anderer Fiaker, ein fremder, der nicht bezahlt war, hat sich eingedrängt nnd hat dann Zahlung verlangt. Daranfhin hat die Partei erklärt, sie habe ohnehin die Wagen im Friedhosamte bezahlt, das gehe nicht an. Darüber ist eine Notiz zuerst im „Deutschen Volksblatt" erschienen, wobei allerdings das „Deutsche Volksblatt" noch schonend war. Es hat nämlich bemerkt, daß der betreffende Beamte eine Rechtfertigung gab, die vollkommen entspreche. Das war im „Deutschen Volksblatt". Der „Jüdischen Zeitung" hat dies aber nicht genügt, sie hat die Rechtfertigung ansgelassen und geschrieben: Sie werde eruieren, in wessen Tasche diese unrechtmäßig erworbenen Gelder stießen und in welcher Weise die Parteien bemogelt werden. Es hat Samstag abends die Friedhofkommission folgenden Beschluß gefaßt: „Die Kommission spricht über die in dem Artikel der ..Jüdischen Zeitung" vom 2. Oktober l. I. enthaltenen unqnalifizierbaren, durch nichts begründeten Angriffe ihre Entrüstung ans und votiert dem Friedhofbeamten Herrn Offizial Heinrich Engel das vollste Vertrauen. Diese Kundgebung ist im Wege des Präsidiums der Vertreterkolleginm und dem Plenum zur Kenntnis zu bringen." Ich erfülle mit Vergnügen die Aufgabe, indem ich mich dieser Eunuziation ihrem vollen Wortlaute nach anschließe. Hiemit ist meine Berichterstattung erledigt. Herr Banrat M a r m o r e k richtet an das Präsidium die Anfrage, bezw. das Ersuchen, ob es nicht möglich wäre, die Reklamationsfrist um 14 Tage.zu verlängern, um jenen Wühlern, welche mit der Knltnsstenerzahlnng für das laufende Jahr im Rückstände sind, Gelegenheit zur Wahrung ihres Wahlrechtes zu geben. Der Präsident erklärt, daß eine solche Verfügung im Hinblicke auf die strikten Bestimmungen der geltenden Wahlordnung unzulässig sei. Herr kais. Rat K a n d e r s stellt an das Präsidium die Anfrage, warum er als Kultusvorstand von den Wahlangelegenheiten bisher keine Kenntnis erhalten habe. Der Präsident erwidert, daß Herr kais. Rat Kanders verreist war und die betreffenden Wahlangelegenheiten in die Kompetenz des Vertreterkolleginms und des Präsidiums gehören. Sekretär Dr. Adler berichtet, daß der am 3. Mürz 1908 in Wien verstorbene Fabriksdirektor Josef Seidel sein Nachlaßvermögen der israelitischen Knltusgemeinde mit der Bestimmung testamentarisch vermacht habe, daß die Zinsenerträgnisse zur Verköstigung dürftiger jüdischer Mittel- und Hochschüler iu Wien zu verwenden seien. Die durchgeführte Verlaffeuschaftsabhandlnug, bei welcher in Vertretung des Knltnsvorstandes Herr Dr. Alfred Berger intervenierte, hat ergeben, daß abzüglich 2 Rentenlegate per zusammen L 1720.— zugunsten 2 erblasserischer Verwandter für den wohltätigen Zweck, d. i. die Ansspeisnng armer israelitischer Studierender, derzeit ein jährliches Zinsenerträgnis von zirka K 1200.— zur Verfügung steht. Gemäß dem Anträge des Vertreterkolleginms wird beschlossen, die Zinsenerträgnisse auf 5 Jahre der israel. Speise- Anstalt zur Verwendung im Sinne der letztwilligen Anordnung zuznweisen. Herrn Dr. Alfred Berger wird für seine Intervention der Dank des Knltnsvorstandes votiert. Schluß der öffentlichen Sitzung 7% Uhr abends. Uoch einmal Rabbiner nnd Kantor von Oberkautor David Meifel, Karlstadt. Der Artikel „Reflexionen" des Herrn Religionslehrers M. Mandl in Nr. 39 der „Wahrheit", enthält den Passus: „Angeblich soll das Sturmlanfen vieler Rabbiner gegen die Kantoren dadurch entstanden sein, well letztere einen Nachweis der abgelegten Fachstudien und den gesetzlich geschützten Titel „Kantor" in einer Wiener Resolution beanspruchten. Wir Lehrer strebeil anch ein höheres Niveau an, wollen anch, daß n n r Berufene zngelassen und von der Behörde bestätigt werden, und siehe da, w i r wurden nicht mißverstanden; unser ernstes Streben bildete das Entgegenkommen auf halbem Wege." Das heißt mit anderen Worten: Die Kantoren haben es nicht wie die Lehrer verstanden, ihren Wünschen den Rabbinen gegenüber Geltung gn verschaffen und nicht diese, sondern die Kantoren tragen die Schuld daran, daß die geschilderten Zustände nicht besser sind. Diese Hypothese ist falsch. Abgesehen davon, daß der Vergleich zwischen Kantor und Lehrer schon deshalb hinkt, weil der Staat sowohl wie die Knltnsgemeinden durch Gründung guter Schulen und Slipendiernng der Kandidaten den Lehrern Gelegenheit geben, ihre Ausbildung mit Leichtigkeit zu erreichen, während man der Meinung ist, daß Kantoren wild wachsen oder vom Himmel fallen, sind anch die A e m t e r des Kantors und des Lehrers in ihrem Verhältnisse zu dem des Rabbiners nicht zu vergleichen. Denn das, was die Kirche aller anderen Konfessionen dem Geistlichen übertragen hat, das übergab die Synagoge — mit Ausnahme der Predigt nicht dem Rabbiner, sondern wie die nachstehenden Zitate beweisen, dem Kantor, wovon die christlichen Regierungen aller Staaten und Länder keine Kenntnis haben können. Hervorragende Rabbiner größerer und auch kleiner Gemeiuden, die rastlos arbeiten, dadurch Gediegenes leisten und es demzufolge nicht nötig haben, auf den Wirkungskreis Anderer mit den Augen der Mißgitnst zu blicken, geniert diese Tatsache nicht nur nicht, sondern sie sind als Förderer alles Guten und Nützlichen im Jndentnme glücklich, wenn der Kantor nach jeder Richtung hin auf der Höhe seiner Aufgabe steht. Anders aber manche kleine Rabbinen kleiner Gemeinden, diese erblicken leider in dem guten Kantor ans obigem Grunde einen gefährlichen Rivalen und deshalb sind sie unerbittliche Gegner des Bestrebens, daß die Kantoren sich durch Intelligenz, allgemeine Bildung und höhere Fachbildung auszeichnen. Zn der Höhe eines S t e i n t h a l können sich diese Herren eben nicht anfschwingen und deshalb die große Nervosität! Nämlich Steinthal schreibt (Ueber Juden und Jndeutnm, Seite 265): „Einer der wichtigsten Züge im religiösen Leben ist der, daß man bei uns den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht kennt. Solange der Tempel stand, gab es allerdings Priester, diese waren aber keine Geistlichen. Ihnen gegenüber galt in Bezug auf den Altardienst jeder Israelit als Fremder, das heißt, als davon durch das Gesetz ausgeschlossen; aber auch die meisten Propheten und Gelehrten waren in dieser Hinsicht andere, und doch wahrlich nicht Laien, nnd galten noch weniger etwa gar für profan. So bedeutsame Züge können nur ans dem innersten Wesen und der gesamten Geschichte eines Volkes erklärt werden; aber es lassen sich einzelne Seiten ans dem Leben und dem Temperament eines Volkes angeben, welche solche Züge gefördert und zu voller Wirksamkeit gebracht haben. Und so meine ich. daß die Liebe der Inden zum Gesang einen bedeutenden Einfluß darauf geübt hat, daß jener verderbliche Gegensatz zwischen Geistlichen und Laien unter den Inden nicht anskommen konnte. Bei aller Hochachtung vor Gelehrsamkeit, welcher man die Entscheidung in allen zweifelhaften Fällen überließ, machte man doch zum Vorbeter viel lieber einen Mann mit wohltönender Stimme als den bloß gelehrten. Die Trennung der Tätigkeiten der Rabbinen und der Vorbeter ließ den ausschließlichen Vorrang keines von beiden anfkommen. -leim

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