Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Nr. 39. reite 10. Ja»»»» Kippur in Schul'. Von PF. Andächtig steht der Beter Schar in weiß' Gewand gehüllt, Von leisem Murmeln zauberhaft, der ganze Raum erfüllt. Dort steht der Chasen dieser Schul' und trägt Selichaus vor, Inbrünstig aus der Tiefe steigt zu Gott Gebet empor. Und hinten hört man schluchzen laut, die Weiber jammern, klagen, (Doch müssen sie der Nachbarin auch manchmal etwas sagend, Jetzt hört man Schläge auf die Brust und Worte stammeln alle Und immer dumpfer klingt der Ton in der Gebetes Halle. Drauf tritt vor die Gefetzesroll' ein Mann im weißen Kleide, Ans seinen Augen schauen drein die Trauer und die Freude. Die Trauer, ob der Sünden, die im alten Jahr begangen, Die Freude, mit deni neuen Jahr ein neu' Leben anzufangen. Dann lautes Weinen, Wehgeschrei, denn mau gedenkt der Toten, Die der allmächt'ge güt'ge Gott zu sich herauf entboten. Still wird es drauf im heil'gen Raum, da Mussaf man verrichtet, Dann hebt der Ohassu mächtig an und singt, was da gedichtet. Und als er zu Olenu kommt, da beugt sich alles nieder, Ein jeder sinket auf die Knie', es tönen Wehmutslieder.- Schon ist der halbe Tag vollbracht in heil'gen Weihgebeten. Da Männer, Weiber, Kinder all zur Äkinolia jetzt hintreten, Ein jeder sagt, sich wohl bewußt, zum letztenmal „Koswenu“ Und setztet zu „Neilah“, daun das große Wort „Chosmenu“. Daun hört man noch das heil'ge „Ed“ und „Boruch schem kewaut“ Und „adaunoj hu elauhim“ ertönt zum Schlüsse laut. Es tönt noch ein einz'ger Ton aus „Lehautors“ mächt'ger Kehle, O, möge doch gedrungen sein der Ton in Herz und Seele. Nun sendet der allmächt'ge Gott den Engel zu Dir nieder. Auf daß Du ihm die Sündenlast legst auf sein leicht Gefieder Und neugeboren kehrst Du heim, beginnst ein neues Leben, Doch alles ist in Gottes Hand, was wird das Neujahr geben? Die Wirksamkeit -es 2. Kantors. Ueber dieses Thema wurde in unserem Fachorgaue noch herzlich wenig geschrieben, obwohl dem zweiten Kantor ebenfalls ein weiter Raum im jüdischen Kultus eingeräumt ist. Wenn wir beim Oberkautor, ersten Kantor, Hanptkantor, oder wie immer er geuannr wird, hauptsächlich das musikalische Moment, den freien Vortrag, das Singen mit der Orgel und dem Chore hervorheben, so steht für den zweiten oder Unterkantor das liturgische Moment im Vordergründe. Wie wichtig dasselbe ist und welche Fülle von Vortragsweisen geboten werden können, zeigen uns die Schacharessim der hohen Festtage, das Sabbatmorgengebet, das Gebet am Ausgange des Sabbates, die Wochentaggebete rc. Nun sollte man glauben, daß die Vorbildung des zweiten 'Kantors nicht weniger sorgfältig behandelt wird, als die des ersten, da doch der Unterkantor ebenso fest im Sattel sein muß, wie der Oberkantor; aber unsere Beobachtungen haben uns gelehrt, daß z. B. betreffs der festgefügten Sangesweisen des Wochentags- und Sabbatniguns recht viel gesündigt wird. Man hört zuweilen in Gotteshäusern Wochentagsgebete mit Sabbatanklängen und Sabbatgebete mit Wochentagsnigun, Pismonim an Selichot- und Fasttagen mit unglaublichen Vortragsweisen, so daß man sich fragen muß, wo bleiben dem: die herrlichen Nigunim unserer Altvordern? Sind sie schon auf dem Aussterbeetat? Es erscheint daher für junge Kantorei», auch wenn sie die Stelle eines ersten Kantors einnehmen wollen, vorher doch notwendig, daß sie eine längere Zeit als zweite Kantoren unter bewährter Leitung einer ersten Kraft fungieren. Schreiber dieser Zeilen hat auch einige Zeit erst als zweite Kraft fungiert, den älteren Oberkantor teilweise substituiert und dann erst als Oberkantor vorrückend, seine Stellung ausgefüllt; und so haben es sehr viele aspirierende Eleven gemacht, welche heute große Stellungen innehaben. Es ist nicht zu leugnen, daß sich für die Stelle eines zweiten Kantors immer weniger Petenten melden, als für erste Stellen, denn jeder, der nur mit halbwegs sonorer Stimme begabt ist. fühlt in sich das Verlangen, Größeres zu bewältigen, wenn er es auch nicht imstande ist. Er nimmt lieber den Posten in kleineren Gemeinden an, um ganz selbständig zu sein, auch wenn es für ihn in physischer Beziehung anstrengender ist, als in großen Gemeinden, wo er dem ersten Kantor unterstehen soll. Solche, sich selbst vergötternde Charaktere bringen es gewöhnlich nicht weit, und wenn dem ganzen Stande das Odium der Einbildung, ich will es uicht ärger nennen, auhaftet, so sind solche Individuen daran schuld. Der Kluge jedoch wird sich sagen müssen, ich ziehe die Stelle eines -zweiten Kantors dem des ersten schon aus dem Grunde vor (die Verhältnisse, das Alter rc. spielen ja dabei auch eine wesentliche Rolle), weil ich der Aufgabe nicht gewachsen bin, und was das materielle Moment betrifft, so hat der zweite Kantor, indem er manch anderes Amt noch verwaltet, oft entschieden bessere Einkünste als der erste. Nur kommt es vor, daß ein Amt mit dem anderen kollidiert, und es wird manchmal etwas Selbstverleugnung -dazu gehören, Funktionen zu übernehmen, für die er eigentlich nicht berufen scheint. So scheiterte mancher Anfänger, indem z. B. der Vorstand von ihm verlangte, er soll das Inkasso der Gemeinde besorgen, Gelder für die Brüderschaften eiukassieren, das Auzünden der Jahrzeitlichter besorgen, dem Vorstande in jeder Amtsstunde über alles Bericht erstatten und sonstige Wege und Kommissionen machen, wozu allerdings ein ernst strebender Mensch uicht leicht zu haben ist und was auch der Würde des kamoralen Amtes zuwiderlüuft. Wer hier nicht, wie das Sprichwort sagt, „große Rosinen im Kopse hat," wird, wenn er z. B. Familienvater ist, sich uicht viel daraus machen und das für ihn Näherliegende nehmen, um sich eine sorgenfreie Existenz zu gründen, wer aber noch jugendlichen Drang nach höheren Aufgaben besitzt und ledig jeder Sorge ist, der wird sich an solche Pflichten nicht binden und so lange suchen, bis die richtige Stellung erstrebt ist, die seinen Kenntnissen angemessen erscheint. So ist es vielen Kantorbeflissenen gegangen, insolange sie noch die Kraft in sich fühlten, mit ihren Kenntnissen vorwärtszustreben, und manchem ist bittere Enttäuschung nicht erspart geblieben, wenn das Streben nicht immer von Erfolg gekrönt war. Unter den heutigen Verhältnissen verlangt jede Gemeinde, wenn sie die Stelle eines ersten Kantors zu besetzen hat, daß der Kompetierende musikalisch, gesanglich und hebräisch-wissenschaftlich ordentlich gewappnet fei. Nicht die Stimme allein macht es, denn diese Ansicht hat sich Gott sei Dank überlebt. Der Kandidat muß sich mit Zeugnissen ausweisen können, daß er so und so lange sein Studium absolviert hat, sei es an einerprivaten oder öffentlichen Kantorenschule. — Ganz anders verhält es sich natürlich mit den Ansprüchen, die man an eine zweite Kraft stellt. Hier wird wohl auch eine angenehme und kräftige Stimme erforderlich sein, aber man verlangt zunächst die Kenntnis der liturgischen Gesänge oder Gebete in homophoner Ausführung, die Kenntnisse eines Baal Kore und als Nebenfach die Befähigung als Schochet. Ist ja jeder dieser Dienste ein heiliger und jeder erfordert einen ganzen Mann. Oft verlangt aber die Gemeinde, daß der zweite Kantor auch im Chore Mitwirken soll. Wird er imstande sein, sich den Befehlen, sei es des Dirigenten, sei es des leitenden Kantors, zu akkommvdieren? Und wie wird er seine Tätigkeit am Schulchau mit der Tätigkeit als Chorsänger in Einklang bringen? Auch hier spielt das individuelle Moment die Hauptrolle, und nicht immer kann, was im Konkurs verlangt wird, in die Praxis umgesetzt werden. Namentlich was die Mitwirkung im Chor oder das Dirigieren desselben betrifft, was oftmals vom zweiten Kantor verlangt wird, da happerts gewöhnlich. Ich erinnere mich eines Falles, da eine Gemeinde die Stelle eines zweiten Kantors ausschrieb, der gleichzeitig Harmoniumspieler sein sollte, wie sich da ein Bewerber vorftellte, der nicht einmal einen Dreiklaug zu spielen verstand, und der vermeinte, mit dem Anschlägen einiger Terzenzüge wäre schon eine Begleitung möglich. Mit solch geringen Kenntnissen kommen manchmal Leute heran. Aber was ist denn Schuld an solchen Zuständen? Man will nur mit billigen Kräften sein Auskommen haben. Ja, es ist sogar vorgekommen, daß der"Oberkantor Zweifel erhob und einem Vorstandsmitglied vorstellte, daß es doch nicht möglich sei, mit so einem stümperhaften Spiel den Gottesdienst zu versorgen, da bekam er zur Antwort, daß der Aufzunehmende das Fehlende im Laufe der Zeit durch Uebung nachholen werde. Als ob das, was man schon von Jugend auf pflegen muß, vou heute auf morgen erlernt werden könnte! In einem Alter, wo schon die Elastizität