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Die Wahrheit · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrdeu Lerte 11. der Finger längst dahin ist, dn mein Gott, da soll man erst mit Bedungen und Studien beginnen! Wie heißt es doch im Faust? „Dort, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Dieses köstliche Wort könnte man manchem der Herren znrufeu, die schlankweg mit einer Kritik, mit einem Urteil zur Hand sind. Zur Abwehr solcher kritischer Eingriffe hat einst ein Kollege, der sich von befehlenden Herren nicht viel sagen ließ, einem Krakehler. dem niemals was recht war, zugerufen: „Schuster, bleib bei deinem leisten!" (Zufällig betrieb der Betreffende das ehrsame Schnstergewerbe). Darob in öffentlicher Versammlung große Empörung wider den Kantor, der ein ehrbares Mitglied der Gemeinde so apostrophieren konnte; aber der Vorstand, von der richtigen Erkenntnis geleitet, daß niemand außer ihm dem Fachmann eins am Zeuge 511 flicken hat, gab dem Kantor vollkommen recht. Der zweite oder Unterkantor har auch manchmal die Verpflichtung. das Amt eines Lai loksa zu versehen. Es ist dies ein Dienst, welcher in früheren Zeiten als eine große Würde angesehen wurde, so daß sich nur sehr fromme Leute dazu berufen fühlten und berufen wurden, den Schofar zu blasen. Wer also noch gute Zähne und einen entsprechenden Ansatz hat. darf oder kann am Rosch liasciionoli diesen heiligen Dienst versehen, oder richtiger gesagt, wird ausersehen, diese Pflicht zu erfüllen. Wir können diese letzten Sätze in der Vergangenheit und in der Gegenwart auwenden, nur zum Unterschied, daß die Pflicht damals eine freiivillige war, während sie heilte eilte gezahlte ist. Zur Eigmlng, dieses Instrument blasen zu können, gehört auch neben einem guten Ansatz, die Kraft, die vier Töne oder Stöße stylgerecht hervorznbringen, sodaß das T’kio das Intervall einer Quint ausmachen muß, das T’rno einen regelrechten Triller rc. Das Horn selbst soll nicht den hohen Ton eines Piston haben, aber auch nicht zu herb tönen, sondern einen schmetternden baritonalen Charakter haben lind so kräftig, daß das ganze Haus erfüllt ist vom hehren Klange und daß heiliger Schauer in die Herzen der betende Menge einziehe, getreu den Worten: Olok elohim bisruoh Adonaj Bekol schofor! Wie wir nun sehen, wird der Dienst des zweiten Kantors oft zu den wichtigsten Momenten herangezogen und neben allen diesen wichtigen Aemtern ist auch das Vorlesen ans der Thora seine Aufgabe, wenns not tut, muß er auch Religionslehrer sein. Er ist die Mittelsperson für alle Stadien knltneller Dieustesleistung, welche vom Meschorerdienst anfsteigend, sich bis an die Grenze seelenhirtlicher Tätigkeit erhebt. Eine solche mosaikartige Beschäftigung müßte doch einem gewandten Mann — so sollte mau glauben — zu Reichtümern verhelfen. Doch was sieht man in Wirklichkeit? Als sorgenvolle Gestalten schleichen sie zumeist um Gotteshaus und Schule herum und fristen ihr kümmerliches Dasein von den immer seltener werdenden Nebeneinkünften, denn von dem sixen Gehalte von 600 Kronen oder höchstens 1000 Kronen nebst einer Freiwohnung, die nur das Dürftigste beinhaltet, können sie ihre Bedürfnisse nicht decken. Ist nun ein solch wenig beneidenswerter Mann bereits ein Vierteljahrhnndert in ein und derselben Gemeinde, so wird sein Leid nur dadurch noch vergrößert, daß er int Laufe dieser Zeit manchen seiner Glaubensgenossen, die sich am Beginn etablierten, neben sich emporblühen und zu geschäftlicher Größe emporsteigen sah, während er auf demselben Standpunkt stehend, wohl seine Jugend eingebüßt, dafür an irdischen Glücksgütern nichts gewonnen hat. Kein Trost ist ihm geblieben, er zählt die Häupter seiner Lieben — ihm fehlt manch teures Haupt! Er hat dies wohl erwogen und wär' am liebsten von seinen Balbctim — weggezogen. B. S. ßhaim'l Zziendoöry. Ein Kulturbild^ansidem Osten von Oberkantor M.A. Landau, Wr.-Neustadt. (Fortsetzung.) Wie ich so neben meinem Schwiegervater den Platz einnehmeu wollte und er mich in der bloßen ,Pekesche^ sah, da valleirdete er rasch das Schemone Eßreh, maß mich von oben bis unten und wurde feuerrot vor Wut. „Betyar, wo warst Dn so lauge? Wieder bei den Meschumodintt? S 0 kommt man Freitag Nacht, Du Vagabund, Du?! Da — —" Zwei schallende Ohrfeigen ließen mich znrücktaumeln; das Blut raun mir aus Nase und Mund herab und um weiteren Skandal zu vermeiden, verließ ich demonstrativ die Synagoge. „Da s i st der Lohn für Deine Verbindung mit diesen H ö l l e n b r ü d e r n!" schrie er mir noch nach; ich aber ging schäumend vor Zorn und voll Scham ob dieser öffentlichen Schande auf und davon. Das heiße Blut der unüberlegten Jugend trieb mich ins Weite außerhalb des Städtchens. Was sollte mich zurückhalten? Meine zärtliche Gattin, die mir nach kaum halbjähriger Ehe überdrüssig war? Das süße Heim meiner Schwiegereltern, wo ich nur der Gelittene war? Hinweg von dieser verhaßten Gesellschaft! Aber, daß ich meiner a r m e n E l t e r n v e r g e s s e 11 konnte! Gott, mein Gott!" Ein heftiges Schluchzen und.Zittern erschütterte den armen Greis. Ich ließ ihn voll innigen Mitgefühls ungestört, bis er nach einer Weile etwas beruhigt fortfnhr: ..Ich kam in die Nähe des K a p u z i n e r k l 0 st e r s, wo der Pater Guardian gerade vor der Türe stand. Ich blutete noch immer und er bat mich, ihm zu folgen, er wolle mir nur das Blut stillen. Mechanisch folgte ich ihm und kaum hatte sich das Tor hinter mir geschlossen, kaum hatte ich den nur Heiligbildern und Kruzifixen geschmückten Raum betreten, da schauderte ich innerlich zusammen — ich wußte, 1111 it gab e s kein Entrinne n m ehr! Als ich abends nicht nach Hanse kam, scheint im Städtchen ein Aufrithr entstanden zu sein, denn meinem Schwiegervater mußte der Gedanke gekommen sein, daß ich vielleicht zur .Schmad' gegangen bin. Ich erfuhr tu meiner wohlbewachten Zelle, daß die Gendarmerie nach mir fahnde, da aber in Galizien die Klosterpforten stärker sind als die staatliche Gewalt, wurde mein Aufenthalt verheimlicht und die Gendarmerie erklärte mich nach einiger Zeit für nnauffiudbar. Die Patres mußten aber ihre Absicht, mich taufen zu wollen, dennoch irgendwie verraten haben, denn ich erfuhr von einer alten Magd, daß ich am nächsten Pfingstsonntage nnter der besonderen Patenschaft des Grafen Adalbert Lnszicki in die allein seligmachende Kirche ausgenommen werden solle! Dieselbe Magd scheint auch im Städtchen davon geplaudert zu haben, denn ich erfuhr, daß alles in Aufruhr sei; auch meine Eltern mußten etwas erfahren haben; ich sah eines Tages durch das Fenstergitter eine Menschenmenge vor dem Kloster, unter dieser meine arme Mutte r, weinend u n d jammernd! Ich bat den Provinzial auf den Knieeu, mich hinanszulassen, aber er sprach erst begütigend, dann, als ich immer wieder hinausreunen wollte, drohte er mit den strengsten Strafen und spät nachts wurde ich weit weg im geschlossenen Wagen geführt. Im neuen Kloster wurde ich wie ein Sträfling streng bewacht. Wahrscheinlich wurden aber die Herren neuerlich gezwungen, meinen Aufenthalt anzugeben, denn nach kaum zweiwöchentlichem Aufenthalt führte man mich wieder bei Nacht und Nebel in ein weit entlegenes Kloster und bald darauf wurde ich unter großem Pomp und Glockengeläute — getauft. — — „Es ist schon sehr, sehr lange, mein junger Freund, daß sich dies alles zngetragen, denn ich bin schon sehr alt — zwei Glückliche hätten mit den Jahren dieses Unglücklichen genug gehabt — aber ich zittere noch jetzt am ganzen Leibe, wenn ich mich dieses Schauspiels erinnere, das mich bei Tag und Nacht verfolgt. Ich war durch die Hast und durch die Drohungen so eingeschüchtert, daß ich alles mit mir geschehen ließ. Damals gab es noch kein ^zurück*; einmal getauft, mußte man es bleiben! So wurde ich auch nach der Taufe nicht mehr bewacht und an einem Abend gelang es mir, zn entkommen. Drei Tage und drei Nächte lief ich über Wälder und Felder, bis ich erschöpft niederfiel. Ich wurde in einem Bauernhanse gelabt und bat dann den Bauer, mich in das Städtchen meiner Eltern zn führen. (Schluß folgt.) iiUfl

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