Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Die Wahrheit. Lele 9. Nichtigkeit und Flüchtigkeit des Erdeulebens durch ihre Gleichnisreden veranschaulichten — zu Tränen zu rühren und beim Hochzeitsmahle zu belustigen, zu erfreuen und zu erheitern.*) (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. lJ s r a e l i ti s ch e K u l tu s g e in e i u b e.) Dienstag, den 6. Oktober, 6 Uhr abends, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israel. Knitusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Präsidialbericht. Wahlangelegenheiten und mehrere Angelegenheiten, welche Gegenstand öffentlicher Besprechung waren. 2. Berlassenschaft Seidel. Wien. Wer sich einen Begriff von der ethischen Höhe des jüdischen Volkes machen will, der muß an seinen hohen Fest- und Bußetagen seine Andachtsstätten aufsnchen. Dieser Anblick ist in jenen Bezirken, wo die jüdischen Proletariermassen wohnen, besonders interessant. Da begegnte man an diesen Tagen durchwegs festlich gekleidete Inden, die alle einen Weg gehen — ins Bethaus. Dort sitzen sie, allen Kummer, alle Last des Lebens, alle Sorge und Pein mit dem Werktagskleide gleichsam abgestreift, vertieft in ihren Gebeten, die Seele zu Gott gekehrt und in Tränen den Schmerz und die Bitternisse eines von Mühen beladenen Lebens auslösend. — Sie klagen niemanden an. sie empfinden keinerlei Groll, keinen Haß. Wie die Küchlein, wenn Gewitterwolken am Firmament aufziehen, unter den Flügeln der Henne schützend sich bergen, . ebenso fluchtet sich das jüdische Element ans der Oeffentlichkeit unter die Fittiche der Allmacht um Schutz zu erflehen, auf daß jedes Verhängnis von ihm fernbleibe und damit sie es leite ans die Bahn des Rechtes, daß sie ihrer Arbeit und ihrem Streben himmlischen Segen spende und die Herzen der Mächtigen erwärme, damit sie ihm Wohlwollen und Gerechtigkeit widerfahren lasse. — Diese Gefühle beseelten mich, als ich an den hohen Festtagen die Andachtftütten im XX. Wr. Bezirke durchwanderte und als ich mich am zweiten Rosch-Aschono- Tage im Brigittasaale, in der Wintergasse niederließ, um dort das Schofer-Blasen zu vernehmen und ans hunderten Kehlen das einleitende Gebet lamnazeach liwne korach mismor elementar sich entrang, um in siebenmaliger Wiederholung, immer leiser und leiser, wie die Akkorde einer Symphonie zu verhallen, da konnte ich mich, der Freigeist, nicht halten, mächtig bewegt es meine Seele und ein Tränenstrom entquoll meinen Augen. Zn dieser sentimentalen Anwandlung mag aber auch das lobenswerte Vorgehen des Vorstandes des Brigiltenaner Tempelvereines ein gut Teil beigetragen haben. Dieser hatte in der vornehmsten Weise für die religiösen Bedürfnisse der Brigittenaner Judenschaft Vorsorge getroffen. In zwei Filialen, im Saale des „Weilandhofes" und „Znr Brigitta" wurde unter Heranziehung tüchtiger Funktionäre Gottesdienste abgehalten und, frei von jedem Geschäftsgeist, jeder angebotene Betrag für einen Sitzplatz angenommen und vielfach auch ohne jedes Entgelt der Einlaß gewährt. Trotzdem aber keine sogenannte strenge Kontrolle vorhanden war, herrschte überall vollste und schönste Ordnung, da der Vorstand selbst die Aufrechterhaltung derselben in der Hand harte. Möge nun fürderhin, auch im Werktags- und Wirtschaftsleben unseres Volkes, der Geist der Solidarität und der Verträglichkeit Platz greifen, und ein Band der Liebe das soviel geschmähte und verkannte jüdische Volk umschlingen, zum Heile und znm Segen. X. Ch. Wien Sonntag, den 27. September, hat im „Hotel Stefanie", II., Taborstraße 12, eine deutsch-jüdische Operettengesellschaft aus Lemberg die diesjährige Saison eröffnet. Der Direktion ist es gelungen, die besten Kräfte vom jüdischen Genre zu engagieren, und es treten unter anderen die hier beliebten Künstler, die Herren Reis man. Podzamcze, W ein b erg, sowie die Damen S. Weinberg, Helena G esp aß, Pepi Weinberg ans. Zur Aufführung gelangt das weltberühmte Meisterwerk von H o r o w i tz: „Der Philosoph im Jrrenhanje." Wien. (Ein v e r d i e n st v o l l e r S ch u l m a n n.) Herr Samuel I. P o l l a k, Lehrer an der städtischen Knabenschule, II., Kleine Sperlgaffe 2, vollendet am 9. Oktober d. I. sein 70. Lebensjahr. Herr P o l l a k steht seit 1861 im Lehramte und wirkt seit 1874 als städtischer Volksschnllehrer und israel. Religionslehrer an obengenannter Anstalt. Seit 1895 ist er Mitglied des Ortsschulrates im II. Bezirke. Der Jubilar, dessen Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit im Lehramte von den Schulbehörden wiederholt Anerkennung gefunden, erfreut sich infolge seines regen Humanitären Wirkens und wahrhaft edler Menschenliebe allgemeiner Verehrung und zählt zu den populärsten Schulmännern Wiens. Von Seite zahlreicher Freunde und Kollegen, wie auch von seinen nach Tausenden zählenden Schülern sind dem verdienstvollen Jubilar höchst ehrende Ovationen zngedacht. _ Sch. Wien. (Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk, Grüne Torgasse 19. VIII. Vereinsjahr.) Die Einschreibungen für die Schule haben bereits begonnen und finden am Montag und Mittwoch von 5 — 7 Uhr abends, an Sonntagen von 10—12 Uhr vormittags statt. Austerlitz. Donnerstag, den 24. September, wurde unter zahlreicher Beteiligung Frau Fanny S ti.aßny zu Grabe getragen. Die Verblichene, die ein Älter von 85 Jahren erreicht hatte, betätigte sich immer. *) Schreiber dieser Zeilen hatte in seiner frühesten Jugend — als zehnjähriger Knabe — in Ungarn derartige Hochzeitsfeierlichkeiten mit angesehen. sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben, als Ischoh Chaschuwoh, und ihr Heimgang hat allgemeine Trauer erweckt. Die kantorale Funktion versah Herr Kantor Stern unter Assistenz des Dirigenten I. H u ß in ergreifender Weise. Teplitz. (Besuch des Ferienheims in Gersdorf bei Böhm.-Kamnitz.) Am 27. August d. I. besuchte ich mit meinem Freunde Oberlehrer F. das Teplitzer Ferienheim und gewann daselbst einen solch guten Eindruck, daß ich mir über denselben einen kurzen Bericht nicht versagen kann. Nach einer einstündigen Wanderung von B.-K a m n i tz ans gelangten wir in das von herrlichen Fichtenhainen nmsänmre Gersdorf. Die rauhe und staubfreie, würzige Luft, nicht minder die freundlichen Bewohner des Ortes machten gleich den besten Eindruck auf uns. Noch anmutender und heimlicher aber wars beim Eintritte in das eigentliche Ferienheim. Gleich im Vestibül fiel uns die marmorne Gedenktafel für den verstorbenen, ersten Obmann des Vereines, Dr. Josef Weil, auf, der sich hier dem Verdienste gemäß ein ewiges Andenken gesichert hat. Links vom Vestibül befinden sich zwei große Speisesäle, einer für Knaben, einer für Mädchen. An der Zwischenwand war noch das anläßlich der allerhöchsten Geburtstagsfeier dekorierte Kaiserdild zu sehen. An den langen Tischen sitzen die Kolonisten, nach einem kurzen, gemeinschaftlichen Gebete, die Mahlzeiten abzuhalten. Gegenüber dem einen Speisesaal ist eine geräumige Küche mit allen nötigen Einrichtungen; daß es darin an Ordnung und Reinlichkeit nicht fehlt, dafür sorgt die ebenso fleißige als umsichtige Kolonieleiterin, Frau M a n d l. Rechts vom Eingänge im Parterre ist ein Waschranm mit Brausebad und daran anstoßend die Dienstwohnung des Hausmeisters. Eine Speise-, eine Kohlen- und Holzkammer ist selbstverständlich auch da. Eine breite Steintreppe führt in den ersten Stock, in welchem sich nebst den abgesonderten 'Schlafräumen folgende Lokalitäten befinden. Zunächst ein Krankenzimmer mit besonderem Eingänge, in welchem sich die reichlich ausgestatlete Hausapotheke befindet, ferner ein Zimmer für die Kolonie- Leitung (Leiter ist Herr Religionslehrer M. M a n d l ans Dux), eine Bibliothek mit 300 Bünden Jugendliteratur, gegen 40 Gesellschastsipiele. Turngeräte, ein Wäscheschrank, eine Dezimalwage zur Kontrolle des Gewichtes jedes einzelnen Kindes, ferner, nebenan ein Jnspektiouszimmer, welches zugleich als Gastzimmer für die Vorstandsmitglieder dient. Tie Schlasränme im 1. Stock sind licht und lustig, jedes Bett und jede Waschgarnitur ist numeriert, an den Wänden sind Fächer für die Kleider der Zöglinge angebracht und eines der größeren Kinder versieht die Stelle eines Kleiderwarts, während ein zweites die Bibliothek, ein drittes die Jugendspiele in Ordirung hält. Im Vorhause sind einige Kästchen mit Schuhputzzeug und Kleiderbürsten und die Kinder werden angeleitet, sich derselben selbst zu bedienen. Neben dem Schlafsaal für Knaben ist ein Exrrakabiuett für den Kolonieleiter neben dem für Mädchen ein solches für die Kolonieleiterin, so daß die Kinder auch während der Nacht unter Aussicht sind. Nachdem auch den hygienischen Ansprüchen vollauf Genüge geschieht, ließ der Vorstand auf eigenem Grund und Boden eine in jeder Hinsicht einwandfreie Wasserleitung Herstellen und daß auch für den Fall einer raschen Verständigung zur ärztlichen Hilfeleistung vorgesorgt ist, stellte ein Vorstandsmitglied Herrn Mandl ein neues Zweirad zur Verfügung. Der überaus freundliche Nachbar des Ferienheims gestattete auch die Benützung seines Teiches znm Kahnfahren und Baden. Eine eigene große Wiese nächst dem Hanse dient der Jugend zum Turnen und Spielen, mitunter werden auch kleine Theaterstücke aufgeführt. Dieses mit allem Komfort modern ansgestattete Ferienheim verdankt unsere liebe Jngend dem anfopfernngsvollen Vorstande und dem ihm zur Seite stehenden rührigen Damenkomitee, sowie zahlreichen Gönnern und Freunden des Vereines. Denen, die an Appetitlosigkeit leiden, wäre ein Besuch dieses Ferienheims sehr zu empfehlen. Man muß es mit eigenen Augen sehen, mit welchem Heißhunger die blühend aussehenden Kinder nach ihren Ausflügen oder Spielen ihre Mahlzeiten einnehmen. Fürwahr, es ist diese neue Schöpfung in Gersdorf für unsere Jugend ein humanes Werk, segensreich und dankbar, würdig, dem edelsten an die Seite gestellt zu werden. I-chrcr 8. 8. in T. Grzymalow. Am 20. v. M. verschied Hier Frau Breine K a tz im 70. Lebensjahre. Sie war eine überaus gute Frau, die allseits verehrt wurde und deren Hinscheiden in unserer Stadt anss tiefste betrauert wird. Die Beerdigung der Verblichenen fand unter imposanter Beteiligung seitens aller Bevölkernirgsschichten statt, die von nah und fern herbeigeeilt ivaren, um der Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Um die Dahiugeschiedene trauern vier Söhne, darunter Herr Josef K a tz. Oekonomats-Verwalter des Wiener Bank-Vereines. Gesegnet sei ihr Andenken. Hamburg. (H a m b n r g - A m e r i k a - L i n i e. > Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampsern finden statt: Nach N e wyork: Die Postdampfer: President Grant 26./9., Kaiserin Auguste Viktoria l.'lO., Pennsylvania 3/10., Schnellpostd. Deutschland 8./10, Patricia 10./10. Nach B o st o n : Die Postdampfer: Belgravia 29./9., Bosnia 16.10. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Belgravia 29-/9., Bosnia 16./10. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Barcelona 30./9., Armenia 16./10. Nach Neworleans: Postdampfer Sevilla 13./10. Nach Quebek-Montreal: Postdampfer Nordamerika 26./9. Nach W e st i n d i e n: Die Postdampfer: Patagonia 1./10., Odenwald 5./10.. Bolivia 7./10. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Albingia 2Z./9., Chernskia 3./10., Kronprinzessin Cecilie 14./10. Nach Ostasien: Die Postdampfer: Scandia 30./9., C. Ferd. Laeisz 12./10-, Jstria 15./10.. Bcisgavia 30./10. Nach W l a d i w o st o k: Dampfer C. Ferd. Laeisz ab Hamburg 12./10. A r a b i s ch - P e r s i s ch e r D i e n st: Poftd. Hispania ab Hamburg 17./10.