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Die Wahrheit · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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?tr. 39 Tie Wahrheit Seite 7. Gegenstrom hervorgernfen, denn unter den warmen Verteidigern wie unter den größten Gegnern der nationalen Bewegung — oder sagen wir Bewegungen — gibt es. ebenso wie es viele Orthodoxe gibt, auch, einige Liberale. - Manche sagen,, daß die nationale Bewegung! Seile au Seite mit der liberalen anskommen kann. Die jüdische Nation ist eine. Erscheinung, die jüdische Religion ist eine andere, ganz getrennte.. Es kann sehr wohl eine jüdische Religion als universale, wenn man will, geben, die Angehörige-vieler Nationen aunehmen können. Die Männer jüdischer Nation brauchen nicht durchaus alle Mitglieder ein und desselben Typus der jüdischen Religion oder der jüdischen Religion überhaupt zu sein. Die Tage der Einheitlichkeit und Untrennbarkeit von Nation und Religion sind vorbei. Es kann sehr wohl Inden dem Glauben nach geben, die es nicht der Nationalität nach sind, und solche hinsichtlich der Nationalität, die nicht Inden dem Glauben nach sind. Dieses Argument l'eiu wohl den Geist in Nahrung, aber es versetzt uns gleichzeitig in eine entsernte und noch zu unwirkliche Zukunft. Andere nationale Liberale dagegen, soweit sie sich überhaupt noch' für Religion und das liberale Judentum interessieren, neigen dazu, die alten universalen Anfsassltngen zu revidieren. Sie meinen, man müsse zunächst erst an die Gegenwart und dann erst an die weitere Zukunft denken. Das Judentum ist, und es scheilit nach allem, als ob es lange so bleiben sollte, ausschließlich die Religion der Juden. Darum solle man sich vorsehen, so sagen sie, wenn ihr es durchaus zur Universalreligion machen wollt, daß ihr bei diesem Vorgänge es nicht zerstört nub es so für die Inden selbst der Anziehungskraft beraubt, daß es an Kraftlosigkeit zugrunde geht. Viele derjenigen Sitten und Zeremonien, denen wir nicht länger anhangen. oder die wir nicht länger feiern können, wenn wir sie als Ansdruck göttlichen Willens ansehen, wollen und können wir als nationalen Ursprung entstammend halten, als entstammend nationaler Idee. Es gibt keinen Grund, ans dem man nicht ein Fest wie das, welches die heldenmütige Aufopferung der Makkabäer feiert, mit anderen Worten ein nationales Freiheitsfeft, nicht auch mit religiösen Gedanken sollte ausstatten können, zumal es doch unter den Festen, die auch der absoluteste Liberale anerkennt, solche gibt, die — wie das Passahfest — zugegebenermaßen sowohl nationalen wie religiösen Charakter tragen. Gerade das sei ein ausgesprochen jüdisches Fest zu nennen, das zu universalen Dogmen einen unbestritten nationalen Anstrich fügt und von einem'vorbildlich nationalen Ritus getragen wird. Es bezeichnet docb das Verhältnis am meisten, daß Religion und Nationalität einander zu befruchten geschaffen sind, der Art, daß die Religion den Nationalismus dahin beeinflußt, daß kein falsches, chauvinistisches und fremdenfeindliches Nationalgefühl überhaupt im Bereich der Möglichkeit bleibt und der Nationalismus seinerseits wieder die Gefühle für die Religion vertieft und beseelt. Warum, argumentieren sie, soll dieses einzigartige Verhältnis nicht genutzt werden? Warum will man es gar zerstören, um ein Gemisch von Milch nnd Wasser zu schaffen, ein Gebilde, das nicht Fleisch ist noch Fisch, einen charakternnd farblosen, kalten jüdischen Unitarismns? Inwieweit der Liberalismus in Zukunft diesen Argumenten sich verschließen wird, kann heute nicht gesagt werden. Noch auch soll ihr Wert oder Unwert untersucht sein. Diejenigen Nationalisten, die im allgemeinen fest bleiben, was die Religion, und zwar speziell die liberale Religionsanffassnng und das liberale Judentum betrifft, sind unsere Freunde; ihnen — wie den Antinationalisten — ist der Liberalismus im Judentum wert und teuer. Diese, ingleichen jene, bekennen sich offen, seine Verteidiger, seine Vorkämpfer zu sein. Laßt jeden für sich auf seinem Wege arbeiten. Weit gefährlicher sind die. die der Antisemitismus und der Nationalismus, jeder in seiner Art, verblendet nnd entwicklnngsseindlich gemacht haben, nnd die mehr Wert zu legen scheinen auf die Riten, die uns trennen, als ans die großen, einigenden Wahrheiten der Propheten. Weit gefährlicher sind die, die da zu beruhigen und zu vermitteln trachten, die den schlafenden Löwen nicht wecken wollen, die das Alte nur als Reliquie auffasseu, die nicht an ihm rühren wollen und falschgefühlte Poesie und romantische Empfindung, alte nnd veraltete Auffassungen und Einrichtungen verklären wollen. Noch gefährlicher (es sind die Schlimmsten von allen) sind die^ die da predigen: „Glaubt was ihr wollt, aber haltet dessenungeachtet die Ritualvorschriften", obgleich sie einer wie der andere keine eigene Meinung haben. Oder die da sagen, tue was da jeder will, aber redet nicht darüber; in der wildbewegten Gegenwart gebt euch den Anstrich des Friedens, laßt das althergebrachte und offizielle Judentum weiterleben, ohne Nebenbuhler, ohne Kritiker —-und die dabei nicht beachten, wie die Gemüter immer mehr erstarren, immer mehr dem Judentum entfremdet werden, der Religion und Gott. Dieses Kleben an der Oberfläche, diese Unklarheit im Denken, diese ungesunde Stagnation, dieser faule Friede, keines dieser Kampfmittel dienc der Sache der liberalen Religion, des liberalen Judentums. Aber glauben Sie nun nicht etwa, daß mein Glaube an die Zukunft unserer Religion erkaltet sei, daß ich nicht neben diesen Schwierigkeiten Zeichen des Fortschrittes und Grundlagen für Hoffnungen erblicke! Immer noch glaube ich unabänderlich nnd nnerschnttert an den menschlichen Fortschritt, und ich kann es immer noch nicht glauben, daß der Antisemitismus, diese Mißgeburt ans Rassenhaß und religiösem Vorurteil, der Menschheit als bleibendes Attribut anhafte. Das liberale Judentum macht, wie jede andere Religionsform, seine Krisis jetzt durch. Die, die zu ihm halten, die da vertrauen, daß es richtig mit) wahr ist. müssen auch an einen endgiltigen Sieg glauben, denn wer auf Seite seiner Lehre steht, der glaubt an den endgiltigen Sieg der Wahrheit, sollte es vergehen müssen, damit seine Lehren leben, leben unter anderem Namen, propagiert von umfassenden Organisationen, so würde dieses Ende unrühmlich nicht genannt werden können. Ob nun aber sein Sieg im Leben liegt, ob es siegt durch seinen Tod, für die, so es gegenwärtig verfechten, bleibt das gleich! Der Tod des Siegers ist ein ganz anderer als der, den der Hoffnungsberanbte im Selbstmord findet. Drum werden die, die auf den liberalen Gedanken im Judentum ihr Hoffnung gesetzt haben, weiter kämpfen, erwartungsvoll und mutbegeistert dem geliebten, wenn auch fernen Ziel entgegen. Durch Kampf zum Sieg! Durch Sieg zum Ziel! Das Jede» nnd Wirken der Inden in Oesterreich in normiirfiichen Zeilen. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Hören wir, in welcher Weise die Verlobungsnnd Traunngsfeste im österreichischen Staate in vormärzlichen Zeiten gefeiert wurden. Sobald der die Jeschiba besuchende Talmndjünger, oder der irgend einem Handwerke oder sonst einem Geschäfte sich lvidmende Jüngling das 24. Lebensjahr erreicht nnd — in Böhmen, Mähren, Schlesien rc. — eine „Familienstelle" zu erlangen Aussicht hatte, wurde er, so er nicht selbst mittlerweile die „Bekanntschaft" eines ihm liebgewordenen Wesens gemacht hatte, von den sogenannten „Sehadchonim“, Heiratsvermittler, lebhaft angeregt, einen eigenen Herd zu gründen und den Bund der Ehe zu schließen. Wenn man übrigens bedenkt, daß die alten Rabbiuen, die besonders auf die Jugend einen mächtigen Einfluß hatten, unausgesetzt bemüht waren, derselben die schönsten und herrlichsten Grundsätze ins Herz zu pflanzen und ihr frühzeitig die Gesetze der Moral, Sittlichkeit und Keuschheit einzuschärfeu, und daß daher nicht nur die Talmudjünger, sondern auch die gewerbetreibende Jugend ängstlich und sorgfältig jede Gelegenheit, die irgendwie zur Verletzung der Sittlichkeit hätte verleiten können, vermieden hatte, so wird man es begreiflich finden, daß der Wirkungskreis der „Schadchanim" vormärzlich ein weit größere^.

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