Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063457--05682-3072625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
/» A ä Nedakliou ». »ibmuiifti ntiöi;: Wie». 11/, Nvvcu'aglisjr 27. ttlrltöuu brv D> »ckrrel 153US Anakhängige Heiischnfi für Mische ... fl. U.— H.iivjiitzria! fl. 7 — fl. k. öfterr. Postsparkasia- Scheck-Konto Nr. 1W.918. Interessen. Für Eiiltiisbrumte. Znieratr . fl Ui.- Die viermal geivaiteile Nonvareille-Zeiie 25> Heller. »iboilllcmeinr- H. Snteition«- Erscheint jeden Kreitng. /Hir '.’liitftauD : belräze nud in auieii zadlvar . . . 8 '■JJiittf und kingdar. Motte; „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü DtiiDel oder >» i?c*. Ur. 89. Wien. 2. Oktober 1998. Inhalt: Aus der Woche. — Konferenz jüdischer Notabeln. — Reflexionen. — Liberales Judentum. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Jaum Kippur in Schul'. — Die Wirksamkeit des zweiten Kantors. — Feuilleton: Chaim'l Dziendobry. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am l. Oktober begonnene 4. Ouartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Kanzjährig Kr. 14.— Kalbjährig Kr. 7.—, Uierteljährig Kr. 3.50. K. k. PoftfParkassen-Konto 1VV.S18. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, bei Einsendung des Abonnementsbetrages den zugesandten Erlagschein zu benützen. Die Redaktion. Ans der Woche. Eine der vornehmsten Aufgaben der jüdischen Kultus" gemeiliden, für die auch in Wien alljährlich hunderttausende von Kronen aufgewendet werden, ist die Fürsorge für den Kultus. Nebst der gesetzlichen Verpflichtung, für die religiösen Bedürfnisse aller Gemeindemitglieder Sorge zu tragen und hiebei auf die verschiedenen Riten Rücksicht zu nehmen, galt es als eine alte Wiener Tradition, die verschiedenen orthodoxen Schattierungen seitens der immer im fortschrittlichen Sinne verwalteten Gemeinde bei der Abhaltung ihres Gottesdienstes möglichst wenig zu behindern mib Jeden nach seiner Fagon selig werden zu lassen. Dieses Liberale Prinzip scheint nun in letzter Zeit außer Kurs gekommen zu sein, und immer häufiger kommen Konflikte zwischen orthodoxen Vereinen und der Kultusgemeinde vor. Wenn nun die Gemeinde in dem Widerstreit der Meinungen und Parteien ihre Autorität zu wahren sucht, so wird ihr das gewiß niemand übelnehmen, aber was in den letzten Tagen in einem solch speziellen Falle in Wien sich ereignet hat, das scheint denn doch die Grenzen des Zulässigen zu übersteigen. Man höre und staune: Im 20. Bezirke wurde am Neujahrsfeste die gottesdienstliche Veranstaltung eines Vereines über Einschreiten des Kultusvorstandes von polizeilichen Organen aufgehoben und die Schar der Beter, während die Thora zur Vorlesung bereit lag, auseinandergetrieben. Daß eine solch gewaltsame Auflösung eines jüdischen Gottesdienstes an einem der hohen Festtage über Anordnung und mit Bewilligung eines jüdischen Kultusvorstandes erfolgt ist, dafür gibt es keine Ent-» j schnldignng und keine Beschönigung, das ist ein chiliul hasekem! der ärgsten Sorte. Zugegeben, daß der betreffende Verein j keine Berechtigung zur Abhastung des Gottesdienstes hatte! ttnd der Kultusvorstand das konsequente Hinwegsetzen über; seine wiederholten Anordnungen nicht ruhig hinnehmen! konnte, mußte deshalb die Brachialgewalt am Festlage selbst l und während des Gebetes angewendet werden? Konnte nicht das Ende des hohen Festes, oder wenigstens die Be- - eudignng des Gottesdienstes abgewartet werden, oder wäre es überhaupt nicht ratsamer gewesen, dem Vereine ein Minjan i für die Dauer der hohen Feiertage zu bewilligen, was doch , bei der großen jüdischen Bevölkerungsziffer in der Brigittenau! leicht zu rechtfertigen wäre, und nach den Feiertagen die Ab-! Haltung weiterer Gottesdienste mit den gesetzlich zur Verfügung > stehenden Mitteln zu inhibieren? Auch früher hat es derartige! Konflikte gegeben, aber sie wurden mit weiser Mäßigung be-! handelt und öffentliche Skandale vermieden. Derartige Gewaltmaßregeln jedoch werden, wenn ihnen auch die Majorität des I Knltusvorstandes zustimmen sollte, in der Gemeinde keine Büli-; gung finden und bei den bevorstehenden Wählerversammlungen! zur berechtigten Kritik und Opposition herausfordern. * *! * | Vor kurzem beging die Stadt Czernowitz die Feier ihres! hundertjährigen Bestandes als Landeshauptstadt. Seit jeher : waren die Juden ein wichtiger Kulturfaktor in der Bukowina,! aber trotzdem können wir uns nicht erinnern, daß bei den mannigfachen offiziellen Kundgebungen anläßlich der Zentennarfeier, des großen Anteiles, den die Juden an dem kulturellen und volkswirtschaftlichen Aufschwünge der Landeshauptstadt genommen haben, besondere Erwähnung getan wurde. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, da Dank der Agitationsreisen der! Wiener Antisemitenhäuptlinge der Antisemitismus auch in der Bukowina üppig in die Halme schießt, braucht das nicht zu wundern, aber daß auch in früheren Zeiten der Jude von den Landesstellen feines Glaubens wegen stiefmütterlich behandelt wurde, davon erzählt Karl Emil Franzos in einem feiner nachgelassenen Werke eine lehrreiche Geschichte, die um so interessanter ist, als sie gleichzeitig darüber aufklärt, wie der im religiösen Jndifferentismus ausgewachsene Dichter zu einem begeisterten Kämpfer des Judentums wurde. j „Es war ganz ausgeschlossen", sagt Franzos, „daß ich, j meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum i vollen Pflichtgefühl erzogen, jemals daran denken konnte, meinen! Glauben zu wechseln. Aber ebensowenig dachte ich daran, daß j das Judentum in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen,