Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 39 ','1 >; \ daß ich jemals innerhalb der engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte. Ich wollte Jude bleiben, auch hier meiue Pflicht tun, das ist alles." Dieses anfänglich etwas kühle Verhältnis des Dichters zum Judentum ändert sich erst, als derselbe vor die Alternative gestellt wurde, für seinen Glauben ein schweres Opfer zu bringen, oder seinen Glauben selbst zu opfern. Franzos Lebensideal war ursprünglich, klassische Philosophie zu studieren, für die er eine eminente Begabung mitbrachte, und Professor zu werden. Da er arm war, und eine Familie zu erhalten hatte, war er darauf angewiesen, ein Stipendium zu erlangen, das ihm in Anbetracht seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten, unmöglich entgehen konnte. ..Die Entscheidung", so erzählt nun Franzos, „ließ lange ans sich warten. Endlich wurde ich eines Tages zum Laudesschef (es war dies der Laudesschef der Bukowina, welcher das Gesuch Franzos' auf das wärmste empfohlen hatte) berufen. Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit: „Ihre Eignung ist außer Zweifel, aber-" Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken. Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hatte ja auch keinen rechten Sinn, denn ich wollte ja eine Universitätsprofessnr erreichen, und die war ja den Juden unmöglich. Es war im Sommer 1867 vor der liberalen Aera". Und;mn in dem schweren Leid, in dem bitteren Unrecht, das der Dichter wegen feines Judentums erfahren mußte, ging in seinem Herzen die große Liebe zu demselben auf. Ihm erschien es als ein Ding der sittlichen Unmöglichkeit, mit feiner religiösen Ueberzengnng Schacher zu treiben. Da er arm war, mußte er zu feinem grenzenlosen Schmerze auf das geliebte Studium verzichten und einen anderen Beruf wählen. Nun hören wir den Dichter, wie diese Resignation auf ihn wirkte: i,Derlei wirkt auf den Menschen verschieden, je nach seiner Anlage. Der eine kann das Opfer tlicht bringen, ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer. Der Andere verzichtet zwar, beginnt aber innerlich sein Judentum als ein Unglück zu empfinden und zu — hassen. Den Dritten aber beginnt fein Glaube eben deshalb näher an - zu g e h en, w ü rmer z n interessieren, weil er ein solches Opfer hat d a r b r i u g e n müssen. Das letztere war bei mir der Fall. Ich wurde kein Frommer im Lande, aber meül Interesse für das Judentum, das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Czernowitzer ..Wassergasse" wurde ungleich stärker als bisher." * Heutzutage scheinen die beiden ersten von Franzos geschilderten Menschenkategorien zu überwiegen und die Tatsache, daß in den letzten Jahren die Zahl der Fahnenflüchtigen, die dem Judentum den Rücken kehren, in erschreckendem Maße sich mehrt, muß einen äußerst betrübenden Eindruck Hervorrufen. Wir wollen sicherlich nicht Mildernngsgründe für die Renegaten suchen, die unter dem Drucke ganz außerordentlicher Verhältnisse zur Taufe schritten. Aber was soll mau erst von Jenen sagen, die in Wohlstand und unabhängiger gesicherter Lebensstellung, weder von Gefahr und Not noch von brennendem Ehrgeiz nach sonst unerreichbaren Stellen getrieben, die Religion ihrer Väter verlassen, lediglich ans dem Grunde, weil ihnen der Name „Jude" lästig ist? Dieses Renegatentum das auch Oberrabbiner Dr. Güdemann in seiner letzten Nenjahrspredigt'vortrefflich gezeichnet hat, ist so empörend und niedrig zugleich, daß man es kaum begreifen kann, daß es nicht überall, bei Inden wie bei Christen, die tiefste Mißachtung erfährt. Das Wort Heines, der Abfall bedeute immer eine Charakterschwäche, ist für diese Abtrünnigen viel zu milde. Ihr Abfall verrät eine Charakterlosigkeit. für die keine Züchtigung, keine Brandmarknng zu hart wäre, und es nimmt uns wahrlich wunder, daß. wie wir kürzlich aus sicherer Quelle vernommen haben, die in den Wiener jüdischen Blättern regelmäßig erfolgende Veröffentlichung der Abfallliste an maßgebender Stelle in der Gemeinde nicht besonders gern gesehen wird. Speziell in Wien und in Budapest haben vor einiger Zeit Träger jüdischer Namen ihren Austritt aus dem Judentum angemeldet, die in der „Gesellschaft" auch bisher eine große Rolle gespielt haben. Die wahrhaft vornehmen Inden und Christen, in deren Gesellschaft die Erwähnten verkehren, sollten über diese Gesinnungslumperei, die den Religionswechsel wie einen Wechsel der Toilette ansieht, nicht so gleichgiltig hinmeggehen. * Den Gipfelpunkt der Lumperei hat aber unbedingt nachstehender Fall erreicht. In einem vielgelesenen Wiener Blatte war vor einiger Zeit nachstehendes Inserat zu lesen: Junger Israelit, aus sehr guter Familie sucht einen einflußreichen Taufpaten. Vermittlung honoriert. Unter „Hohe Protektion" an das Ankünd.-Burean d. Blatt. Die Gesinnung, die aus diesem Inserat spricht, verrät sich von selbst so deutlich, daß sie kaum einer weiteren Kennzeichnung bedarf. Die Gemeinheit, welche in dem Abfall von der jüdischen Religion ganz unverhüllt ein Geschäft erblickt, bei dem eine Provision zu erlangen ist, brandmarkt sich selbst genügend. In dem Inserate mag vieles wahr sein: der Wunsch, einen „hohen Protektor" zu finden, der dem Gesinnungslumpen zu einer einträglichen Stellung verhilft, ist gewiß echt, auch die Bereitwilligkeit, hiefür eine entsprechende Provision zu bezahlen, soll nicht bezweifelt werden — aber daß der Mensch, der sich so an den Pranger stellt, „ails sehr guter Familie" ist. möchten wir gerne als eine dicke Lüge betrachten dürfen. Wir wünschen einer „sehr guten Familie" andere Sprößlinge. * * * Der bekannte jüdische Humorist Schvlem-Aleichem begeht in kurzer Zeit sein 25jähriges S ch r i f t st e l l e r - I u b i l ä u m. Scholem-Aleichem, der so vielen Juden und Nichtjnden — beim eine große Reihe seiner Erzählungen ist in verschiedene Weltsprachen übertragen worden — in diesen 25 Jahren manche heitere Stunde bereitet hat, liegt jetzt selbst schwer krank in Baranowice (Podolien). Er lebt auch sonst in sehr ärmlichen Verhältnissen, und einige seiner Freunde planen deshalb, ihm zu seinem Jnbilänmstage eine Ehrengabe in Geld zu überreichen. Noch vor wenigen Monaten machte Scholem-Aleichem. der wohl der bekannteste, jüdische Humorist der Gegenwart genannt werden darf, eine Tournee durch Amerika, wo er unter dem großen Beifall seiner Zuhörer in einer endlosen Reihe von Vorträgen seine Humoresken und Erzählungen vorlas. Er heißt mit seinem bürgerlichen Namen Rabinowitsch, und schon die Wahl seines Pseudonyms (Schvlem Aleichem „Friede sei mit Euch" oder „Guten Tag") deutet den heiteren Charakter seiner schriftstellerischen Tätigkeit an. In Amerika begegnete er auch dem bekannten amerikanischen Humoristen Mark T w a i n, dem er von einem Bekannten mit den Worten vorgestellt wurde: „Das ist der jüdische Mark Twain!" worauf der Amerikaner schlagfertig erwiderte: „Freut mich sehr — ich bin der amerikanische Scholem-Aleichem! * * $ In Berlin hat, wie an anderer Stelle dieses Blattes ausführlich berichtet wird, eine jüdische Kolonisations-Konferenz stattgefunden, die den Zusammenschluß der großen jüdischen Kolonisation bezweckt. Angesichts dieser Tatsache ist es höchst erfreulich, daß nach einer Meldung aus Palästina auch in dortigen, in ziemlicher Leblosigkeit verharrenden Masse der Inden nunmehr ein frischer Hauch Eingang zu finden scheint. Vor einigen Tagen fand nämlich in Jerusalem eine Versammlung von einigen hundert sephardifchen Inden statt. Die bisher städtischen Bewohner Jerusalems berieten darüber, wie sie sich auf dem Lande als Kolonisten seßhaft machen könnten. Man fängt also auch in diesen Kreisen an zu erkennen, welchen Schaden für das palästinische Judentum es bedeutet, wenn die Masse in einigen Städten eng zusammengepfercht wohnt und so sich selbst jeder Entwicklungsmöglichkeit beraubt. Die erwähnte Versammlung kam am Ende zu dem Beschluß, daß man gegenwärtig am besten daran tue, nach C y P e rn zu gehen und dort vielleicht mit Hilfe der „Jewish Colonisation Association“ eine neue jüdische Kolonie zu gründen. Die englische Regierung hat bekanntlich mehrfach erklärt, daß sie eine jüdische Inli